So funktioniert KI rechtssicher – und erfolgreich
Nicht Visionen, sondern konkrete Anwendungsbeispiele, rechtliche Leitplanken und die Integration von Künstlicher Intelligenz in bestehende Strukturen – das war Inhalt der KI-Online-Konferenz von Haufe, mit mehr als 10.000 Anmeldungen die bislang größte KI-Konferenz in Deutschland.
KI als Partner, nicht nur als Werkzeug
Im Gespräch mit Reiner Straub, Herausgeber des "Personalmagazins", ordnete der Bonner Philosoph Markus Gabriel die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz auf einer ethischen Ebene ein. KI sei längst eine Schlüsseltechnologie, vergleichbar mit dem Internet. Entscheidend dabei sei nicht allein die verwendete Technik, sondern die Art der Nutzung durch den Menschen. Jede Interaktion gieße weiter "Öl ins Feuer eines sich selbst verstärkenden Entwicklungszyklus".
Dabei arbeite KI mit menschlichen Daten, erkenne Muster, Emotionen und Denkweisen und spiegele diese zurück. Gabriel zog dabei den Vergleich zu einem symbolisierten Lebewesen, lebendiger als ein reines Werkzeug. Menschen führten längst intime und höchstpersönliche Gespräche mit Chatbots. "Wer KI nur als Tool begreift, verkennt ihre soziale Wirkung", sagte Gabriel. Er plädierte für einen bewussten Umgang mit Künstlicher Intelligenz. KI müsse man "wie einen Freund behandeln, mit dem man reist". Reisen seien schließlich der Härtetest jeder Beziehung. Aus der anfänglichen Schmeichel-KI müsse eine kritisch-kluge Kollegin werden, die auch mal widerspreche und reflektiere.
Dass Menschen sich Sorgen um die weitere Entwicklung der Künstlichen Intelligenz machten, versteht der Philosoph. Aber er sagte auch: "Angst und Furcht lähmen uns – auch neurologisch. Wir brauchen Hoffnung und Zuversicht, wenn wir gewinnen wollen. Spielfreude nach vorne." Zudem warnte Gabriel vor Abhängigkeiten von Systemen aus den USA und China, die er als Teil einer Piratenökonomie beschreibt. Europa brauche eine eigene, wertebasierte Alternative.
KI ohne Struktur schafft kein Wissen
Frank Enders, Geschäftsführer von Haufe-Lexware und CTO/CPO bei Haufe, machte deutlich, wie stark KI den Umgang mit Fachwissen bereits verändert habe und weiter verändern werde. Am Beispiel der CoPilots von Haufe zeigte er, was der Wandel bedeutet: Wissen werde nicht nur als Text gespeichert, sondern in semantischen Netzen – maschinenlesbar, universell nutzbar. "Wissen in Stammzellenform" nannte Enders das. Bei Erstellung der semantischen Netze stehe noch nicht fest, wofür das Wissen genutzt werde. "KI ist die Basis einer langfristigen Transformation der Art und Weise, wie wir Wissen anwenden", so Enders.
Entscheidend sei, dass die Technologie auf gesicherte, geprüfte und klar definierte Quellen zurückgreife. In Zeiten von Fake News und einem regulierten Internet eine Herausforderung. Haufe setze deshalb auf die eigenen, von Fachredaktionen erstellte Daten zu. Die enge und langfristige Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams aus Fachredaktionen, Entwicklerteams und KI-Experten sei Voraussetzung dafür, dass Anwendungen nicht halluzinieren, sondern richtige Antworten und Vorschläge liefern.
Was macht KI mit den Young Talents?
Im Praxisdialog berichteten Roland Hehn, Vorstand Personal Gruppe bei Schwarz Corporate Solutions, und Elisa Lutz, Steuerberaterin und Geschäftsführerin bei Awicontax Tech, direkt aus den Unternehmen. In der Steuerberatung werde KI unterstützend zum Beispiel für die Analyse, die Arbeit an Steuerfällen und die Mandantenkommunikation genutzt, sagte Lutz, "ohne, dass wir Abstriche bei unserem Qualitätsanspruch machten oder dass die Verantwortlichkeiten diffus würden".
Mit der Frage, ob es in Zukunft überhaupt noch klassische Steuerberatung brauche, will sich Lutz heute noch nicht beschäftigen. "Ich schließe nicht aus, dass wir in 30 oder 50 Jahren nur noch mit Avataren kommunizieren. Erst einmal müssen wir aber zur papierlose Büro- und Buchhaltungsführung übergehen." KI-Anwendungen seien dabei bereits jetzt eine enorme Hilfe.
