Bereits zum dritten Mal hieß es auf dem Recruiter Slam in Stuttgart: Bühne frei für die wortgewandtesten und witzigsten Vertreter der Szene. Unter den acht Kandidaten waren zwei Frauen angetreten – eine davon holte die Recruiting-Dichter-Krone: Rebecca Glockner von Neoperl.

Aus dem Schwabenland kommen nicht nur kulinarische Spezialitäten wie Maultaschen und Spätzle, sondern auch der Recruiter Slam – ins Leben gerufen von Michael Witt und Tobias Meinhold, dem Moderator der 3. Ausgabe. Nach einem Jahr Kreativpause trafen sich am Abend des 12. April erneut die Poeten und Künstler unter den Recruitern und wetteiferten in der Spielstätte Wizemann (Stuttgart) mit ihrer Wortkunst und fachlichem Tiefgang um die Gunst von rund 230 angereisten Berufskollegen.
Vor ausverkauftem Haus ging es in zwei unterhaltsame Battle-Runden: Im ersten Durchgang traten zwei ausgeloste Paare im K.-o.-System gegeneinander an. Pro Auftritt hatten die Wort-Künstler maximal sechs Minuten Zeit, sich in Szene zu setzen. Das Publikum durfte jeweils per Applaus entscheiden, wer in das abschließende Vierer-Finale einziehen sollte. Vor der beeindruckenden Kulisse des ausverkauften Saals zitterten so manchem Slammer die Notizen in den Fingern, was der Qualität ihrer Vorträge jedoch kaum einen Abbruch tat. Die „Recruiter-Artists“ stellten die vermeintlichen Segnungen der Digitalisierung wie ein automatisiertes Kandidaten-Matching ebenso in Frage wie das dadurch möglich erscheinende Verschwinden ihres Berufsstands.

Vom Kuriositäten-Kabinett bis zum persönlichen Bekenntnis

Vorjahressieger Jannis Tsalikis hatte als Champion 2016 die Ehre, die Show mit seinem Intro außer Konkurrenz zu eröffnen: Er animierte das Publikum mit der Melodie eines tropfenden Wasserhahns im Hotel des vielreisenden Personalers zum Mitmachen (der Chorus lautete in etwa „Butt-butt-ding – butt-butt-butt-ding”) und öffnete die Recruiter so für die Poesie, die noch folgen sollte.

In Runde 1 setzte sich dann Thomas Rapp von Talentgewinner mit einer Ode an die Authentizität der Bewerber durch („Alles, was tief in Dir schlief, schreibt den Bewerberbrief“) und zwar gegen Florian Schrodt als reimender Verfechter einer „Personalerwelt, die mir selbst sehr gut gefällt“ und sich nicht länger klein halten möchte.

Heiko Schomberg von Bayer hatte die Lacher mit seiner Geschichte von Ralf Bummi Bursi auf seiner Seite – gemäß Max Frischs Ausspruch, „die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die nackte Wahrheit“. Der schrullige, in Pollunder und abgewetzten Schlagcordhosen gekleidete, übelriechende Halbleiter-Nerd mit bajuwarischem Idiom, kam dennoch im Vorstellungsgespräch sympathisch, ehrlich und gewinnend herüber. So verwies Schomberg Philipp Schmieja von CWS-boco International mit seiner poetischen Bewerbungslyrik („Bewerbungsformulare sind Schranken auf Gleisen, Bewerbungsgespräche sind Tänze auf höhen Stelzen, Absagen ist Träume zerschlagen“) auf die Plätze.

Ironie und Personalpolitik punktete vor Wortwitz und Gesang

Rebecca Glockner von Neoperl brachte die Attitüde „Wir möchten das ja gerne ändern, aber was können wir tun?“ in Sachen Gender Equality auf den Punkt. Damit setzte sie sich gegen Felix Bünting von Medifox durch, der mit seinem Triptychon der Vergangenheit „Früher war“ und drei Szenen aus seinem Recruiteralltag für weniger Hochmut und Nostalgie der Recruiter eintrat und mit seinen komplexen Gedanken nicht ganz die Gunst des Publikums gewinnen konnte.

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Anja Schölhorn von Viasion hatte mit ihrem mutigen Auftritt samt gewagter Gesangseinlage über die rosa Sternchen- und Bewertungswelt mit Lebensläufen als „Schleimspur“ das Nachsehen hinter Robindro Ullah von HR Tomorrow mit seinem Metapersonaler, der sich für Wahrheit, Freiheit und HR einsetzt – und so, ironischerweise versteht sich, die Recruiter vor den Bewerbern fernhält: eine gelungene Parabel auf eine misslungene Candidate Experience.

Finalrunde brachte „Frieden im War for Talents“

In der Finalrunde war es für die Slammer nicht so leicht, die hohe Qualität des ersten Durchlaufs aufrecht zu erhalten. Thomas Rapp stellte das H in HR mit seinem Aufruf zu mehr Respekt, Selbstbestimmung, Anerkennung, Entfaltung und Selbstverwirklichung in den Mittelpunkt („der War for Talents is over, Talents won“). Heiko Schomberg erzählte die Geschichte von Ralf Brummi Bursi konsequent zu Ende, der schließlich trotz seines ausfallenden Sozialverhaltens als der richtige und qualifizierteste Bewerber das Jobangebot bekam. Robindro Ullah dichtete über „Disruption, die neue fiktive Krankheit der Nation“ („lauter Gegenmittel stehen bereit, ob die wirklich helfen, da weiß keiner Bescheid“) und kam zu dem Schluss, dass disrupted HR und Recruiting ganz ohne Bewerber ihm doch zu heikel sind.

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Rebecca Glockner hielt jedoch am Ende die Trophäe in den Händen. Sie hatte nach dem Motto „die messbare Seite der Welt ist nicht die Welt“ für weniger Algorithmen plädiert, die irgendwann unser „wahres Ich“ nicht mehr von der digitalen Kopie unterscheiden können. Ihr schwebt vielmehr eine Co-Existenz von Recruitern und künstlicher Existenz vor, die sich wie Elektromusikfestivals und Unplugged-Konzerte gegenseitig ergänzen.

Braucht es noch Recruiter?

Schon 2016 war die Veranstaltung auf einem hohen Niveau angekommen und dies setzte sich nun nach Meinung vieler Besucher weiter fort. Erstmals war mit dem Slam das Abendprogramm noch nicht vorbei. Bis spät in die Nacht ging es auf der Aftershow-Party im Club Freund- und Kupferstecher in der Stuttgarter Innenstadt weiter.

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