CBAM als globaler Klimakatalysator?

PIK-Studie errechnet möglichen Dominoeffekt des Klimazolls


Stahlproduktion Slowenien

Der europäische Grenzausgleichsmechanismus polarisiert: Kritiker sehen in CBAM vor allem bürokratischen Aufwand und steigende Importkosten. Eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) liefert nun ein überraschendes Gegenargument – und zeigt, warum der EU-Klimazoll weit mehr bewirken könnte, als seine Konstrukteure ursprünglich beabsichtigt haben.

Seit Anfang 2026 greift der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) der EU vollständig: Wer CO₂-intensive Güter wie Stahl, Aluminium, Zement, Düngemittel, Elektrizität oder Wasserstoff in die EU exportiert, muss künftig einen Klimazoll entrichten – es sei denn, im Herkunftsland existiert bereits ein vergleichbares CO₂-Bepreisungssystem.

Die PIK-Studie, die im Peer-Review-Verfahren geprüft wurde und im November 2026 im Journal of the Association of Environmental and Resource Economists (JAERE) erscheinen wird, belegt zunächst, wie gravierend das Problem des sogenannten Carbon Leakage ohne CBAM ist. Bei einem CO₂-Preis von 100 US-Dollar je Tonne und ohne Grenzausgleich reduzierten sich die europäischen Emissionen zwar um 505 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr – global gesehen sänken die Emissionen jedoch nur um 305 Millionen Tonnen. Der Grund: Drittländer übernehmen energieintensive Produktion und profitieren gleichzeitig von gesunkenen Weltmarktpreisen für fossile Energieträger. Rund 40 Prozent des europäischen Emissionsrückgangs werden so durch Verlagerungseffekte konterkariert.

Mit CBAM verbessert sich diese Bilanz deutlich: Der Carbon-Leakage-Effekt schrumpft von 40 auf rund 15 Prozent, die globale Nettoemissionsreduktion steigt auf 399 Millionen Tonnen CO₂ jährlich.

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Der „Brüssel-Effekt“: Wenn Klimapolitik exportiert wird

Doch das eigentlich bemerkenswerte Ergebnis der Studie liegt eine Ebene tiefer. Das PIK-Forschungsteam um Leitautor Timothé Beaufils hat ein ökonomisches Modell entwickelt, das Handelsökonomie und Spieltheorie kombiniert. Es bildet ab, wie Drittstaaten rational auf den CBAM reagieren: Entweder sie zahlen den Klimazoll in die EU-Kasse – oder sie führen ein eigenes CO₂-Bepreisungssystem ein und vermeiden damit die Abgabe.

Das Modell, gespeist mit empirischen Handelsdaten aus 56 Wirtschaftssektoren und 43 Ländern, zeigt: Für Kanada, Japan, Südkorea und Taiwan ist ein eigenes CO₂-Preissystem ökonomisch attraktiver als der Klimazoll. Diese Länder würden sich laut Simulation einer internationalen „Klima-Koalition" anschließen. Das Ergebnis: Die globalen Emissionen sinken in diesem Szenario um 691 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr – 73 Prozent mehr, als die EU-Klimapolitik im Alleingang erreichen würde.

Co-Autorin Leonie Wenz bringt den Mechanismus auf den Punkt: „Mehr Klimaschutz führt zu noch mehr Klimaschutz.“ Sie bezeichnet das Phänomen als „Brüssel-Effekt“ – die Fähigkeit der EU, aufgrund ihrer zentralen Stellung in globalen Lieferketten Regulierungsstandards faktisch zu exportieren.

Grenzen des Modells: China bleibt außen vor, USA nur unter Bedingungen

Die Studie beleuchtet auch die Grenzen der CBAM-Anreizwirkung. China würde dem Modell zufolge nur dann einer Klima-Koalition beitreten, wenn der CO₂-Preis unter 20 US-Dollar je Tonne läge – beim aktuell diskutierten Preisniveau also unrealistisch. Für die USA hingegen könnte eine Ausweitung des CBAM auf weitere Sektoren einen hinreichenden Anreiz schaffen. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass die exakten Zahlenwerte modellabhängig sind – das zentrale qualitative Ergebnis, dass CBAM die Einführung nationaler CO₂-Preise in Drittstaaten begünstigt, sei jedoch über ein breites Spektrum von Modellannahmen hinweg robust.

Was bedeutet das für Nachhaltigkeitsmanager?

Für ESG- und Sustainability-Verantwortliche in Unternehmen mit internationalen Lieferketten ergeben sich aus der Studie mehrere strategische Implikationen:

  • Lieferkettenrisiken neu bewerten: Zulieferer aus Kanada, Japan, Südkorea oder Taiwan könnten mittelfristig mit eigenen CO₂-Bepreisungssystemen konfrontiert werden. Das verändert Kostenstrukturen und Wettbewerbsparameter entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
  • CBAM-Compliance als strategisches Asset: Unternehmen, die ihre Lieferanten frühzeitig bei der CO₂-Dokumentation und -Reduktion unterstützen, verschaffen sich Vorteile – unabhängig davon, ob der Zoll am Ende in die EU-Kasse fließt oder durch lokale CO₂-Preise ersetzt wird.
  • Scope-3-Emissionen gewinnen an Dringlichkeit: Eine sich ausbreitende globale CO₂-Bepreisung erhöht den Druck, auch vorgelagerte Emissionen in Beschaffungsentscheidungen einzupreisen.
  • Politische Volatilität einkalkulieren: Die Studie erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem CBAM politisch unter Druck steht. Der Nachweis eines globalen Klimamultiplikatoreffekts könnte die Debatte verschieben – und die Wahrscheinlichkeit einer Beibehaltung oder Ausweitung des Mechanismus erhöhen.

Die PIK-Studie liefert damit nicht nur akademischen Input, sondern verändert die Rahmenbedingungen für unternehmerische Nachhaltigkeitsstrategien – nach Einschätzung der Studien-Autoren „insbesondere wenn internationale Klimaverhandlungen ins Stocken geraten“.


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Schlagworte zum Thema:  Klimaschutz , Zoll , Emission
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