Das war der St. Galler Leadership-Tag 2024

Es waren ganz große Fragen, die der St. Galler Leadership-Tag mit Nacht in diesem Jahr stellte. Wie kann eine neue, menschlichere Arbeitswelt aussehen? Darauf wagten die Vorträge aus Unternehmenspraxis, Medizin, Politik und Wissenschaft eine Antwort.

Ein Tag hat 24 Stunden – das nehmen Heike Bruch, Professorin für Leadership an der Universität St. Gallen, und ihr Team vom Institut für Führung und Personalmanagement wörtlich. Deshalb dauert der St. Galler Leadership-Tag mit Nacht von 16 bis 16 Uhr. Und ist dreierlei: Tagung, Feier zur Verleihung des Leadership Award und geselliges Netzwerkevent.

Überschrieben war der diesjährige Leadership-Tag mit "Creating a humanized New World of Work". Das zeigte sich in den Beiträgen. "Das Programm war in diesem Jahr besonders vielseitig", sagte Heike Bruch. Die Tagung sollte betriebliche Perspektiven und persönlichen Perspektiven ergänzen und nach herausfordernden Umbrüchen, Krisen und Grenzsituationen fragen. Vertreten waren hochkarätige Referentinnen und Referenten aus der Unternehmenspraxis, aus Medizin, Politik und Wissenschaft. "Ich möchte einen Impuls geben, dass wir Verantwortung übernehmen für die Zukunft und für die menschliche Seite der Arbeitswelt und, ja, der Welt", betonte Bruch.

Die Bedeutung von affective events in der Arbeitswelt

Und dazu fing Bruch bei den Gipfeli an. Die Anekdote war Teil ihres Eröffnungsvortrags. Während der Beamer ein überdimensionales Croissant an die Wand des Tagungssaals im Weiterbildungszentrum Holzweid warf, erzählte Bruch: Ein Unternehmen möchte die Mitarbeitenden aus dem Homeoffice zurückholen und bietet im Büro kostenlose Gipfeli an (Anm. d. Redaktion: Gipfeli ist Schweizerdeutsch für Croissants). "Und jetzt passiert‘s, zum Erstaunen des Managements", sagt die große Geschichtenerzählerin Bruch: Die einen interessiert das kostenlose Gebäck kein bisschen - "und die andern: gekommen, Gipfeli gegessen und wieder gegangen."

Bruchs Fazit: Ein Gipfeli schafft noch kein "affective event". Die aber seien nötig für eine menschliche Arbeitswelt der Zukunft, damit Mitarbeitende sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren können. Nach aktuellen Zahlen der St. Galler New Work & Culture Längsschnittstudie werden am Arbeitsplatz positive affektive events zum Teil nur selten erlebt: So geben rund 68 Prozent der Befragten an, in den vergangenen sechs Monat häufiger erreicht zu haben, was sie sich erhofft haben. Fast ebenso viele (67 Prozent) sagen von sich, sie hätten in dieser Zeit häufiger Spaß gehabt und Kontakte geknüpft. Positives Feedback oder Lob hat im zurückliegenden halben Jahr etwa jede zweite Person häufiger erlebt (48 Prozent). Informationen, die sich positiv auf den Arbeitsablauf, die Aufgaben oder das Gehalt ausgewirkt haben, hat in diesem Zeitraum ungefähr eine von drei Personen häufiger erhalten (36 Prozent).

Schwerer wiegen nach Ansicht von Heike Bruch dagegen die negativen affective events: Mehr als jeder Zweite (55 Prozent) sagt von sich, er habe in den vergangenen sechs Monaten mit schwierigen Menschen zusammengearbeitet. Eine Person von dreien (32 Prozent) hat Informationen erhalten, die sich negativ auf den Arbeitsablauf, die Aufgaben oder das Gehalt ausgewirkt haben. 27 Prozent haben im zurückliegenden halben Jahr arbeitsbezogene Konflikte erlebt, etwa gleich viele haben negative Rückmeldungen, Kritik oder Beschwerden erhalten (26 Prozent). 18 Prozent geben an, in dieser Zeit respektlos behandelt worden zu sein.

Emotionen und Umgang mit Krisen

Bruchs Credo an diesen Tagen: "Wir müssen die Emotion ins Zentrum stellen. Wir müssen eine Arbeitswelt schaffen, die uns viel Energie gibt." Damit setzte sie den Rahmen für die folgenden Beiträge, die sich um die Themenbereiche humanisierte Führung, enkelfähiges Wachstum und gesunde Hochleistung drehten.

Während Martin Seiler, Vorstand Personal und Recht der Deutschen Bahn, Praxisbeispiele vorstellte, wie die Deutsche Bahn Menschlichkeit, Emotionen und Zusammenhalt stärken möchte, gab Christina Henkel, Chairwoman und CEO von Skyadvisory,  persönliche Einblicke in ihrer Transition zur Transfrau. So traten organisationale und individuelle Transformation in einen spannenden Dialog. Die Tagung stellt große Fragen an die Arbeitswelt: Mamphela Ramphele, Co-Präsidentin des Club of Rome, plädierte – live aus Südafrika zugeschaltet – für ein neues Verständnis von Wachstum. Die Akkumulierung von Wirtschaftsgütern sei eine Sucht, argumentierte sie. Es sei nötig, den menschlichen Faktor zu stärken, um dieser suizidalen Logik zu entkommen.

Leadership-Initiative der Deutschen Bahn gewinnt Leadership-Award

Der St. Galler Leadership-Award ging in diesem Jahr an die Deutsche Bahn. Ausgezeichnet wurde die Recruiting-Initiative Green Empowerment. Auf der Bühne im Presswerk in St. Gallen nahmen Kerstin Wagner und Lea-Sophie Münker den gläsernen Award entgegen. Mit ihrem schwungvollen Sechsminuten-Pitch hatten sie die Gäste vor der Bühne von ihrer Initiative überzeugt und im Live-Voting 57 Prozent der Stimmen geholt. Die Deutsche Bahn setzte sich damit gegen die beiden anderen Finalisten durch: Der zweite Preis holte mit 36 Prozent der Stimmen das mittelständische IT-Unternehmen BUCS IT GmbH. Mit dem dritten Preis und 7 Prozent der Publikumsstimmen wurde die Leadership-Initiative der Wirtschaftskanzlei Allen & Overy ausgezeichnet.

Verliehen wird der St. Galler Leadership Award vom Institut für Führung und Personalmanagement der Universität St. Gallen und der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. Nach dem obligatorischen Selfie mit Heike Bruch auf der Bühne folgten die ausgelassenen der 24 Stunden Leadership-Tag mit Nacht mit Bar und Barbecue.


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