Was die GenZ von Steuerkanzleien erwartet
Die Lücke an Fachkräften in der Steuerberatung wächst – gegen den Trend
Die Steuerberatung schwimmt gegen den Strom. Während die Fachkräftelücke gesamtwirtschaftlich im Jahr 2025 um fast ein Viertel sank, stieg sie bei Expertinnen und Experten in der Steuerberatung gegenüber dem Vorjahr um 26,7 Prozent auf 2.318 rechnerisch nicht besetzbare Stellen. Das zeigt der KOFA-Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus dem März 2026.
Die Entspannung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt kommt in der Branche nicht an. Heiko Geiger, Geschäftsführer der awicontaxGroup, nennt im Haufe-Interview zwei Gründe: den demografischen Wandel und hausgemachte Probleme. "Viele ältere Kanzleiinhaber, die kleinere Teams von fünf bis acht Personen leiten, haben sich in den letzten Jahren bewusst gegen die Ausbildung entschieden. Dazu kommt, dass die Auslastung oft so hoch ist, dass eine sinnvolle Ausbildung schwer zu integrieren ist. Die Lücke lässt sich durch nichts so schnell schließen", sagt Geiger.
Die Altersstruktur verschärft das Problem. Laut Berufsstatistik 2025 der Bundessteuerberaterkammer sind mehr als 57 Prozent der Berufsangehörigen älter als 50 Jahre, fast die Hälfte sogar 56 Jahre oder älter. Jünger als 40 ist gerade einmal ein Fünftel der Branche. Zum 1.1.2026 zählte die BStBK bundesweit 17.081 Ausbildungsverhältnisse zum Steuerfachangestellten, 220 weniger als im Vorjahr. Der Altersdurchschnitt kletterte von 53,4 auf 53,7 Jahre.
Dass die Zahl der Umschülerinnen und Umschüler von 1.889 auf 2.113 stieg, spricht eine klare Sprache: Kanzleien setzen verstärkt auf Quereinsteiger, weil der klassische Nachwuchsweg nicht mehr trägt.
Das Imageproblem der Steuerberatung
Warum bleibt der Nachwuchs aus? Ein Teil der Antwort liegt im Image. Die Haufe Group hat 2022 in einer repräsentativen Studie untersucht, wie die Generation Z die Steuerberatung wahrnimmt. Befragt wurden 1.280 Personen, die nach 1997 geboren wurden: Abiturientinnen und Abiturienten, Wirtschafts- und Rechtsstudierende sowie potenzielle Quereinsteiger. Ergebnis: Nur 18 Prozent konnten sich vorstellen, in der Steuerberatung zu arbeiten.
Die GenZ verbindet die Steuerberatung weder mit Work-Life-Balance noch mit Flexibilität, weder mit Kreativität noch mit Gleichberechtigung – obwohl Kanzleien in all diesen Bereichen liefern können. Nur bei einem einzigen Kriterium stimmt die Wahrnehmung mit der Realität überein: bei der Arbeitsplatzsicherheit (26 Prozent). Bei allem anderen klafft eine Lücke.
Geiger erklärt, wie es dazu kam: "Die Branche war bis vor Jahren davon geprägt, dass Steuerberater außer einer sachlichen Information kaum Werbung machen durften. Diese fehlende Sichtbarkeit zieht sich bis zu Social Media durch." Junge Menschen sähen die Steuerberatung schlichtweg nicht. 75 Prozent der Steuer- und Rechtsanwaltskanzleien kämpfen laut BStBK und ifo Institut mit dem Fachkräftemangel – und trotzdem bilden nur 17 Prozent aus.
BStBK-Präsident Prof. Dr. Hartmut Schwab sieht den Berufsstand dennoch auf Kurs: "Die aktuelle Berufsstatistik zeigt, dass der steuerberatende Beruf attraktiv bleibt und weiterwächst." Zugleich räumt er ein: "Wir dürfen bei der Gewinnung von Nachwuchs nicht nachlassen."
Was die GenZ wirklich ist – und was sie will
Ein Vorurteil hält sich hartnäckig: Die GenZ fordere viel, leiste aber wenig. Friedrich Merz sagte im Februar 2025: "Mit einer Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand nicht halten." Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter des IAB, widerspricht: "Dass die Generation Z viel fordert, aber wenig arbeitet, ist ein verbreitetes Vorurteil. Doch es ist falsch. Die jungen Leute sind fleißig wie lange nicht mehr."
Um sie für die Steuerberatung zu begeistern, können sich die Kanzleien an dem orientieren, was die Shell-Jugendstudie aus dem Herbst 2024 herausgearbeitet hat: Die GenZ sucht sinnvolle Tätigkeiten, will eigene Ideen verwirklichen und Anerkennung dafür erhalten. Sie bevorzugt Homeoffice und flexible Arbeitszeiten, Sabbaticals und Workations stehen hoch im Kurs. Wichtig ist ihr eine Teamkultur mit Wertschätzung und flachen Hierarchien.
Hohe Verdienstchancen und gute Jobaussichten setzt sie voraus – sie reichen allein aber nicht aus. Punkten kann die Steuerberatung mit Abwechslung, Flexibilität, Weiterbildung, Arbeitsplatzsicherheit und Work-Life-Balance. Begeistern lässt sich die GenZ zusätzlich durch Gleichberechtigung, ein dynamisches Umfeld und kreative Aufgaben.
