Experten aus ganz Europa haben über die Zukunft der Arbeit diskutiert
Als Professor Dr. Wolf-Dieter Lukas, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Konferenz eröffnete, blickte er von der Bühne im Bonner World Conference Center auf leere Zuschauerränge. Wegen der steigenden Corona-Infektionen wurde die Konferenz, die ursprünglich als hybride Veranstaltung geplant war, kurzfristig als reines Online-Format durchgeführt.
Den Wandel der Arbeit menschengerecht gestalten
"Wir erleben einen rasanten Wandel der Arbeitswelten, der nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie nochmals beschleunigt wurde", sagte Lukas in seiner Begrüßungsrede. Dieser Wandel berge für Unternehmen und Beschäftigte viele Chancen, bringe aber auch enorme Unsicherheiten mit sich.
"Genau hier spielt die Arbeitsforschung eine zentrale Rolle. Sie hilft, entsprechende Lösungsansätze zur Gestaltung der Arbeitswelten der Zukunft zu formulieren und Transferwege in die Praxis zu erproben: intern im Unternehmen, bei der direkten Interaktion mit Kunden und Patienten, im Homeoffice, im Büro oder bei der Projektarbeit. Experimentierfreude, unkonventionelle Wege und die Weiterentwicklung der dafür notwendigen Kompetenzen der Beschäftigten sind dabei wichtiger denn je", so Lukas.
Jugendliche präsentieren ihre Visionen von den Jobs der Zukunft
Im Vorfeld der Konferenz hatte das BMBF Jugendliche aus ganz Europa zum internationalen Wettbewerb "#futureworkchallenge" eingeladen. Zur Frage "Wie sieht dein Beruf der Zukunft aus?", hatten mehr als 200 Teilnehmer zwischen 13 und 29 Jahren ihre Vision vom Arbeitsplatz der Zukunft in Form von Bildern oder kurzen Videoclips eingereicht. Die besten Ideen wurden auf der Beyondwork 2020 prämiert. Platz eins ging an den 18-jährigen Tim aus Bad Salzuflen, der den Beruf des digitalen Mechanikers vorstellte. Dessen Aufgabe: Autonomes Fahren effizient und sicher gestalten.
"Meistens wird Zukunftsforschung von alten weißen Männern wie mir gemacht. Es ist toll, wenn junge Leute die Zukunft mitgestalten wollen", lobte Lukas das Engagement der Jugendlichen.
Das mittelalterliche Kloster als Vorbild für den Arbeitsplatz der Zukunft
Hirnforscher Dr. Henning Beck erläuterte in seiner rhetorisch-brillianten Keynote "Brain the Company - analoge Ideen für die digitale Welt von Morgen", warum der Mensch keine Angst vor der Übermacht von Maschinen und künstlicher Intelligenz (KI) haben sollte. Computer könnten Daten speichern, aber kein Wissen. Computer könnten lernen, aber nicht verstehen. Daten würden zwar oft als das "schwarze Gold" der Zukunft bezeichnet, "aber Daten sind tot." Aus Daten könnten Menschen bestenfalls Informationen ziehen – aber keine Ideen. "Die besten Ideen kommen immer noch aus dem Gehirn – auch in Zeiten von KI."
"Die besten Ideen kommen immer noch aus dem menschlichen Gehirn - auch in Zeiten von KI." - Hirnforscher Dr. Henning Beck auf der #beyondwork2020 zu #KI und der #Zukunft der #Arbeitswelt
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Mit Blick auf den aktuellen Homeoffice-Hype sagte er: "Homeoffice ist nur dann ein Vorteil, wenn ich konzentriert arbeiten und etwas abliefern muss." Aber die Kreativität und das innovative Potenzial sinke nachweislich, wenn Menschen alleine vor sich hinarbeiten. "Wenn wir vom Arbeitsplatz der Zukunft sprechen, müssen wir verstehen: Wie entsteht Innovation und welche Strukturen und Arbeitsbedingungen brauchen wir dafür?"
Beck empfiehlt, in die Vergangenheit zu blicken: "Das mittelalterliche Kloster mit Kreuzgang, Garten und Schreibstuben ist das ideale Vorbild: Es bietet Orte zum Austausch, zur Entspannung und zur Konzentration – verschiedene Bereiche, in denen man sich je nach Tätigkeit aufhalten kann."
Mobiles Arbeiten stärkt Krisenresilienz
Die Homeoffice-Debatte stand auch im Zentrum der Podiumsdiskussion am zweiten Konferenztag. Bettina Volkens, ehemalige Personalvorständin der Lufthansa und jetzt Präsidentin des Bundesverbands der Arbeitsgeber (BDA), sieht die momentane Euphorie ums Homeoffice kritisch. Viele Unternehmen fingen jetzt schon an, Immobilien abzumieten und ihre Büroflächen zu reduzieren: "Ich bezweifle, dass diese Strategie ein Erfolgsmodell ist. Das geht viel zu schnell und ich halte das für einen Fehler."
Reiner Hoffmann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), pflichtete ihr bei: "Es ist sicher falsch, an Büroräumen zu sparen. Wir brauchen auch die Interaktion und den Austausch." Und das Homeoffice berge durchaus Risiken, nicht nur im Hinblick auf den Gesundheitsschutz, sondern auch, weil dadurch tradierte Rollenbilder wieder gestärkt würden. Er gab jedoch zu bedenken, dass junge Menschen ganz andere Ansprüche an selbstbestimmtes Arbeiten und Zeitsouveränität hätten. "Hier sollten wir die Chancen, die Homeoffice und mobiles Arbeiten bieten, nutzen", so Hoffmann. Eine gesetzliche Regelung halte er deshalb nach wie vor für wünschenswert.
"Die Fähigkeit, mobil zu arbeiten, und das Wissen, dass wir das können und dass es funktioniert, macht Organisationen und Individuen resilienter und krisenfester." - Dr. Julia Borgräfe, Abteilungsleiterin im @BMAS_Bund, zu den Chancen von #Homeoffice und #mobiler #Arbeit
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Dr. Julia Borgräfe, Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, ergänzte, dass diejenigen Unternehmen, die schon etablierte Strukturen für mobiles Arbeiten hatten, deutlich besser durch die Krise gekommen seien. "Das soll kein Plädoyer fürs Homeoffice sein, aber die Fähigkeit, mobil zu arbeiten, und das Wissen, das wir das können und dass es funktioniert, macht Organisationen und Individuen resilienter."
Interdisziplinäre Sessions in sieben Themenbereichen
Neben Keynotes und Podiumsdiskussionen bot die Tagung 21 parallele Sessions in sieben Themenbereichen - von Gesundheit und Prävention über vernetztes Arbeiten bis hin zu Partizipation und Führung, die von prominenten Experten geleitet wurden. Mit dabei waren beispielsweise Professor Dr. Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer IAO, Professor Dr. Hubert Ertl, Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Professorin Dr. Beate Beermann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Dr. Susanne Kadner von der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften (Acatec), Professorin Dr. Verena Nitsch von der RWTH Aachen und Professorin Dr. Simone Kauffeld von der TU Braunschweig.
Insgesamt verfolgten über 1.500 Teilnehmer aus Deutschland, Italien, Frankreich, den USA, Irland, UK, Dänemark, Schweiz, Portugal, Österreich, Griechenland, Niederlande und Belgien die Konferenz, die anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft vom BMBF ausgerichtet wurde.
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