awicontax Zukunftskompass 2026

"Empathie wird zur Brücke zwischen Technik und Mensch"


Interview zum awicontax Zukunftskompass 2026

Digitalisierung, Fachkräftemangel und veränderte Mandantenerwartungen stellen die Steuerberatung vor große Herausforderungen. Heiko Geiger, Geschäftsführer der awicontaxGroup, erläutert im Interview die Ergebnisse des awicontax Zukunftskompasses 2026 und erklärt, wie Kanzleien durch Spezialisierung, Kooperation und empathische Beratung zukunftsfähig werden können.

Herr Geiger, Ihr Unternehmen hat für den awicontax Zukunftskompass 2026 Kanzleien und mittelständische Unternehmen befragt und die Ergebnisse gegenübergestellt. Was sind die zentralen Ergebnisse? 

Ein zentrales Ergebnis ist, dass Steuerberatungskanzleien aktuell an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Sie suchen dringend Entlastung, sei es durch zusätzliche Fachkräfte oder durch Technologisierung. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass Mandanten, vor allem der Mittelstand, eine ganzheitliche Beratung erwarten.

Ein großes Thema spielt dabei der Fachkräftemangel. In der Gesamtwirtschaft scheint sich der Arbeitsmarkt teilweise wieder zu einem Arbeitgebermarkt zu entwickeln. Wenn man Ihren Zukunftskompass liest, wirkt es so, als wäre das in der Steuerberatungsbranche noch nicht der Fall? 

Dieser Eindruck entsteht in den Bereichen Industrie und Produktion. Aber selbst dort zögern viele Unternehmen, Mitarbeiter freizusetzen, weil sie sich sorgen, bei einer besseren Auftragslage nicht genügend Fachkräfte zu finden. In der Steuerberatungsbranche ist die Lage anders. Wir spüren den demografischen Wandel deutlich: Viele Kanzleiinhaber und Mitarbeiter gehen in den Ruhestand.

Gleichzeitig haben wir hausgemachte Probleme. Viele ältere Kanzleiinhaber, die kleinere Teams von fünf bis acht Personen leiten, haben sich in den letzten Jahren bewusst gegen die Ausbildung entschieden. Dazu kommt, dass die Auslastung oft so hoch ist, dass eine sinnvolle Ausbildung schwer zu integrieren ist.

Das hat dazu geführt, dass in unserer Branche mittlerweile mehr als 10.000 Fachkräfte fehlen. Die Lücke lässt sich durch nichts so schnell schließen. Selbst wenn die Branche plötzlich wieder verstärkt ausbilden wollte, müssten wir erst einmal die passenden Auszubildenden finden. Das ist eine große Herausforderung, die wir nur durch langfristige Maßnahmen bewältigen können. 

Welche wären das zum Beispiel? 

Die Sichtbarkeit ist ein großes Thema für uns. Die Branche war bis vor Jahren davon geprägt, dass Steuerberater außer einer sachlichen Information kaum Werbung machen durften. Diese fehlende Sichtbarkeit zieht sich bis zu Social Media durch. Dort sind wir nicht in der Breite vertreten, wie es andere Branchen schon seit Jahren sind. Junge Menschen sehen uns schlichtweg nicht. Kleinere Kanzleien können sich keine professionelle Social-Media-Präsenz leisten. Es fehlt ihnen an Ressourcen und Inhalten.

Sie haben in Ihrem Schlussstatement im Zukunftskompass geschrieben, dass Steuerberater zu Ermöglichern werden sollen, die auf Basis von Daten eine umfassende betriebswirtschaftliche Beratung anbieten. Können Sie das aktuell?

Unsere Ausbildung konzentriert sich weiterhin auf Steuerthemen, während technologische Kompetenzen vernachlässigt werden. Mandanten erwarten heute aber nicht nur Steuererklärungen, sondern auch Unterstützung bei der Integration ihrer digitalen Systeme, wie etwa Warenwirtschaftssysteme. Oft wissen die Mandanten selbst nicht, wie sie diese Systeme richtig nutzen, und erwarten von uns, dass wir die Daten übernehmen, analysieren und daraus betriebswirtschaftliche Empfehlungen ableiten.

