Smarte Straßenbeleuchtung: Warum Lichtinfrastruktur mehr ist als eine Energiefrage
Martin Bachler, Head of Sustainability beim Lichttechnologiekonzern ams OSRAM, bringt es auf den Punkt: „Verantwortungsvolle Beleuchtung bedeutet nicht weniger Licht, sondern besseres Licht – abgestimmt auf Nutzung, Ort und Zeit.“ Was banal klingt, hat strategische Tragweite. Denn kaum eine kommunale Infrastruktur verbraucht so viel Energie, wird so wenig optimiert und hat gleichzeitig so direkte Auswirkungen auf Umwelt und Lebensqualität wie die Straßenlaterne.
Wenn Kommunen über Nachhaltigkeitsinvestitionen nachdenken, stehen Photovoltaikanlagen auf Rathausdächern oder Elektrobusse im Fuhrpark ganz oben auf der Liste. Dass die Straßenlaterne vor dem Rathaus selbst ein strategischer Hebel sein könnte – dieser Gedanke kommt seltener. Dabei zeigt eine aktuelle Einschätzung von ams OSRAM, wie viel Potenzial in intelligenter Lichtinfrastruktur steckt: nicht nur für Energieeinsparungen, sondern für Biodiversität, soziale Stadtqualität und damit für mehrere ESRS-Bereiche gleichzeitig.
Ein unterschätzter Posten im kommunalen Haushalt
Die rund 11.300 Kommunen in Deutschland wenden pro Jahr über vier Milliarden Kilowattstunden Strom für Straßenbeleuchtung auf. Das entspricht sieben Prozent ihres gesamten kommunalen Stromverbrauchs (Quelle: Deutscher Städte- und Gemeindebund, DStGB). Gleichzeitig könnten nach einer Schätzung des DStGB rund 40 Prozent der anfallenden Stromkosten durch Modernisierung veralteter Anlagen eingespart werden – mehr als 200 Millionen Euro jährlich, Potenzial, das weitgehend ungenutzt bleibt.
Für Nachhaltigkeitsverantwortliche in Unternehmen mag das zunächst nach einem kommunalpolitischen Problem klingen. Doch wer Standortentscheidungen beeinflusst, kommunale Partnerschaften pflegt oder an Nachhaltigkeitsberichten arbeitet, der tut gut daran, das Thema als das zu verstehen, was es ist: ein Querschnittsthema mit Relevanz für Energie, Biodiversität und soziale Infrastruktur.
Nachhaltigkeit bedeutet nicht „Licht aus“
Initiativen wie die Earth Hour oder die Dark Sky Week machen sichtbar, dass Beleuchtung nicht nur Energie verbraucht, sondern direkten Einfluss auf Umwelt, Gesundheit und Wohlbefinden hat. Ein symbolisches Lichtausschalten erzeugt Aufmerksamkeit. Für eine nachhaltige Wirkung braucht es aber mehr als Symbolik.
Das klingt nach einem technischen Detail, ist aber konzeptionell anspruchsvoll: In der kommunalen Außenbeleuchtung umfasst das präzise Lichtlenkung, bedarfsgerechte Dimmung sowie eine bewusste Wahl von Lichtfarbe und Intensität. Stadtplanung, Technik, Nachhaltigkeit und Regulierung müssen dabei zusammengedacht werden.
Wenn Licht zur Falle wird: der Biodiversitätsfaktor
Häufig übersehen: Straßenbeleuchtung ist auch ein Biodiversitätsproblem. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben festgestellt, dass Regionen mit einem starken Rückgang an Fluginsekten häufig auch unter hoher Lichtverschmutzung leiden. „Die Hälfte aller Insektenarten ist nachtaktiv. Sie sind auf Dunkelheit und natürliches Licht von Mond und Sternen angewiesen, um sich zu orientieren, fortzubewegen oder Räubern auszuweichen“, erklärt IGB-Forscherin Dr. Maja Grubisic.
Die Folgen reichen weit über das einzelne Tier hinaus: Weniger Nachtfalter, Käfer und Fliegen bestäuben weniger Pflanzen. Das gefährdet Ökosystemleistungen, auf die auch Landwirtschaft und Wirtschaft angewiesen sind. Studien, die 2022 in den „Philosophical Transactions of the Royal Society B“ veröffentlicht wurden, belegen, dass bereits geringste Lichtimmissionen tiefgreifende Auswirkungen auf ganze Artengemeinschaften haben können. Für Nachhaltigkeitsverantwortliche, die Biodiversitätsziele nach TNFD oder ESRS E4 verfolgen, ist das eine Brücke, die bisher kaum jemand zieht: Der nächtliche Lichtkegel vor dem Firmengelände kann Teil einer Biodiversitätsstrategie werden oder gegen sie arbeiten.
