Recruitingstrategien in Umbruchzeiten

"Stringente Lebensläufe werden weniger werden"


Anja Staffe

Wer heute Steuerberater-Nachwuchs sucht, kämpft auf mehreren Fronten: ein Beruf mit Imageproblem, eine Examenspraxis mit 50 Prozent Durchfallquote und eine Generation, die Karriere anders denkt. Anja Staffe, Teamlead Talent Acquisition bei Forvis Mazars, erklärt, wie eine Next-Seven-Gesellschaft trotzdem rekrutiert – und warum der lückenlose Lebenslauf ausgedient hat.

Frau Staffe, noch ist unklar, welche Fähigkeiten und Kompetenzen Menschen künftig genau brauchen werden, wenn Steuerberatung stärker AI-gestützt abläuft. Sicher ist, dass analytische und Kommunikationsfähigkeiten wichtiger werden. Wie reagiert Ihr Haus darauf?

Staffe: Wir beobachten die Entwicklung sehr genau, weil sich im Zusammenspiel von Steuerberatung und AI aktuell sehr viel verändert. Deshalb beschäftigen wir uns intensiv damit, welche Aufgaben künftig stärker technologisch unterstützt werden können und welche Kompetenzen Menschen brauchen, um diese Unterstützung fachlich richtig zu nutzen. 

 

Berufsbilder wie Steuerfachangestellte und Bilanzbuchhalter*innen werden sich weiterentwickeln – stärker in Richtung Datenverständnis, Prozesskompetenz und Qualitätssicherung.

 

Für uns ist klar: AI kann beispielsweise die Recherche deutlich unterstützen. Sie ersetzt aber nicht das fachliche Urteilsvermögen und die Beratungskompetenz unserer Mitarbeitenden. Gerade die Prüfung, Einordnung und Kommunikation von Ergebnissen bleiben zentrale menschliche Aufgaben. Deshalb werden wir auch weiterhin Associates ausbilden. Der Berufseinstieg wird sich verändern, aber wir brauchen auch künftig Menschen, die fachlich wachsen und später AI-gestützte Ergebnisse qualitätssichernd überprüfen können. Auch Berufsbilder wie Steuerfachangestellte und Bilanzbuchhalter*innen werden sich weiterentwickeln – stärker in Richtung Datenverständnis, Prozesskompetenz und Qualitätssicherung.

Würden Sie sagen, KI ist das entscheidende Thema gerade auch in der Personalarbeit oder gibt es noch andere?

Natürlich gibt es auch andere, der wichtigste ist für Bewerber*innen neben persönlichen Chancen die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. Aber wir setzen sehr auf das Thema KI, es hat mehrere Dimensionen, unter anderem im Hinblick auf die Bindung der bestehenden Kräfte, insbesondere durch Qualifizierung. Denn wir wollen unseren Kolleg*innen die Unsicherheit im Umgang mit KI nehmen und sie fit dafür machen, um gleichzeitig die zweite große Sorge zu zerstreuen: dass sie überflüssig werden würden. Deshalb stellen wir Werkzeuge zur Verfügung, schulen und begleiten durch unterschiedlichste Formate, wie etwa mit dem 'Prompt der Woche'.

Ist KI tatsächlich auch etwas, das Bewerber*innen aktiv einfordern?

Ja, ich werde im Recruiting öfter gefragt, wie weit wir mit dem Thema sind. Schon allein deshalb wollen wir nicht mit Werkzeugen von vorgestern arbeiten – denn wer bei uns einsteigt, kann erwarten, dass er nicht den Anschluss an die Zukunft verliert, sondern aktiv mitgestalten kann. Nach wie vor ist es so, dass die individuellen Weiterentwicklungsmöglichkeiten, der potenzielle Karriereweg und das Arbeitsklima und das Gehalt für die meisten entscheidend sind, danach folgt der Einsatz von KI, insbesondere im Sinne von Zukunftsfähigkeit.