Hehn erklärte, sein Unternehmen bette KI zunehmend in Prozesse wie Onboarding oder Personalentwicklung ein. Gleichzeitig warnte er vor Illusionen: "Viele Unternehmen denken, dass sie Arbeitsplätze streichen könnten, wenn KI die Arbeit erledigt. Das ist ein gefährlicher Weg." Denn genau diese Tätigkeiten, in denen Berufseinsteiger lernten, wie ein Job funktioniere, sei wichtig. Wenn Unternehmen keinen Nachwuchs mehr ausbildeten, hätten sie in wenigen Jahren auch keine erfahrenen Mitarbeiter mehr, die bewerten könnten, "ob die Dinge, die wir entwickeln, wirklich gut und anwendbar sind".
Der Personalvorstand von Schwarz Corporate Solutions appellierte zudem an die Führungskräfte, sich intensiv mit KI zu beschäftigen. "Unsere Führungskräfte müssen up-to-date sein", stellt Hehn klar und verwies auf die Selbstverständlichkeit von jungen Menschen im Umgang mit KI: "Meine Tochter hat gerade kürzlich gefragt, wie ich denn das Abi ohne KI geschafft hätte."
Digitalisierung als Stresstest für den Rechtsstaat
"Digitalisierung und KI sind entscheidende Hebel, um das Vertrauen der Menschen in die Justiz zu stärken", erklärte Sina Dörr, Richterin am Oberlandesgericht Köln und Vordenkerin von Legal Tech.
Sie beschrieb in ihrem Vortrag das sogenannte Überlastungs-Paradoxon: Sinkende Fallzahlen, aber steigende Belastung der Justiz. Der Grund seien wachsende Datenmengen und die Komplexität der Fälle. KI könne hier gezielt helfen, etwa bei der Analyse oder Strukturierung der Akten und bei der Kommunikation der Verfahrensbeteiligten. Das Problem dabei: "Deutschland hinkt bei der Digitalisierung der Justiz zehn bis 15 Jahre hinterher", sagte Dörr. Sie plädierte dafür, "den geistigen Fallschirm zu öffnen und offen zu denken für die Herausforderungen, die sich auch im öffentlichen Sektor in Zukunft stellen werden" und machte deutlich, wie massiv die Politik mittlerweile in die Digitalisierung der Justiz investiere.
Rechtssicherheit soll kein Bremsklotz sein
Rechtsanwalt Prof. Dr. Björn Gaul, Partner bei CMS Hasche Sigle und Mitglied des Ethikrats HR Tech, ordnete im Gespräch mit Christoph Pause, Haufe Newsportale, die rechtlichen Rahmenbedingungen von KI-Anwendungen ein. Gaul betonte, der EU AI Act schaffe erstmals einen harmonisierten Rechtsrahmen für KI, sei aber "hochsensibel in der Umsetzung". Besonders im HR-Bereich gelte KI regelmäßig als Hochrisikoanwendung.
Deshalb brauche es klare Regeln, Schulungen und zwingend die Einbindung der Arbeitnehmendenvertretung. "Ohne Betriebsvereinbarung geht in mitbestimmten Unternehmen gar nichts“, betonte Gaul. Deswegen seien offene und frühzeitige Verhandlungen mit dem Betriebsrat entscheidend für den Erfolg. Dann sei es auch möglich, in kleinen Pilotprojekten und Experimentierräumen KI-Anwendungen zu testen und auf Nützlichkeit zu prüfen.
"Der Rechtsrahmen muss kein Hemmschuh sein, im Gegenteil", gute Betriebsvereinbarungen eröffneten die Möglichkeit, nach innen und außen compliant KI zu nutzen. "Und das müssen wir", lautete Gauls Fazit.
KI-Kompetenz beginnt bei der Haltung
Zum Abschluss der Haufe KI-Konferenz richtete die Beraterin und Buchautorin Verena Fink von Woodpecker Finch den Blick auf unseren Umgang mit der Technologie und auf Führungsfragen, die sich daraus ergeben. Auch wenn KI in manchen Fällen bessere Ergebnisse liefern könne als der Mensch, sei blindes Vertrauen in die KI ein Fehler.
Dennoch stelle Künstliche Intelligenz viele Fragen an uns Menschen bezüglich unseres eigenen Könnens und Wissens. Finks zentrale These lautet: Haltung schlägt Tools. Entscheidend in Unternehmen seien wache Teams, die Verantwortung übernehmen und die Fragen im Umgang mit KI beantworten. KI analysiere und optimiere, Menschen hingegen ordneten ein, stifteten Sinn und träfen Entscheidungen. Fink ist der Auffassung: "KI-Kompetenz bedeutet nicht Technikverliebtheit, sondern Reflexionsfähigkeit und Gestaltungswillen."
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