Ich kenne kaum eine andere Branche, in der die Technologiekompetenz so stark gefordert ist, ohne dass sie wirklich gelehrt wurde.

Was muss die Branche tun, um diesen Anforderungen gerecht zu werden? 

Wir müssen Fachkräfte gezielt ausbilden, die sowohl technologische als auch klassische steuerliche Kompetenzen mitbringen. Es gibt aktuell keine standardisierte Ausbildung, die diese Anforderungen abdeckt.

Deshalb haben wir in unserer Gruppe einen eigenen Campus aufgebaut. Unser Ziel ist es, die Fachkräfte zu entwickeln, die wir dringend brauchen, um den Spagat zwischen technologischen und steuerlichen Anforderungen zu meistern. 

Der Zukunftskompass beschreibt Künstliche Intelligenz (KI) als einen großen Treiber für die Branche. Gleichzeitig scheint vieles, was der KI zugeschrieben wird, wie das Wegfallen von Routinetätigkeiten, bereits mit der Digitalisierung versprochen worden zu sein. Sehen Sie hier Parallelen?

Absolut, seit über 15 Jahren wird uns gesagt, dass die Digitalisierung einfache Tätigkeiten ersetzen würde, etwa in der Buchhaltung. Doch bisher ist das nicht vollständig eingetreten. Jetzt wird KI als Lösung präsentiert, aber auch hier bin ich skeptisch. Sicherlich kann KI Belege erfassen, kategorisieren und auf Plausibilität prüfen – also vorbereitende Arbeiten übernehmen. Aber wenn es um die eigentliche Verarbeitung der Buchhaltung geht, stoßen wir schnell an Grenzen, weil dort extrem viele fachliche Entscheidungen getroffen werden müssen.

Glauben Sie, dass die KI langfristig eine größere Rolle in der Steuerberatung übernehmen kann?

Die Entwicklung der KI ist spannend, aber ich glaube nicht, dass sie die Steuerberatung grundlegend ersetzen wird. Die KI wird eine Unterstützung im Vorsystem sein – beim Erfassen und Vorbereiten der Daten. Aber bei der eigentlichen Buchhaltungsbearbeitung in Systemen wie Datev, wo steuerliche Bewertungen und Buchungsentscheidungen getroffen werden, stößt sie aufgrund der Komplexität des Steuerrechts an ihre Grenzen.

Es bleibt dabei: Das Fachwissen der Menschen ist unverzichtbar. Es wäre toll, wenn die Systeme mehr Routinearbeiten abnehmen könnten – seien wir mal ehrlich, es ist nicht spannend, einen Tankbeleg oder eine Telekomrechnung zu buchen. Aber die strategische Beratung, die Planung nach vorne und das Gestalten auf Basis von Daten – das bleibt unsere Aufgabe als Steuerberater.

Im Zukunftskompass betonen Sie, dass Digitalisierung und KI für Mandanten oft nur als „Nice-to-Have" gesehen werden, während die persönliche Beratung weiterhin im Mittelpunkt steht.

Die persönliche Nähe ist entscheidend, weil sie Vertrauen schafft. Mandanten möchten sich verstanden fühlen. Digitalisierung und KI können Prozesse unterstützen, aber sie ersetzen nicht den direkten Austausch. Wenn man sich vorstellt, nur noch von einer Maschine bedient zu werden, mag das in einigen Bereichen akzeptabel sein. Aber in vielen Lebensbereichen, besonders bei komplexen Themen wie Steuerberatung, fühlen sich Menschen nicht wohl damit.

Das sieht man auch an der Entwicklung der reinen Internet-Steuerberatung. Die Angebote richten sich meist an Kleinstmandate mit wenigen Rechnungen. Größere Unternehmen nehmen solche Angebote kaum an, weil ihnen der persönliche Ansprechpartner fehlt.

Sie schreiben im Kompass, dass Empathie in der digitalen Transformation zur Brücke zwischen Technik und Mensch wird. Wie äußert sich diese Empathie in der Steuerberatung? 