Welche Rolle spielen bei Ihnen besondere Ansprüche der jüngeren Generation, von denen oft berichtet wird?

Tatsächlich haben heute junge Bewerberinnen und Bewerber andere Werte für ihr persönliches Leben als die Generation davor. Das hat mit Achtsamkeit zu tun und der Überzeugung: 'Ich arbeite, um zu leben; ich lebe nicht, um zu arbeiten.' Das ist etwas ganz anderes als Faulheit, es geht um Verantwortungsübernahme für die eigene Gesundheit. Die Frage 'What's in it for me?' ist die treibende und in meinen Augen völlig legitim. Denn sie wollen ihre persönlichen Bedürfnisse und Erwartungen stärker in Einklang mit der beruflichen Tätigkeit bringen. Engagement ist weiterhin vorhanden, richtet sich jedoch weniger an einzelne Arbeitgeber als vielmehr an die inhaltliche und persönliche Passung der Aufgabe.

Halten Sie die Forderungen manchmal dennoch für überzogen?

Ja, vereinzelt ist das der Fall. Gerade heute gibt es zunehmend Formate und Karrierewege, die es ermöglichen, das Steuerberaterexamen bereits im Alter von 23 Jahren erfolgreich abzulegen. Wenn in solchen Fällen unmittelbar ein deutlicher Gehaltssprung von 30.000 Euro pro Jahr erwartet wird, ist das aus individueller Perspektive gut nachvollziehbar – schließlich steckt hinter diesem Erfolg ein hoher persönlicher Einsatz. Gleichzeitig ist die praktische Erfahrung in der steuerlichen Beratung ebenfalls ein wesentlicher Faktor. Diese entsteht nun einmal erst mit der Zeit, sodass es sinnvoll ist, sowohl Qualifikation als auch Erfahrung gemeinsam zu betrachten.

 

Manche Bewerberinnen und Bewerber setzen ihren Fokus sehr einseitig auf bestimmte Tätigkeitsbereiche der Steuerberatung.

 

Ähnliches gilt für die Aufgaben. Manche Bewerberinnen und Bewerber setzen ihren Fokus sehr einseitig auf bestimmte Tätigkeitsbereiche der Steuerberatung – häufig auf international geprägte oder strategische Themen, die besonders attraktiv erscheinen. Dabei wird jedoch oft unterschätzt, dass die Steuerberatung insgesamt ein sehr vielfältiges Berufsfeld ist und die fundierten Grundlagen in allen Bereichen eine wichtige Voraussetzung darstellen. Themen wie die Erstellung von Steuererklärungen – auch für große und komplexe Mandate – bilden dabei eine wichtige Basis. Gleichzeitig freuen wir uns über jedes Interesse an diesem Berufsfeld und sehen es als unsere Aufgabe, ein realistisches und zugleich ganzheitliches Bild der Tätigkeit zu vermitteln.

Was sind die schlagenden Argumente, mit denen Sie aktuell Bewerberinnen und Bewerber überzeugen?

Unser Anspruch ist es, als international vernetzte Prüfungs- und Beratungsgesellschaft weiter nachhaltig zu wachsen – mit hoher fachlicher Qualität, unternehmerischem Denken und einer starken Teamkultur. Für unsere Mitarbeitenden bedeutet das: Gestaltungsspielraum, frühe Verantwortung und die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen. Dabei ist uns wichtig, Wachstum nicht um jeden Preis zu verfolgen. Wir setzen bewusst auf Zusammenarbeit statt Ellenbogenkultur und auf ein Umfeld, in dem Leistung, gegenseitige Unterstützung und persönliche Entwicklung zusammengehören. Gerade berufserfahrene Kandidat*innen schätzen diese Kombination: anspruchsvolle Aufgaben, echte Verantwortung und eine Kultur, die professionell, ambitioniert und partnerschaftlich zugleich ist.

Welche Recruiting-Strategien verfolgen Sie?

