"Das neue Asbest": PFAS werden zum Milliarden-Risiko für Unternehmen
Eigentlich waren sie als praktische Chemikalie gedacht. Sie stecken in Kochgeschirr, Regenjacken, Feuerlöschschaum und Halbleiterchips: Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, bekannt als PFAS. Sie sind extrem haltbar und bauen sich in der Umwelt praktisch nicht ab.
Die Finanzanalyseplattform Planet Tracker hat im März
eine umfassende Studie zu PFAS-Klagerisiken veröffentlicht. Auch die
Europäische Chemikalienagentur ECHA hat sich zu den Ewigkeitschemikalien geäußert. Beide unterstützen zwar ein EU-weites PFAS-Verbot, allerdings teils mit gezielten Ausnahmen für kritische Branchen. Für Nachhaltigkeitsverantwortliche in Unternehmen entsteht somit noch mehr Handlungsdruck.
PFAS: Ein 15-Milliarden-Markt mit Milliarden-Haftung
Zu Beginn der 2020er-Jahre hatte der globale PFAS-Markt einen Umsatz von 15 bis 20 Milliarden Euro. Und trotz steigendem Druck wächst die Branche. Die gesellschaftlichen Folgekosten der PFAS-Verschmutzung sind jedoch weitaus größer.
Eine aktuelle Studie der Europäischen Kommission, die im Planet Tracker-Report zitiert wird, schätzt: Wenn der PFAS-Ausstoß in Europa unvermindert bis 2050 andauert, entstehen kumulative gesellschaftliche Kosten von mindestens 440 Milliarden Euro durch höhere Gesundheitsausgaben, Produktivitätsverluste und Ökosystemschäden. Eine Eindämmung an der Quelle könnte bis 2040 rund 100 Milliarden davon abwenden. Würde man dagegen auf reine Nachsorge setzen, übersteigen allein die Sanierungskosten eine Billion Euro. Für Unternehmen würden Szenarien wie schärfere Regulierung, steigende Compliance-Kosten und ein wachsendes Klagerisiko dazukommen.
Die Studienautoren zeichnen ein düsteres Bild für Unternehmen, die das Ausmaß der Haftungsrisiken unterschätzen. PFAS könnten zum „nächsten Asbest“ werden, nur mit potenziell noch höheren Schadenssummen. Planet Tracker warnt in seinem Report: „PFAS haben das Potenzial, dem Muster von Tabak und Asbest zu folgen, wo rechtliche Verbindlichkeiten Unternehmen über Jahrzehnte belasteten.“
Risikoranking: Wer ist am stärksten exponiert?
Planet Tracker hat für seine Studie ein PFAS-Klagerisiko-Dashboard entwickelt, das rund 1000 börsennotierte Unternehmen und etwa 5300 Anlagen bewertet. Das Ergebnis: Über die Hälfte aller bewerteten Firmen fallen in die hohe Risikokategorie, ein gutes Drittel ins mittlere und rund 13 Prozent ins niedrige Segment. Hochrisikoanlagen konzentrieren sich stark in Nordamerika und Westeuropa.
Die größten Risiken trägt, wer PFAS herstellt oder intensiv nutzt: Spezialchemie, Fluorpolymer-Produktion, Feuerlöschmittel, aber auch Teile von Textil, Verpackung und Elektronik. Relevante Haftungsrisiken bestehen aber auch weiter unten in der Wertschöpfungskette, wie zum Beispiel bei Bekleidung, Schuhen, Kosmetik oder bei Lebensmittelverpackungen.
Die Haftungsfalle: Warum die Lieferkette transparent werden muss
Ein zentrales Problem für viele Nachhaltigkeitsverantwortliche ist zudem die mangelnde Transparenz. PFAS verstecken sich oft tief in der Lieferkette, wie in Dichtungen, Schmiermitteln oder Beschichtungen von Vorprodukten. Planet Tracker warnt davor, dass diese Unwissenheit nicht vor Klagen oder gar Strafen schütze.
Der Risikobeurteilungsausschuss RAC empfiehlt im Zuge der geplanten Beschränkungen eine verbesserte Dokumentation. Unternehmen sollen demnach nachweisen, wo sie PFAS einsetzen und warum keine Alternativen verfügbar sind. Der Bericht von Planet Tracker ergänzt dies um die finanzielle Dimension: Investoren fordern zunehmend Klarheit über die „Toxic Liabilities“, also die giftigen Verbindlichkeiten in den Bilanzen.
EU-weites Verbot auf dem Weg
Der RAC hat sein Abschlussgutachten zu den EU-weiten PFAS-Beschränkungen Anfang März vorgelegt. Der Ausschuss verweist auf Verbindungen zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden einschließlich Krebs und Reproduktionsschäden und empfiehlt die Beschränkung von PFAS idealerweise mit möglichst wenigen, befristeten Ausnahmen.
Wo Ausnahmen gewährt werden, etwa für Medizintechnik, bestimmte Industrieanwendungen oder Sektoren wie Militär, empfiehlt der RAC zusätzliche Auflagen: standortspezifische PFAS-Managementpläne mit Emissionsmonitoring, Lieferkettenkommunikation und Meldepflichten gegenüber ECHA, auch für Importeure PFAS-haltiger Produkte.
Gelingt die Emissionsreduktion konsequent, ist das Potenzial enorm: Laut Expertenschätzung könnten innerhalb von 30 Jahren 97 Prozent der PFAS-Emissionen und -Kontaminationen vermieden werden.
Strategische Checkliste für Nachhaltigkeitsverantwortliche
Angesichts des regulatorischen Drucks und des juristischen Risikos sollten Unternehmen folgende Schritte priorisieren:
- Bestandsaufnahme: Wo werden PFAS im eigenen Betrieb oder in den Produkten auch in Kleinstmengen verwendet?
- Supplier Engagement: Schriftliche Bestätigungen der Lieferanten über PFAS-Gehalte einfordern
- Risikobewertung: Abgleich der eigenen Anwendungen mit den von der ECHA vorgeschlagenen Ausnahmeregelungen
- Finanzielle Vorsorge: In enger Abstimmung mit der Rechts- und Finanzabteilung potenzielle Haftungsrisiken bewerten und im ESG-Reporting transparent machen
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