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Profitieren Kanzleien von der neuen Härte auf dem Arbeitsmarkt?

Der allgemeine Arbeitsmarkt entspannt sich, offene Stellen werden weniger, Unternehmen rufen Mitarbeitende zurück ins Büro und von New Work ist keine Rede mehr. Können Steuerkanzleien davon profitieren?

Die andauernde Wirtschaftsflaute hinterlässt Spuren. Viele Unternehmen, vor allem im verarbeitenden Gewerbe, bauen Stellen ab. Manche Arbeitgeber fahren Benefits zurück, rufen Mitarbeitende zurück ins Büro und zeigen, was Der Spiegel jüngst als "neue Härte" auf dem Arbeitsmarkt beschrieben hat.

Kanzleien beobachten diese Entwicklung und hegen Hoffnungen, dass sich bei ihnen die Suche nach Fachkräften entspannen könnte. Susanne Pannenbäcker, Head of Talent & HR Consulting bei der Jost AG, begleitet Steuerkanzleien in Vermittlung, Nachfolge und der Besetzung aller Positionen, von Fachkräften bis zu Berufsträgern und hört diese Hoffnung regelmäßig. "In den Kanzleien ist eine gewisse Erwartungshaltung da. Die Erwartung, dass sich der Bewerbermarkt entspannt." Dem sei aber nicht so.

Denn die Fachkräftelücke in der Steuerberatung wächst, gegen den aktuellen Trend.

Während die gesamtwirtschaftliche Fachkräftelücke im Jahr 2025 um fast ein Viertel sank, stieg sie bei Expertinnen und Experten in der Steuerberatung gegenüber dem Vorjahr um 26,7 Prozent auf 2.318 rechnerisch nicht besetzbare Stellen. Das zeigt der KOFA-Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vom März 2026. Steuerberatung taucht darin als einer der wenigen Berufe auf, in denen der Fachkräftemangel zunimmt, obwohl er anderswo nachlässt.

PRO: Drei echte Chancen für Kanzleien

Trotzdem bietet die aktuelle Lage auf dem Gesamtarbeitsmarkt Kanzleien reale Chancen. Es gibt drei Argumente dafür.

Jobsicherheit zieht wieder. 

Wer monatelang keine Reaktion auf Bewerbungen erhält oder seinen Job in der Industrie verliert, schätzt einen Arbeitgeber, der verlässlich zahlt und nicht entlässt. Nina Falenski, Rechtsanwältin und zuständig für die Fachkräfteinitiative beim Deutschen Steuerberaterverband (DStV), sieht darin eine strukturelle Stärke der Branche: "Für Menschen, die aus anderen Branchen einsteigen, bietet die Tätigkeit in der Kanzlei viele Vorteile: Neben einem sicheren Arbeitsplatz sind das zum Beispiel eine sinnvolle, spannende Tätigkeit und gute Entwicklungsmöglichkeiten." Die gemeinsame Initiative "Gemeinsam Handeln!" von DStV, BStBK und DATEV helfe Kanzleien dabei, sich als Arbeitgeber zu positionieren, Mitarbeitende zu finden, zu binden und weiterzuentwickeln.

Quereinsteiger stehen bereit. 

Die Zahl der Umschülerinnen und Umschüler zum Steuerfachangestellten stieg lau Berufsstatistik der Bundessteuerberaterkammer 2025 auf 2.113. Das sind rund zwölf Prozent mehr als noch in der Berufsstatistik 2022. Der Pool wächst. "Ich rate allen Kanzleien, sich zu öffnen für den bestehenden Arbeitgebermarkt. Ihnen bleibt im Grunde auch gar keine andere Möglichkeit, als über den Tellerrand hinauszuschauen", sagt Pannenbäcker. "Wenn eine Person fachlich nicht zu 100 Prozent passt, aber hochmotiviert ist, dann ist es relativ leicht, sie fachlich weiterzubilden."

Flexible Modelle heben Kanzleien ab. 

Während Konzerne Homeoffice-Regelungen zurückfahren, können Kanzleien halten, was sie aufgebaut haben und damit punkten. Pannenbäcker beobachtet nicht, dass Kanzleien von flexiblen Arbeitsmodellen abrücken. "Die Kanzleien tun Gott sei Dank alles, um ihre guten Mitarbeiter zu behalten. Die Gehälter sind super, ebenso wie die Weiterbildungsmöglichkeiten. Und es gibt wirklich flexible Arbeitszeiten und Homeoffice-Regelungen."

CONTRA: Die Rechnung geht nicht von selbst auf

Das Kalkül, der allgemeine Stellenabbau werde den Kanzleimarkt entspannen, gehe nicht auf, so Pannenbäcker: "Wir fischen im Bereich der Steuerberatung in einem Arbeitsmarkt, der leer ist." Und die beschriebenen Chancen erschließen sich nur, wenn Kanzleien aktiv handeln. Aus diesen Gründen hapert es daran:

Anforderungsprofile bleiben zu eng. 

Fachkräfte, die nach Jahren in der freien Wirtschaft zurückwollen, scheitern an Absagen. Pannenbäcker erlebt das regelmäßig und schildert: "Ich habe in der Vermittlung gut ausgebildete Steuerfachangestellte mit Weiterbildung zum Bilanzbuchhalter, die ein paar Jahre in der freien Wirtschaft gearbeitet haben und aufgrund der Sicherheit wieder in die Steuerberatung zurückwollen und abgelehnt werden. Das ist ein Problem." Kanzleien müssten sich mehr für neue Bewerber öffnen.

