Wohnungsbau: Vor der Technik kommt die (Denk)Kultur

Ein Haus aus dem 3D-Drucker – könnte es wirklich so einfach sein? Digitalen Technologien wird großes Potenzial für den schnellen Bau von bezahlbarem Wohnraum zugewiesen. Auf der Expo Real in München werden allerdings auch Hemmnisse thematisiert, die das Entfalten dieses Potenzials verhindern.

Im Prinzip habe die Revolution längst stattgefunden, sagt der Geschäftsführer der Kondor Wessels Bouw Berlin GmbH, Marcus Becker. Veränderungsprozesse beziehungsweise Trends seien Realität in der Immobilien- und Wohnungswirtschaft – allen voran die Digitalisierung. Zwar mögen branchenspezifische Auswirkungen wie autonome Baumaschinen, die just-in-time unter Berücksichtigung idealer Anfahrtswege und der aktuellen Verkehrssituation Material an die Baustelle anliefern, 3-D-Drucker, die passgenaue Bauteile anfertigen, oder Bauroboter, die Menschen schwierige und gefährliche Arbeiten abnehmen, wie ferne Zukunftsmusik klingen.

Doch der Weg dahin zeichne sich bereits ab, sagt Becker.

"Bereits heute überwachen Drohnen große Bauprojekte und dokumentieren den Baufortschritt, Unternehmen erstellen virtuelle Geländemodelle oder nutzen digitale Planungsmethoden wie Building-Information-Modelling (BIM)." Marcus Becker,  Geschäftsführer der Kondor Wessels Bouw Berlin GmbH

Das vernetzte  Gebäude sei in seinen Anfängen erkennbar, wenn etwa Sensortechnologien Mengenverbräuche regeln oder intelligente Gebäudehüllen als Energiequellen genutzt werden.

Auch Dirk Salewski hat in seinem Unternehmen, der beta Eigenheim GmbH, mit den Einsatz von BIM begonnen. Schneller arbeite man damit zunächst nicht, stellt der geschäftsführende Gesellschafter des Bauunternehmens unmittelbar klar: "Die Methode ist erst einmal viel aufwändiger." Damit sie ihr Potenzial generell entfalten könnte und Prozesse am Bau wirksam verschlanken und günstiger machen, wäre nach Ansicht Salewskis ohnehin ein Wandel an ganz anderer Stelle notwendig:

"Wir müssten zunächst einmal unsere Kultur des Planens ändern. BIM setzt voraus, dass ich am Anfang ein festgesetztes Produkt habe." Dirk Salewski,  Geschäftsführender Gesellschafter der beta Eigenheim GmbH

Entscheidend wäre, bei der Planung zunächst über die Ausführung zu reden und dann über den Entwurf, und das von vornherein im Team. In letzterem müssten sich dann Architekten gleichberechtigt mit Fachplanern, Statikern und Betriebswirtschaftlern auseinandersetzen – von der ersten Idee an. So könnten beispielsweise Leitungsführungen in Häusern viel effizienter geplant, eingebaut und später gewartet werden, gibt Salewski ein Beispiel.

Nur im Team erfolgreich

Becker von Kondor Wessels stimmt dem zu. Eine frühzeitige Einbindung von Baubeteiligten in die Planung sei essenziell. "Bauprojekte können nur im Team gelingen und nicht gegeneinander." Doch gerade im öffentlichen Bereich mit seinen vielen Großprojekten sei man in Deutschland von einer frühzeitigen partnerschaftlichen Projektzusammenarbeit noch weit entfernt, schränkt er ein. Deutschland sei eines der wenigen Länder, in dem bei öffentlichen Projekten die Planung immer noch strikt vom Bau getrennt wird. Das entspreche in keiner Weise den Erfordernissen eines modernen öffentlichen Baumanagements. Becker sieht die Lösung in Partnerschaftsmodellen, die von Vergabemodellen über die Kopplung mehrerer Projektphasen, bis hin zum "Komplettpaket" von der Planung bis zur Instandhaltung mittels Öffentlich-Privaten Partnerschaften (ÖPP) reichen könnten.

Mangelnde digitale Infrastruktur hemmt Entwicklung

Beta-Geschäftsführer Salewski sieht weitere generelle Hindernisse in der Entfaltung technischer Möglichkeiten in der grundlegenden Infrastruktur in Deutschland. Zum einen seien viele Verwaltungen so ausgedünnt, dass sie Genehmigungsverfahren auf ganz natürlichem Weg ausbremsten. Zum anderen hapere es an der flächendeckenden Versorgung: "Was nützt mir BIM, wenn ich als Unternehmen auf dem Land kein vernünftiges Internet habe?", sagt Salewski.

Veranstaltungstipps zum Thema:

Kommt die Baubranche bei der Nachfrage noch hinterher?

Montag 07. Oktober 2019

15:00 - 15:50 Uhr

Halle C2, Stand 320

Moderator: Dieter Rebitzer, Hochschule für Wirtschaft und Umwelt HfWU
Teilnehmer: Dirk Salewski, beta Eigenheim GmH, Marcus Becker, Kondor Wessels Bouw Berlin GmbH, Markus Rink, omniCon Gesellschaft für innovatives Bauen mbH


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Schlagworte zum Thema:  Expo Real, Wohnungsbau, BIM