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30.09.2015 | Serie Kolumne Wirtschaftspsychologie

Schädeldeutung – Immer eine Nasenlänge voraus?

Serienelemente
Prof. Dr. Uwe P. Kanning klärt in seiner Kolumne über psychologische Fakten in der Personalarbeit auf.
Bild: Haufe Online Redaktion

So mancher Mythos geistert durch die HR-Abteilungen - gerade wenn es um psychologisches Wissen geht. Professor Uwe P. Kanning klärt über die Fakten auf. Heute zeigt er, warum Schädeldeutung als Instrument der Personaldiagnostik und Personalauswahl gar nichts bringt.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Ihre erfolgreichsten Manager ein besonders markantes Kinn haben? Kein Wunder, damit können sie sich hervorragend durchsetzen. Die besten Außendienstmitarbeiter ihres Unternehmens weisen auffallend große Ohrläppchen auf, nicht wahr? Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum dies so ist? Ganz einfach, große Ohrläppchen sprechen für einen ausgeprägten Geschäftssinn. Ihr Chef-Controller hat eng beieinander liegende Augen? Herzlichen Glückwunsch, mit dieser Personalauswahlentscheidung lagen Sie goldrichtig, denn eine starke Fokussierung kann für Controller nur von Vorteil sein.

Das Ohrläppchen als Erfolgsmerkmal der Personalauswahl

All diejenigen, die sich in diesen Beispielen nicht wiederfinden, sollten nicht traurig sein. Vielleicht sieht es bei Ihnen ja ungefähr so aus: Ihre erfolgreichsten Manager zeichnet ein wohlgeformtes und geschmeidiges Kinn auf? Bestens! Damit ecken sie nirgendwo an und steuern das Unternehmensschiff elegant durch die gefährlichsten Riffe. Die Ohrläppchen Ihrer Außendienstmitarbeiter sind auffällig klein? Besser könnte es gar nicht sein! Wer kleine Ohrläppchen hat, nimmt sich Zeit für die Menschen und versteht, was Kunden wirklich wollen. Ihr Chefcontroller hat den Augenabstand eines Chamäleons? Prima, wahrhaft erfolgreiche Controller verlieren niemals den Überblick.

Schädeldeutung: An den Falten die Persönlichkeit ablesen

Wer sich über derartige Dinge ernsthaft Gedanken macht, ist bereits einer exklusiven Spezies selbsternannten Experten auf den Leim gegangen. Die Rede ist von Vertretern der Schädeldeutung. Einfältigen Kunden gaukeln sie vor, man könne an der Form des Schädels oder der Anzahl der Stirnfalten etwas über die Persönlichkeit eines Menschen ablesen.

Dieses Geheimwissen sollen die Kunden zum Beispiel in der Personalauswahl, der Mitarbeiterführung oder in Verhandlungsgesprächen nutzen. Je nachdem wie differenziert man zu Werke schreitet, reicht entweder ein kurzer Blick auf ein Bewerbungsfoto, oder aber das Opfer wird nach allen Regeln der Kunst vermessen.

Die Analysemerkmale bei der Schädeldeutung

Doch Vorsicht, die Schädeldeutung "de luxe" hat es in sich. Zu deuten sind nicht weniger als:

  • Zwölf Blickrichtungen (Selbst NLP-Jünger können hier noch etwas lernen.),
  • zehn grundlegende Nasenformen zuzüglich spezifischer Nasenwurzeln, Nasenrücken, Nasenhöckern, Nasendächern, Nasenflügeln, Nasenstegen und Nasenspitzen,
  • drei Formen des Stegs zwischen Nase und Mund, drei Formen der Oberlippe, drei Formen der Unterlippe, zwei Mundwinkelarten,
  • fünf Kinnformen,
  • drei Ohrgrößen, drei Formen der Segelohrigkeit, drei Schrägheitsgrade, drei Höhen der Ansatzpunkt am Kopf, fünf Ohroberkantenareale, drei Verhältnisse zwischen beiden Ohren,
  • 15 Arten von Stirnfalten,
  • zehn Deutungsareale am Hinterkopf sowie ca. 50 Deutungsale auf der Schädeldecke (Keine Stellenbesetzung ohne Schädelrasur!),
  • Schädeltiefe, Schädelhöhe sowie die Länge verschiedener Diagonalen, die (imaginär) durch den Schädel gelegt werden.

