Job-Futuromat

"Einmal Gelerntes nützt nicht mehr für die gesamte Berufskarriere"

62 Prozent der Tätigkeiten, die Steuerberatende aktuell gemäß ihrer Berufsbeschreibung ausführen, sind durch KI ersetzbar. Das hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg ausgerechnet. Obwohl diese Zahl zunächst einmal alarmierend klingt, sollte sie nicht beunruhigen, findet eine der beiden Forscherinnen, die sie errechnet hat. Dr. Katharina Grienberger erklärt, warum das so ist, welche Dynamiken generell in der Arbeitswelt passieren und weshalb dies auch Chancen birgt.

Katharina Grienberger

Frau Dr. Grienberger, Sie untersuchen das sogenannte Substituierbarkeitspotenzial von ca. 4.000 Berufen auf dem deutschen Arbeitsmarkt und legen Wert darauf, dass dies etwas anderes ist als eine Prognose. Weshalb?

Dr. Katharina Grienberger: Wir analysieren ausschließlich die technische Machbarkeit: Es geht darum, welche beruflichen Tätigkeiten die Maschine, der Computer oder die KI aus dem gesamten Aufgabenspektrum eines Berufs Stand 2022 übernehmen kann. Wir aktualisieren diese Informationen fortlaufend im Drei-Jahres-Rhythmus. Die Datenbasis für die beruflichen Tätigkeiten bildet das Berufenet der Bundesagentur für Arbeit, es enthält ca. 9.000 Einzeltätigkeiten.

Der Job-Futuromat gibt keine Prognose ab. Er zeigt vielmehr, welche Tätigkeiten in einem Beruf oder Tätigkeitsprofil potenziell zu einem bestimmten Zeitpunkt (zuletzt für den Stand der Technik im Jahr 2022) automatisiert werden könnten. Wir können somit nicht in die Zukunft blicken. Allerdings sagt der Job-Futuromat durchaus etwas über die Zukunft aus: Erstens kann man davon ausgehen, dass automatisierbare Tätigkeiten im Beruf an Bedeutung verlieren oder sogar vollständig automatisiert werden. Zweitens werden die Technologien aufgelistet, die künftig im Beruf eine Rolle spielen könnten. So wissen Sie, mit welchen Themen Sie sich beschäftigen sollten, um für den jeweiligen Beruf fit zu sein.

Wichtig zu wissen ist auch, dass wir bestimmte Aspekte wie Wirtschaftlichkeit, rechtliche Hürden, ethische Einwände oder Kundenpräferenzen nicht berücksichtigen können. Zusammengefasst lässt sich sagen: Ob das Substituierbarkeitspotenzial in einem Beruf tatsächlich ausgeschöpft wird, hängt von vielen Dingen ab.

 Wir hatten hitzige Diskussionen mit den berufsständischen Vertretungen.

 

Sie haben die zeitliche Veränderung angesprochen. Es gab eine eklatante bei den Steuerfachangestellten: Noch bis vor einem Jahr lag ihr Substituierbarkeitspotenzial bei 100 Prozent, nun beträgt es nur noch 50 Prozent. Wie kam es dazu?

Hierüber hatten wir hitzige Diskussionen mit den berufsständischen Vertretungen, die Veränderung ist aber natürlich kein Resultat derselben. Vielmehr hat sich im Jahr 2023 die Ausbildungsordnung für den Beruf der oder des Steuerfachangestellten verändert. Neu hinzu gekommen sind etwa die Kundenbetreuung oder auch bestimmte Beratungsleistungen – etwas, das die KI zum jetzigen Stand nicht übernehmen kann. Und es sind einige ersetzbare Tätigkeiten wie Sachbearbeitung oder Schriftgutverwaltung weggefallen. Das erklärt, warum der Wert von 100 auf 50 Prozent gesunken ist. Generell lässt sich daraus aber auch ein wichtiger Zusammenhang ablesen: Sämtliche Berufe in unserer modernen Arbeitswelt unterliegen einem Wandel, verändern sich kontinuierlich, einmal Gelerntes nützt nicht mehr für die gesamte Berufskarriere. Deshalb ist lebenslanges Lernen so wichtig.

Lassen Sie uns auf die Steuerberatinnen und Steuerberater zurückkommen. Bei diesen beiden Berufen übertrifft nun das Substituierbarkeitspotenzial der akademisch gebildeten Expertinnen und Experten das der ausgebildeten Fachkräfte – ein Missverhältnis?

