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Psychische Gesundheit: Präventionsmaßnahmen

Prävention ist Führungsaufgabe. Wir zeigen die wichtigsten Schritte, wie Unternehmen und Führungskräfte psychischen Belastungen in der Belegschaft aktiv vorbeugen und die körperliche, mentale und soziale Gesundheit ihrer Mitarbeitenden gezielt unterstützen können.

"Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts", wusste schon Arthur Schopenhauer. In Unternehmen spüren wir dies sehr unmittelbar – und zwar, wenn Mitarbeitende sich nicht gut fühlen, nicht fit und produktiv sind oder krankheitsbedingt ausfallen. Gesundheit, eben auch mentale und soziale Gesundheit, ist die wesentliche Grundvoraussetzung für Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Lange wurde Gesundheit als "mitgebrachte Selbstverständlichkeit" von Mitarbeitenden gesehen. Doch das lässt sich nach Jahren der Pandemie und aufgrund des kontinuierlichen, starken Anstiegs von psychischen Erkrankungen in den letzten zehn Jahren nicht mehr halten.

Die größten Fehler im betrieblichen Gesundheitsmanagement

Die vergangenen Jahre, in denen viele Unternehmen betriebliches Gesundheitsmanagement umgesetzt und ihren Mitarbeitenden und Führungskräften Angebote zur Gesundheitsförderung gemacht haben, führten in den meisten Firmen nicht dazu, dass sich die Gesundheit der Belegschaft messbar oder zumindest sichtbar verbessert hat. Hintergrund dafür ist, dass

  • mit betrieblichem Gesundheitsmanagement meist die Mitarbeitenden erreicht werden, die sich ohnehin schon um ihre Gesundheit kümmern.
  • das Thema nicht strategisch angegangen wird und keine Verankerung in allen Bereichen des Unternehmensalltags stattfindet. Stattdessen liegt Gesundheit oft in einem "abgekoppelten" Bereich in der Zuständigkeit von einzelnen Personen, die Maßnahmen organisieren.
  • es für die Führungskräfte weder eine klare Ausrichtung noch abgestimmte Prozesse und Strukturen sowie eine ausreichende Unterstützung und Qualifizierung für die praktische Umsetzung gesunder Führung sowie für den Umgang mit gesundheitlich und psychisch belasteten Mitarbeitenden gibt.

In fünf Schritten zur präventiv aufgestellten Gesundheitsstrategie

Erfolgreich hingegen sind Unternehmen, in denen der gute, sichere und klar geregelte Umgang mit der Gesundheit der Mitarbeitenden zur Kultur und zum natürlichen Arbeitsalltag gehört. In denen auch auf die Kosten für Gesundheit und Krankheit geschaut wird und daran gearbeitet wird, einen guten Gesundheitsstatus zu erzielen und zu halten. Genauso, wie es auch mit wirtschaftlichen, vertrieblichen oder personellen Zielen gehandhabt wird.

Mit den nachfolgenden fünf Schritten schaffen Sie die besten Voraussetzungen für ein "gesundes" Unternehmen:

  1. Gesundheit zum strategischen Thema machen.
  2. Gesundheits-Status-Quo messen und überschaubare Ziele umsetzen.
  3. Gesundheit im Unternehmensalltag und in der Kultur verankern.
  4. Umgang mit mental belasteten Mitarbeitenden klar regeln.
  5. Gesunde Rahmenbedingungen schaffen.

Gesundheit muss zum strategisch wichtigen Thema im Unternehmen werden

Es braucht eine Entscheidung und eine damit verbundene Bewusstheit der Geschäftsführung, Gesundheit – und damit ist die körperliche, mentale und soziale Gesundheit gemeint – als strategisch wichtiges Thema im Unternehmen zu platzieren und an der Verbesserung der Gesundheit mit den Mitarbeitenden zu arbeiten. Unsere Erfahrung im Corporate Health Consulting ist, dass ohne diese Entscheidung keine nachhaltigen und langfristigen Erfolge in der Optimierung der Gesundheit erreicht werden. Stattdessen wird immer wieder viel Geld für Gesundheitsförderung ohne wirkliches Ergebnis ausgegeben. 

Aus der Entscheidung sollte ein Statement oder im besten Fall eine Ausrichtung seitens des Unternehmens, zum Beispiel in Form einer Gesundheits-Leitlinie, formuliert werden, damit alle Führungskräfte und Mitarbeitenden eine Transparenz haben, was gewollt ist, und dann mit vereinten Kräften daran gearbeitet werden kann.

Gesundheits-Status-Quo messen und überschaubare Ziele umsetzen

Um im Unternehmen gezielt dort anzusetzen, wo die Ursachen von fehlender Gesundheit liegen und wo viele Mitarbeitende mentale Belastungen erleben, brauchen Verantwortliche zunächst einen umfassenden Gesamtüberblick über den Gesundheitsstatus des Unternehmens. Dieser sollte sowohl Aufschluss darüber geben, in welchen Bereichen das Unternehmen schon gut aufgestellt ist, als auch darüber, wo Entwicklungspotentiale und Produktivitätsreserven sind. Dazu gibt es gute Erhebungs- und Steuerungstools, wie etwa den Business Health Index (BHI), der auch die jeweils entstehenden Produktivitätseinbußen und -potentiale errechnet. 