Empathie bedeutet, wirklich zuzuhören und zu verstehen, was der Mandant braucht – auch wenn er es nicht direkt sagt. Oft schildern Mandanten ihre Wünsche, aber meinen eigentlich etwas anderes. Das herauszufinden, erfordert Erfahrung und Feingefühl. Es geht darum, die Hintergründe zu erkennen: Wo steht der Mandant mit seinem Unternehmen? Welche persönlichen oder familiären Faktoren spielen eine Rolle? Aus diesen Informationen und dem eigenen Erfahrungsschatz filtert man als Berater heraus, was der Mandant wirklich möchte. Das ist oft nicht offensichtlich. Manchmal erkennt man Lösungen, die der Mandant selbst nicht formulieren konnte. Diese Transparenz und das Verständnis machen den Unterschied. Empathie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Fähigkeit, die wir aktiv einsetzen müssen, um Mandanten optimal zu unterstützen. 

Im Zukunftskompass haben Sie die Spezialisierung als zukunftsfähiges Modell für Steuerberatungskanzleien erwähnt. Gleichzeitig ist die Idee, dass sich kleinere Kanzleien zu größeren Komplexen zusammenschließen, ein Thema. Sehen Sie das als eine notwendige Entwicklung für die Branche?

Der Zukunftskompass zeigt deutlich, dass Spezialisierung und Kooperation entscheidende Weichenstellungen für die Zukunft der Steuerberatung sind. Kanzleien, die branchenspezifisches Wissen aufbauen, grenzen sich klar vom Wettbewerb ab. Gleichzeitig wird die Zusammenarbeit zwischen Kanzleien immer wichtiger. Wir setzen darauf, klein und schlagkräftig vor Ort am Mandanten zu bleiben, aber mit der Stärke einer größeren Einheit im Hintergrund. Diese Konstellation ermöglicht es uns, Dinge zu leisten, die sich ein Einzelner nicht leisten kann. Diese Verbindung aus lokaler Nähe und kollektiver Kompetenz schafft Synergien und ermöglicht es, Spezialisierung und Digitalisierung gezielt voranzutreiben.

Es gibt aktuell viel Diskussionen um das Fremdbesitzverbot und die Notwendigkeit, Kanzleien innovativer und finanziell stärker aufzustellen. Könnte ein Konstrukt wie Ihres eine Antwort auf diese Herausforderungen sein?

Wir sind bewusst nicht im Bereich von Private Equity unterwegs. Unser Ansatz ist klassisch und darauf ausgerichtet, kleine Kanzleien regional zu erhalten. Jede Kanzlei bewahrt ihre eigene Kultur und Mandantenbindung. Wir unterstützen aus dem Hintergrund mit Strukturen, Ideen und Empfehlungen und erhöhen die Sichtbarkeit durch gezielte Recruiting-Maßnahmen und Ausbildungsinitiativen. Finanziert wird das durch klassische Bankenfinanzierung, wie sie in der Branche seit Jahrzehnten üblich ist. Dadurch sind wir nicht von Controllingsystemen oder Skalierungsdruck getrieben. Unser Ziel ist es, die Branche in die Zukunft zu bringen – mandantengerecht und mitarbeitergerecht, ohne umsatzgetrieben zu sein. Umsatz und Honorare sind für uns Mittel, um Innovationen zu finanzieren und den Investitionsstau der Branche auszugleichen.


Zur Person

Heiko Geiger ist Steuerberater und Geschäftsführer der awicontaxGroup.


Der Zukunftskompass

Der awicontax Zukunftskompass 2026 wurde herausgegeben von der Steuerberatungsgruppe awicontax. Er enthält Ergebnisse aus qualitativen onlinegestützte Leitfadeninterviews mit zwanzig Steuerberatungskanzleien und einer repräsentativen Befragung von 1.500 Entscheiderinnen und Entscheidern aus mittelständischen Unternehmen der Branchen Gesundheitswesen, IT, E-Commerce, Handwerk und Franchise.


0 Kommentare
Das Eingabefeld enthält noch keinen Text oder nicht erlaubte Sonderzeichen. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingabe, um den Kommentar veröffentlichen zu können.
Noch keine Kommentare - teilen Sie Ihre Sicht und starten Sie die Diskussion