Das mag auf den ersten Blick so aussehen. Tatsache ist aber, dass sich in den beratenden Berufsbildern – das Substituierbarkeitspotenzial bei SteuerberaterInnen liegt bei 62% Prozent– eben auch eine Menge Tätigkeiten finden, die durch KI erledigt werden können. Die generative KI zielt ja genau darauf, auch komplexere Aufgaben zu lösen. Gleichzeitig, und das wollen wir eben mit unseren Zahlen auch sagen, wird der Beruf sicherlich nicht verschwinden, aber er wird sich stark verändern. Wir erleben derzeit, dass sich die Technologie so schnell entwickelt, dass die Berufsbilder damit nicht Schritt halten können.

Das sind schon drastische Werte, wo liegen denn die beratenden Berufe damit im Blick auf alle Berufe?

Eher im oberen Feld, an erster Stelle der Substituierbarkeit stehen die Fertigungs- und fertigungstechnische Berufe, dann allerdings folgen schon Berufe in Unternehmensführung und -organisation und die unternehmensbezogenen Dienstleistungsberufe (wo z.B. auch die Berufe in der Steuerberatung enthalten sind). Am anderen Ende der Skala finden sich die Berufe im sozialen und kulturellen Bereich.

Dennoch beobachten Sie keinen massiven Jobabbau in den Berufen mit hohem Substituierbarkeitspotenzial, oder?

Wir sehen schon, dass das Beschäftigungswachstum in hoch betroffenen Berufen weniger stark wächst. Aber wir können momentan die Sorgen vor einem massiven Beschäftigungsabbau durch die KI nehmen. Es gibt mehr Einflussgrößen als allein die technische Machbarkeit. Kollegen hier im Haus haben Projektionen erstellt, wonach wir in zehn bis 15 Jahren einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt im Hinblick auf die Effekte von KI sehen werden, also ein Nullsummenspiel von Beschäftigungsab- und aufbau. Wichtig ist zu verstehen, dass sich die Strukturen ändern werden, eine Erstausbildung genügt künftig nicht mehr, das Wissen veraltet immer schneller und muss immer öfters geupdatet werden. Lebenslanges Lernen wird immer wichtiger. KI ist da, und sie wird bleiben.

Was könnte das im Hinblick auf die beratenden Berufsgruppen bedeuten?

Wesentlich wird sein, die tatsächlich beratenden Tätigkeiten zu stärken, auf das Erfahrungswissen zu setzen, strategische Entscheidungen zu unterstützen. Das sind Dinge, die zumindest im Moment noch keine KI übernehmen kann.

 

Bislang finden wir in der Forschung für Deutschland keinen empirischen, kausalen Beleg dafür, dass KI den BerufseinsteigerInnen die Jobs wegnimmt.

 

Damit machen Sie auch ein weites Feld für Chancen auf. Worin bestehen diese, und wie lassen Sie sich wahrnehmen?

KI kann den Menschen viele Aufgaben abnehmen und somit entlasten und unterstützen. Es werden dadurch genau die Ressourcen frei, die es braucht, um sich weiterzuentwickeln. In der Öffentlichkeit wird KI ja derzeit oft als Schreckgespenst diskutiert, hier möchte ich ausdrücklich widersprechen. Wer den Mut hat, Neues auszuprobieren und flexibel bleibt, der wird von KI sicherlich profitieren. 

Was sich beobachten lässt, ist eine sehr verhaltene Einstellungspraxis im Hinblick auf Berufseinsteigerinnen und -einsteiger. Was sagen Sie dazu?

Ich glaube, dafür ist mehr die insgesamt schlechte wirtschaftliche Lage verantwortlich. Es wird in meiner Wahrnehmung ein wenig KI-Washing betrieben: ‚Wegen KI stellen wir weniger ein...‘ In Wahrheit sind vielleicht oftmals eher Auftragsrückgänge dafür verantwortlich, dass keine Berufseinsteiger und -einsteigerinnen eingestellt werden. Bislang finden wir in der Forschung für Deutschland keinen empirischen, kausalen Beleg dafür, dass KI den BerufseinsteigerInnen die Jobs wegnimmt.

Zur Person: Dr. Katharina Grienberger ist seit Januar 2009 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg tätig. Von 2010 bis 2015 war sie zudem Stipendiatin im gemeinsamen Graduiertenprogramm (GradAB) des IAB und des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Universität Erlangen-Nürnberg, wo sie 2016 promovierte. Zuvor studierte sie Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München mit dem Abschluss als Diplom-Volkswirtin (Univ.) im Jahr 2008. Ihre Forschungsinteressen umfassen die Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt. Am IAB leitet sie die Arbeitsgruppe Digitale und ökologische Transformation.

 

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