Wem all dies noch nicht genügt, der deutet kurzerhand auch die Haartracht, Bärte oder die Kleidung. Selbstverständlich sagt auch der Körperbau furchtbar viel über einen Menschen aus: Vorsicht vor athletischen Typen, sie neigen zur Impulsivität, während die Schlaksigen gern mal schizophren werden.

Spezielle Berater stehen zur Diagnose parat

Angesichts dieser Vielfalt ist es selbstverständlich, dass die Unternehmen auf professionell ausgebildete Berater angewiesen sind. Ein Master aus Hogwarts sollte da schon drin sein. Alte Hasen und Häsinnen verfügen zudem über besondere Gaben wie etwa ein ausgeprägtes "Positionsgefühl" oder ein Gefühl für "Energie" und "Strahlung".  Wenn jetzt noch Telepathie und Telekinese hinzu kommen, kann nichts mehr schief gehen und Sie können alle Kräuterhexen nach Hause schicken, die Sie bislang beraten haben.

Empirische Belege für die Schädeldeutung: Fehlanzeige

Selbstverständlich gibt es zu all diesen Deutungen keinerlei empirische Belege. Die braucht man auch nicht, denn schließlich blickt die Schädeldeutung auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Schon Aristoteles wird nachgesagt, er habe erkannt, dass Menschen, die wie Tiere aussehen, auch die Eigenschaften dieser Tiere besitzen. Ihr künftiger Geschäftsführer sollte demnach aussehen wie ein Löwe, der Bürobote hingegen eher wie ein Schaf (Nicht verwechseln!).

Eine "Erfahrungswissenschaft", die sich so lange gehalten hat, braucht keine empirischen Belege. Sie muss ganz einfach richtig sein, denn Millionen Menschen können sich nicht irren. Jahrtausende lang wussten die Menschen doch auch, dass die Erde eine Scheibe ist und die Sonne sich um die Erde dreht. Da sieht man es ganz deutlich: Millionen Menschen können sich nicht irren. Wissenschaft brauchen wir nicht. Erfahrung ist alles, was zählt.

Als Belege gelten vor allem Erfahrungswerte

Wer nach Argumenten fragt, wird abgespeist mit einem Hirnmodell aus dem vorletzten Jahrhundert, dem Verweis auf Autoritäten oder einfältigen Vergleichen nach dem Prinzip: "Seht doch her, hat Schumacher kein markantes Kinn und war er etwa nicht ein durchsetzungsstarker Rennfahrer?". Mit solchen Argumenten ließ sich schon im Mittelalter das Volk auf Jahrmärkten verblüffen. Manche Dinge ändern sich eben nie.

Segelohren statt Kompetenzen prüfen?

Wenn auch in Ihrem Unternehmen die Aufklärung noch nicht Einzug gehalten hat und sie zur Weihnachtsfeier die eine oder andere Hexe verbrennen, sollten Sie schnell zur Tat schreiten und einen Schädeldeuter engagieren. Werfen Sie ruhig auch einen Blick auf die Referenzen der Anbieter. Sie werden überrascht sein, in welch guter Gesellschaft Sie sich befinden.

Eines noch zum Schluss: Wer sich derart exzeptioneller Methoden bedient, sollte dies auch unbedingt in sein Employer Branding und sein Personalmarketing einbinden. Sagen Sie den jungen, leistungsstarken Fachkräften ruhig, dass Sie sich einen Dreck um deren Kompetenzen scheren und sich statt dessen viel mehr für etwaige Segelohren interessieren. Ihre Konkurrenten werden es Ihnen danken.


Prof. Dr. phil. habil. Uwe P. Kanning ist seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Seine Schwerpunkte in Forschung und Praxis: Personaldiagnostik, Evaluation, Soziale Kompetenzen & Personalentwicklung.

Haufe Online Redaktion

Personaldiagnostik, Personalauswahl, Psychologie, Wissenschaft, Forschung, Personalarbeit

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