Stellschrauben für intelligente Beleuchtungskonzepte
Die Technik ist da. Was fehlt, ist die strategische Einbettung. Martin Bachler und sein Team bei ams OSRAM nennen mehrere Ansätze, die heute schon umsetzbar sind:
Licht gezielt einsetzen statt flächig überbeleuchten
Ein zentrales Prinzip moderner Straßen- und Außenbeleuchtung ist die präzise Lichtlenkung. Statt großflächiger Ausleuchtung ermöglichen gezielt eingesetzte Optiken eine bedarfsgerechte Verteilung des Lichts auf Fahrbahnen, Gehwege oder Kreuzungsbereiche. Dadurch lassen sich Energieeinsparungen erzielen und Streulicht in angrenzende Flächen oder den Nachthimmel deutlich reduzieren.
Minimieren von Blend- und Streulicht
Die Reduzierung von Blendung ist ein wesentlicher Sicherheitsfaktor, insbesondere im Straßenraum. Kontrollierte Lichtverteilungen tragen dazu bei, visuelle Belastungen zu vermeiden und gleichzeitig positive Effekte für Anwohner, nächtliche Lebensräume und die Biodiversität zu erzielen.
Dynamische und fernsteuerbare Beleuchtung
Digitale Steuerung und Sensorik eröffnen neue Möglichkeiten für kommunale Straßen- und Außenbeleuchtung. Anwendungen wie zeitabhängige Dimmung oder adaptive Schaltprofile erlauben es, Beleuchtung an tatsächliche Nutzungsbedarfe anzupassen und Ressourcen effizienter einzusetzen.
Projektionsbasierte Lichtanwendungen und symbolische Kommunikation sind heute vor allem aus der Fahrzeugbeleuchtung bekannt. Sie verdeutlichen das technologische Entwicklungspotenzial von Licht, sind jedoch klar von den Anforderungen und Rahmenbedingungen kommunaler Beleuchtungsinfrastruktur zu unterscheiden.
Soziale Effekte: Sicherheit und Aufenthaltsqualität
Gut geplante Beleuchtung kann das subjektive Sicherheitsgefühl stärken und öffentliche Räume aufwerten. Sie unterstützt Orientierung, fördert Aufenthaltsqualität und trägt dazu bei, urbane Räume auch in den Abend- und Nachtstunden nutzbar zu machen.
Langlebige und wartungsarme Systeme
Langlebige, robuste Technologien sind ein zentraler Bestandteil nachhaltiger Infrastruktur. Moderne LED-Systeme und modulare Bauweisen ermöglichen reduzierte Wartungsaufwände, einen geringeren Materialeinsatz und langfristige Betriebssicherheit.
Gerade in der öffentlichen Infrastruktur gewinnt Resilienz an Bedeutung. Verlässliche Beleuchtungssysteme müssen auch unter veränderten regulatorischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen funktionieren.
Studien zu Smart‑Street‑Lighting‑Systemen zeigen, dass digitale Beleuchtungslösungen – entgegen häufigen Vorbehalten – eine sehr hohe Zuverlässigkeit erreichen. Sie erzielen mit Betriebswerte von rund 99 Prozent und sind damit auch für resiliente öffentliche Infrastruktur geeignet.
Was das für Nachhaltigkeitsverantwortliche bedeutet
Unternehmen haben in diesem Feld mehr Einfluss, als sie oft wahrnehmen: als Mieter oder Eigentümer von Gewerbeimmobilien, als Akteure in kommunalen Klimapartnerschaften oder als Betreiber eigener Außenbeleuchtung auf Firmengeländen und in Logistikzonen. Wer seine Scope-3-Emissionen ernst nimmt, Biodiversitätswirkungen kartieren will oder soziale Nachhaltigkeitsziele belegen muss, findet in der Lichtinfrastruktur ein Handlungsfeld, das kaum jemand auf dem Radar hat.
Verantwortungsvolle Beleuchtung bedeutet nicht weniger Licht, sondern besseres Licht – abgestimmt auf Nutzung, Ort und Zeit.
"Die nächste Generation urbaner Beleuchtung wird nicht allein daran gemessen, wie viel Energie sie spart, sondern daran, wie konsequent soziale, ökologische und sicherheitsrelevante Anforderungen zusammengedacht wurden. Industrie, Kommunen und Unternehmen sind gleichermaßen gefordert, Beleuchtung als integralen Bestandteil nachhaltiger Stadtentwicklung zu verstehen: nicht als technisches Detail, sondern als prägendes Element urbaner Lebensqualität", schließt Bachler seine Einordnung.
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