Anja Staffe, Talent Acquisition Manager und Teamlead Steuerberatung & Accounting bei Forvis Mazars, bestätigt das im Haufe-Interview: Kanzleien müssten umdenken, denn künftig zählten neben steuerlichem Fachwissen vor allem "KI- und prozessuales Verständnis, Kommunikationsstärke, Empathie und analytische Fähigkeiten". Wer weiterhin auf lückenlose Lebensläufe mit reiner Kanzleierfahrung bestehe, werde den Wettbewerb um Talente verlieren. "Stringente Lebensläufe werden weniger werden", sagt Staffe.

Onboarding funktioniert nicht. 

Quereinsteiger scheitern vor allem an mangelhafter Einarbeitung. "Die Leute kommen dann in die Kanzlei, die kriegen ihre Softwarezugänge, die kriegen vielleicht noch mal einen kleinen Rundgang, dann kriegen die ein Handbuch auf den Tisch geknallt und das war es", sagt Pannenbäcker. "Das wird innerhalb der ersten Monate scheitern." Die Einarbeitungsphase sollte einen neuen Stellenwert in den Kanzleien erhalten. "Da gehört ein Mentor an die Seite gestellt, der wirklich auch da ist und die Leute vernünftig einarbeitet."

Erschwerend komme der Widerstand im Bestandsteam hinzu: "Es ist diese Voreingenommenheit der Fachkräfte, die dann eben schon da sind – das ist ein ganz, ganz großer Punkt. Die anderen sagen: Wir sind eh schon Oberkante, was die Arbeit angeht, und jetzt kommen hier noch sogenannte Quereinsteiger, die wir einarbeiten sollen. Und das spiegelt sich natürlich auf die Teamkultur und vor allem auch auf die Willkommenskultur wider."

Nina Falenski vom DStV ist etwas zuversichtlicher: "Viele Kanzleien arbeiten schon erfolgreich mit Quereinsteigern oder auch Umschülern", aber auch sie betont: "Wie immer liegt der Schlüssel in der sorgfältigen Einarbeitung. Gelingt diese, können Quereinsteiger viel zum Erfolg der Kanzlei beitragen und frische Perspektiven einbringen." Auf der Seite der Initiative "Gemeinsam Handeln!" könnten sich Kanzleiinhaber informieren, wie die Integration von Quereinsteigern gelingen kann.

Zu wenige bilden aus. 

75 Prozent der Steuerkanzleien kämpfen laut BStBK und ifo Institut mit dem Fachkräftemangel – aber nur 17 Prozent bilden aus. Zum 1.1.2026 zählte die BStBK bundesweit 17.081 Ausbildungsverhältnisse zum Steuerfachangestellten, 220 weniger als im Vorjahr.

Heiko Geiger, Geschäftsführer der awicontaxGroup, nennt im Haufe-Interview zwei hausgemachte Gründe: "Viele ältere Kanzleiinhaber, die kleinere Teams von fünf bis acht Personen leiten, haben sich in den letzten Jahren bewusst gegen die Ausbildung entschieden. Dazu kommt, dass die Auslastung oft so hoch ist, dass eine sinnvolle Ausbildung schwer zu integrieren ist. Die Lücke lässt sich durch nichts so schnell schließen."

Die Fachkräfteinitiative von DStV, BStBK und DATEV möchte das ändern. „Die Kennzahlen der Kampagne zahltsichausbildung.de sind sehr ermutigend und zeigen, dass junge Menschen durchaus offen sind für diesen sinnvollen Beruf mit ausgezeichneten Perspektiven", sagt Falenski. Das Werben für die eigene Branche und das Sichtbarmachen des Berufs hält auch Pannenbäcker für einen wichtigen Hebel: „Leider ist es immer noch so, dass der Job ein angestaubtes Image hat. Das hat er überhaupt nicht verdient."

Chance nutzen – aber aktiv

Die Einschätzungen zeigen: Die aktuelle Lage auf dem Gesamtarbeitsmarkt kann für Steuerkanzleien eine echte Chance sein. Doch sie erschließt sich nicht von selbst.

Kanzleien sollten die Jobsicherheit und Flexibilität, die sie bieten, aktiv nach außen kommunizieren. Sie sollten sich für Quereinsteiger öffnen und ein Onboarding aufbauen, das diesen Namen verdient. Und sie sollten ausbilden – denn das ist der direkteste Weg zur Fachkräftesicherung.

"Aus unserer Sicht hat erfolgreiche Personalarbeit nichts mit der Entscheidung für 'Härte' oder 'Kuschelkurs' zu tun", ergänzt Falenski. "Es geht darum, wie Arbeitgeber junge Menschen dazu motivieren können, ihr Bestes für die Mandanten und die Kanzlei zu geben. Als Kanzleiinhaber authentisch aufzutreten und gemeinsam mit Mitarbeitenden ein 'Wir'-Gefühl zu entwickeln, kommt bei jungen Leuten und bei bewährten Mitarbeitern gut an."


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