Dazu kommt eine technologische Erwartung. Digital Natives erwarten Cloud-Lösungen, mobile Apps und Automatisierung. Sie wollen nicht analoge Prozesse digitalisieren, sie wollen digital denken. Wer ihnen im Bewerbungsgespräch noch analoge Workflows präsentiert, verliert sie. Und die nächste Stufe steht bereits vor der Tür: Künstliche Intelligenz. Kanzleien, die jetzt nicht investieren, verlieren den Anschluss an die Konkurrenz und an den Nachwuchs.
Was Kanzleien gegen den Fachkräftemangel tun können
Kanzleien sollten den Fachkräftemangel nicht als eine unaufhaltsame Naturgewalt hinnehmen, vielmehr gibt es einige Möglichkeiten und gute Beispiele, die zeigen, wie sie die Herausforderungen angehen können.
Ausbildung als Wachstumsstrategie
Nur 17 Prozent der Steuerkanzleien bilden aus. Dabei führt kein direkterer Weg zur Fachkräftesicherung. Das zeigt die ATH Treuhand Achern Steuerberatungsgesellschaft. Kanzleiinhaber Holger Haberer setzt seit über einem Jahrzehnt darauf: Jedes Jahr starten ein bis zwei Auszubildende. Die Kanzlei hat sich über diesen Weg verdreifacht. Das Konzept: frühe Verantwortung, klare Strukturen, offene Fehlerkultur. Azubis übernehmen von Beginn an Aufgaben wie Telefonate und Mandantenbesuche, Checklisten schaffen Orientierung, regelmäßige Feedbackgespräche fördern die Entwicklung. "Ich definiere diese Kanzlei als Entwicklungskanzlei. Jeder Mitarbeiter, inklusive mir selbst, entwickelt sich weiter und hilft den Mandanten dabei, sich ebenfalls zu entwickeln", sagt Haberer in der Haufe-Videoreportage.
Auf Branchenebene setzt die Initiative "Gemeinsam handeln" der Bundessteuerberaterkammer, dem Deutschem Steuerberaterverband und Datev an. Drei Säulen tragen sie: die GenZ gezielt ansprechen, Kanzleien beim Aufbau ihrer Arbeitgebermarke stärken und durch Aktivitäten an Schulen und Hochschulen sichtbar werden. "Unser Beruf bietet alles, was die GenZ will: Abwechslung, Sicherheit und hohe Flexibilität. Leider wissen das zu wenig Jugendliche. Das wollen wir ändern", sagt Schwab.
Neue Kanäle: TikTok statt Aushang
Fast die Hälfte der GenZ nutzt Social Media zur Berufsorientierung, vor allem Instagram und YouTube. Im Schnitt zieht sie vier Informationsquellen heran. Viele Kanzleien sind auf diesen Kanälen kaum präsent.
Einige machen es vor. Die Monschein Steuerberatung in Offenburg beschäftigt zwei Mitarbeitende, die sich ausschließlich um Strategie und Kommunikation kümmern, mit Social-Media-Kanälen, die der gesamten Kanzlei nutzen. Inhaber Jonas Monschein lässt auch bei der Auswahl neuer Mitarbeitender das gesamte Team mitentscheiden, er erzählt darüber in der Haufe-Videoreportage. Fabian Walter, bekannt als Steuerfabi, erklärt komplexe Steuerrechtsthemen auf Social Media und erreicht damit über eine Million Follower. Steuerberatung lässt sich unterhaltsam und verständlich kommunizieren – man muss es nur wollen.
Eine reine Kanzleiwebsite reicht nicht mehr. Gefragt ist eine Multi-Channel-Strategie: Social Media, Berufsportale, Schulbesuche, Praktika – auf mindestens genauso vielen Kanälen, wie die GenZ Informationsquellen nutzt.
Flexible Modelle einführen
Flexible Arbeitszeiten und Remote-Arbeit sind kein Nice-to-have mehr, sondern Voraussetzung. Wer eine Kultur aufbaut, in der Teams offen kommunizieren und Verantwortung tragen, hat bessere Karten im Wettbewerb um Talente.
Dass das in der Steuerberatung funktioniert, zeigt die Kanzlei Huber Greiwe Schmid in Freiburg. Sie hat die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich eingeführt, das Ergebnis fundierter Planung, intensiver Kommunikation und einer genauen Analyse der eigenen Prozesse. Nach Aussage der Kanzlei läuft das Modell erfolgreich.
Die GenZ wählt – Kanzleien müssen liefern
Die GenZ arbeitet. Sie ist fleißig, sinnorientiert und digital kompetent. Aber sie wählt, für wen und wie sie arbeitet. Kanzleien, die das als Bedrohung verstehen, verlieren den Wettbewerb um Talente. Kanzleien, die darin eine Chance sehen, können davon profitieren.
Vier Aufgaben bleiben:
- Ausbilden: Nur 17 Prozent der Kanzleien tun es – dabei ist Ausbildung der direkteste Weg zur Fachkräftesicherung.
- Digitalisierung ernst nehmen: Cloud, mobile Apps, KI. Wer zögert, schreckt die GenZ ab.
- Flexible Arbeitsmodelle einführen: Vier-Tage-Woche, Homeoffice, Workations. Wer diese Modelle anbietet, verschafft sich einen Vorteil im Wettbewerb um Talente.
- Kommunikation erneuern: in der Außendarstellung, in der Unternehmenskultur, in der Ausbildung.
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