Wir arbeiten sehr eng mit unserem Employer-Branding-Team zusammen – denn unsere Arbeitgebermarke ist die Basis für alles, was wir im Recruiting tun. Gleichzeitig setzen wir auf eine breite Mischung an Maßnahmen: von Stellenanzeigen über Direktansprache bis hin zu kurzen, persönlichen Videoformaten. Denn ein Großteil unserer Zielgruppen, wie Steuerfachangestellte und Bilanzbuchhalter*innen ist gar nicht auf Kanälen wie LinkedIn aktiv. Zudem ist die grundsätzliche Wechselbereitschaft in diesen Zielgruppen vergleichsweise gering, während der Wettbewerb um sie sehr hoch ist. Umso wichtiger ist es, schnell zu überzeugen. Deshalb setzen wir auf authentische Kolleg*innen, die es schaffen, Menschen per Videobotschaft in wenigen Sekunden emotional anzusprechen und für uns zu begeistern.

 

Neben dem konservativen Image kommt eine Examenspraxis hinzu, die schlichtweg nicht mehr zeitgemäß ist

 

Lassen Sie uns noch einmal auf den Markt schauen: Welche Voraussetzungen müssten geschaffen werden, damit genügend Fachkräfte zur Verfügung stehen?

Die Studien zeigen ganz klar, dass es aktuell sehr knapp ist, und das liegt auch daran, dass es weniger Studierende im Fach Steuern gibt. Noch immer ist der Beruf zu Unrecht stark mit Vorurteilen behaftet, gilt als konservativ und hat sein Renommee dennoch eingebüßt. Das sind ungünstige Voraussetzungen, denn neben dem konservativen Image kommt eine Examenspraxis hinzu, die schlichtweg nicht mehr zeitgemäß ist. Die Stofffülle ist zu groß, ebenso die Durchfallquote mit 50 Prozent. 

Das schreckt viele ab und zeigt deutlich den Reformbedarf. Diese ist ja bereits im Gange, sollte aber zügiger umgesetzt werden und vor allem sämtliche Probleme der aktuellen Praxis adressieren. Neben einem faireren und zugänglicheren Verfahren braucht es ebenso ein modernes Verständnis des Berufsbilds, das die langfristigen Perspektiven insbesondere unter Einbindung von KI stärker in den Vordergrund rückt. Helfen würde dagegen eine engere Verzahnung von Wirtschaft, Hochschule und Politik, denn insbesondere der Staat muss ein originäres Interesse daran haben, dass die Abwicklung der Besteuerung langfristig gesichert bleibt.

Was schätzen Sie, ist die Einstellungspraxis in den meisten Kanzleien überhaupt schon bereit für diese Zukunftsfragen?

Teilweise. Manche setzen immer noch auf einen lückenlosen Lebenslauf, der aber immer weniger dazu geeignet ist, etwas darüber auszusagen, ob jemand die erforderlichen Kompetenzen und Skills hat, die in Zukunft entscheidend sein werden. Steuerliches Fachwissen bleibt wichtig, wird aber künftig stärker ergänzend wirken. Weitaus wichtiger werden KI- und prozessuales Verständnis, Kommunikationsstärke, Empathie und analytische Fähigkeiten. An uns Beratungsunternehmen ist es, neue Ausbildungs- und Entwicklungsmodelle für die Jobs von morgen zu schaffen. Stringente Lebensläufe werden dabei weniger werden.

Zur Person:

Anja Staffe ist Talent Acquisition Manager – Teamlead Steuerberatung & Accounting bei der Forvis Mazars GmbH & Co. KG. Forvis Mazars ist eine internationale Wirtschaftsprüfungs-, Rechnungswesen- und Beratungsgesellschaft, die im Juni 2024 durch den Netzwerkzusammenschluss von Mazars und Forvis entstanden ist. Das Unternehmen ist in den USA und in über 100 anderen Ländern tätig und gehörte zum Zeitpunkt der Vereinbarung zu den Top 10 der globalen Prüfungsgesellschaften.


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