16.03.2016 | Serie Kolumne Wirtschaftspsychologie

Schräge Töne – wenn Dirigenten Führungskräfte trainieren

Serienelemente
Prof. Dr. Uwe P. Kanning klärt in seiner monatlichen Kolumne über psychologische Fakten in der Personalarbeit auf.
Bild: Haufe Online Redaktion

So mancher Mythos geistert durch die Personalabteilungen - gerade wenn es um psychologisches Wissen geht. Professor Uwe P. Kanning klärt in seiner Kolumne über die Fakten auf. Heute gibt er nicht ganz ernst gemeinte Tipps, wie Sie den richtigen Dirigenten für ihr Führungskräftetraining aussuchen.

Sie sind auf der Suche nach einem neuen Training für Ihre Führungskräfte? Es soll ein Top-Event werden, das allen Spaß bereitet und niemanden allzu sehr fordert? Ihre Führungskräfte haben schon so ziemlich alles ausprobiert und sind leicht zu beeindrucken? Sie waren bereits im Hochgebirge, um den wirtschaftlichen Aufstieg zu lernen und haben mit Schamanen die verstorbenen Firmengründer herbeigetrommelt? Sie glauben, die Persönlichkeit ihrer Kunden aus deren Blickrichtung ablesen zu können und führen die Mitarbeiter wie einen lahmen Gaul im pferdegestützten Coaching? Sie deuten die Schädelform ihrer Gesprächspartner und frönen mindestens einmal am Tag ausgiebig der Autosuggestion? Sie gehen regelmäßig ins Kloster, um ihre innere Mitte zu suchen, auch wenn sie nicht so recht wissen, was das eigentlich sein soll? Prima, dann fehlt in der Sammlung eigentlich nur noch ein Führungskräftetraining mit einem Dirigenten.

Kriterien für die Auswahl des richtigen Dirigenten

Bei der Auswahl des richtigen Anbieters achten Sie am besten auf die folgenden Punkte:

  • Der Dirigent sollte möglichst alt sein und über jahrzehntelange Erfahrung verfügen. Führungsqualität hat zwar nachweislich nichts mit Erfahrung zu tun, Ihre Führungskräfte werden einem erfahrenen Dirigenten aber eher Glauben schenken als einem jungen. Schließlich gehen ja auch alle davon aus, dass sie selbst über die Jahre hinweg ganz von allein reifen wie ein guter Wein.
  • Der Dirigent sollte möglichst bekannt sein und dem einen oder anderen Star schon mal die Hand geschüttelt haben. Das sagt zwar nichts über seine Fähigkeiten als Führungskraft aus, Sie können aber sicher sein, dass der Glanz der Berühmtheit ihn derart überstrahlt, dass niemand sein Expertenwissen in Frage stellt, selbst wenn er nach der Veranstaltung Rheumadecken verkaufen wollte.
  • Natürlich muss der Dirigent über keinerlei Wissen aus der Führungsforschung verfügen – das erwartet ohnehin niemand vor einem Trainer. Es genügt vollkommen, wenn er ein paar Gemeinplätze zum Besten gibt: "Führung erfordert viel Geschick", "Menschen wollen geführt werden" oder "Führung ist der Schlüssel zum Erfolg eines jeden Unternehmens". Alle Anwesenden können solchen Aussagen uneingeschränkt zustimmen. Gleichzeitig offenbart sich ihnen hierin die vermeintlich tiefe Weisheit des Trainers.
  • Stellen Sie sicher, dass der Dirigent gleichermaßen lustige, besinnliche und ergreifende Anekdoten aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz zum Besten gibt. Wie war das seinerzeit, als Anne-Sophie Mutter noch als schüchternes Mädchen zu den Proben beim alten Karajan erschien oder als der Flügel von Artur Rubinstein falsch gestimmt war? Die Anekdoten müssen gar nicht wahr sein, sie sollen nur für gute Stimmung sorgen und den Führungskräften das Gefühl geben, zu einem exklusiven Kreis zu gehören.
  • Wenn Sie schon einen Dirigenten engagieren, sollte es auch ein klein wenig um Musik gehen. Es dürfte ein Leichtes für ihn sein, mit seinem Orchester oder notfalls aus der Konserve einige Musikstücke vorzuspielen und zu zeigen, wie Musik unsere Emotionen beeinflusst. Erleben wir nicht ein Gefühl der Erhabenheit, wenn die Coronation Anthems von Händel erklingen und wirkt das Leben nicht wie ein Spiel, wenn wir mit Mozart die Hochzeit des Figaro feiern? Niemand wird sich nach solch unterhaltsamen Showeinlagen danach fragen, was das alles eigentlich mit Führung zu tun hat.
  • Achten Sie darauf, dass der Dirigent immer wieder mit trivialen Assoziationen arbeitet. Dies sind Ihre Führungskräfte aus unzähligen Seminaren gewohnt. "Will nicht auch in Ihrem Unternehmen jeder die erste Geige spielen?", "Die Kunst der Führung besteht grundsätzlich darin, 70 Solisten zu einem Klangkörper zu vereinen", "Am Ende kommt es im Unternehmen wie im Orchester auf jeden einzelnen an, auch wenn er nur dreimal die Triangel anschlägt." Erst durch diese lockeren Assoziationen rechtfertigt sich das Scheinwissen des Dirigenten über jedwede Art der Führung. Leider helfen sie niemandem, der einen IQ über 85 hat, bei der Bewältigung seiner Führungsaufgaben. Die Aussagen sind aber vordergründig so wahr, dass sie niemanden zu kritischen Nachfragen verleiten. Genau hierin liegt der tiefere Sinn derartiger Assoziationen.
  • Natürlich muss der Dirigent auch selbst seine Kunst vorführen. Hierzu zeigt er mit seinem Orchester, was passiert, wenn er die Einsätze nicht richtig zuweist oder an Tempo verliert. Kostengünstiger wäre es zwar, sich an dieser Stelle aus dem umfangreichen Oeuvre von Loriot oder Otto Waalkes zu bedienen und ein kleines Filmchen zu zeigen, aber dann bräuchte man eigentlich auch keinen Dirigenten mehr. Ein Tipp: Falls Ihre Führungskräfte bei solchen Darbietungen tatsächlich noch etwas über Führung lernen können, sollten Sie einmal die Personalauswahlverfahren überprüfen.
  • Der Höhepunkt und gleichsam das Ende der Veranstaltung sind erreicht, wenn die Teilnehmer selbst zum Taktstock greifen und das Orchester dirigieren dürfen. Hier erfahren sie am eigenen Leib, wie folgenreich kleine Variationen des eigenen Verhaltens sein können. Wer eine Nuance daneben liegt, richtet leicht ein Chaos an. Nur schade, dass sich das Führungsverhalten und schon gar nicht der Erfolg in einer Führungssituation auf jede beliebig andere Führungssituation übertragen lässt. Leider sind die Menschen, die es zu führen gilt, andere. Leider sind die Methoden, derer sich die Führungskraft im Alltag bedienen kann, andere und leider sind auch die Rahmenbedingungen im Unternehmen unfassbar weit von der schönen Welt des Orchesters entfernt. In der Künstlichkeit der Abstraktion gehen all diese bedeutsamen Unterschiede verloren.

Das nächste Mal: Kindergärtner als Führungskräftetrainer?

Letztlich lernen Ihre Führungskräfte im Dirigentenseminar ebenso wenig wie bei vielen anderen Methoden, die heute gang und gäbe sind. Aber darum geht es ja eigentlich auch gar nicht. Wer will schon etwas lernen, wenn er es auch so bis in die Spitzenpositionen Ihres Unternehmens geschafft hat? Hauptsache, den Führungskräften hat die Veranstaltung Spaß bereitet, sie konnten sich auf Firmenkosten einen schönen Tag machen und wurden nicht genötigt, sich selbst zu hinterfragen oder gar ihr Verhalten zu ändern.

Wer weiß, vielleicht versuchen Sie es beim nächsten Mal mit einer Kindergärtnerin als Führungsexpertin. Hat nicht das Führen einer Kindergruppe ganz furchtbar viel mit dem Führen von Mitarbeitern zu tun?

Prof. Dr. phil. habil. Uwe P. Kanning ist seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Seine Schwerpunkte in Forschung und Praxis: Personaldiagnostik, Evaluation, Soziale Kompetenzen und Personalentwicklung.

Schlagworte zum Thema:  Online-Bewerbung, Bewerbung, Bewertung, Interview, Psychologie, Wissenschaft, Forschung, Personalarbeit

Aktuell

Meistgelesen