Auch eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen, zu der jedes Unternehmen gesetzlich verpflichtet ist, kann Aufschluss geben. Aus den Umfrageergebnissen werden zunächst die drei wesentlichen Verbesserungsbereiche gezogen, an denen gezielt gearbeitet wird. Anschließend wird mit dem Steuerungstool geprüft, ob die eingeleiteten Maßnahmen wirksam waren und was als Nächstes ansteht, um in einen kontinuierlichen Gesundheits-Verbesserungsprozess zu kommen.

Gesundheit im Unternehmensalltag und in der Kultur verankern

Eine gute Gesundheitskultur zeichnet sich dadurch aus, dass Gesundheit in Verbindung mit der Produktivität der Mitarbeitenden natürlich und selbstverständlich überall mitgedacht wird – so, wie Entscheidende beispielsweise auch immer wirtschaftliche Aspekte im Blick haben. Das Thema sollte weniger in einer einzelnen Abteilung angesiedelt sein, sondern einen strategischen Charakter mit einer transparenten Ausrichtung für alle haben. Dazu gehört zum Beispiel, dass

  • offen und regelmäßig über Gesundheit im Unternehmen informiert und gesprochen wird. Einerseits in Teams oder auch auf Betriebs- oder Personalversammlungen, aber auch mit jedem und jeder einzelnen Mitarbeitenden, beispielsweise in Jahresgesprächen.
  • die Wichtigkeit von Gesundheit in den Köpfen aller Führungskräfte und Mitarbeitenden etabliert wird und bei gesundheitlichen Einschränkungen oder psychischen Belastungen frühzeitig und kompetent nach einem im Unternehmen abgestimmten Vorgehen reagiert wird. Klare, gut abgestimmte Strukturen und Prozesse sind eine Grundlage dafür.
  • Prävention einen hohen Stellenwert einnehmen darf. Maßnahmen zur Bewegung, zur Ernährung, aber auch Anleitungen, wie Mitarbeitende selbst für ihre mentale Gesundheit sorgen können, sind eine wertvolle Unterstützung. Bei den Maßnahmen kommt es darauf an, dass Mitarbeitende lernen, sich selbst gesund zu halten und sie nicht nur ein Angebot im Betrieb bekommen, was sie dann außerhalb in Anspruch nehmen. Unternehmen sollten die Mitarbeitenden also zu einem besseren Selbstmanagement ihrer Gesundheit anregen und aktivieren.
  • Führungskräfte nicht nur in gesunder Führung qualifiziert werden, sondern auch darin, wie sie Impulsgeber für Mitarbeitende und Teams sein können.

Umgang mit mental belasteten Mitarbeitenden: Klare Regeln helfen

Führungskräfte spielen bei der Umsetzung der Gesundheitskultur eine zentrale Rolle. Regelmäßige Qualifizierungen oder Seminare zu gesunder Führung beziehungsweise zum Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitenden halten das Thema bei Führungskräften lebendig. Sich mit der eigenen Gesundheit angeleitet zu beschäftigen, ist ebenfalls eine gute Voraussetzung, um mit Mitarbeitenden authentisch über ihre Gesundheit zu sprechen – auch wenn diese noch nicht mental belastet oder krank sind. Denn wenn Gespräche erst beginnen, sobald Mitarbeitende mehrfach gefehlt haben, wird es häufig nicht nur holprig für beide Seiten, es werden auch präventive Möglichkeiten verpasst. Ziel sollte also sein, dass Gesundheit zu einem normalen und wichtigen Gesprächsthema wird.

Zu gesunder Führung gehört auch die Umsetzung des Betrieblichen Eingliederungsmanagements, das verpflichtend ist für Unternehmen und zur Prävention mentaler Belastungen dient, weil Ausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen oft langwierig sind. Verantwortliche haben damit einen abgestimmten Plan, um länger erkrankte Mitarbeitende wieder gut in den Arbeitsprozess zu integrieren und damit erneuten Erkrankungen vorzubeugen.

Gesunde Rahmenbedingungen schaffen

Beim Thema Gesundheit sind die Verantwortlichkeiten klar aufgeteilt: Mitarbeitende kümmern sich darum, dass sie selbst gesund sind und auch bleiben. Unternehmen haben die Aufgabe, für gesunde Rahmenbedingungen zu sorgen. Dazu gehört etwa, dass die Arbeit in der zur Verfügung stehenden Arbeitszeit zu schaffen ist, die Aufgaben und Arbeitsinhalte klar definiert sind, Arbeitsprozesse gut strukturiert sind, Fehler, aber auch Highlights reflektiert werden, Projekte einen Endpunkt haben und zum Beispiel nach erreichten Zwischenzielen eine kurze Zeit zum Durchatmen gegeben werden.

Rahmenbedingungen sollten auch geschaffen werden, damit sich die Mitarbeitenden in eigener Verantwortung um ihre mentale Gesundheit kümmern und daran über schnelle und einfache Zugangswege arbeiten können. Ein institutionalisiertes Mental Health Coaching beziehungsweise eine Mitarbeiter- und Führungskräfteberatung oder ein Employee Assistance Program (EAP), in dem sich Mitarbeitende 24 Stunden an 365 Tagen zu allen beruflichen, privaten und gesundheitlichen Themen professionell beraten lassen können, bietet dazu eine optimale Möglichkeit. Auch Angebote zur Stressprävention, Resilienz oder zu Konflikttrainings tragen dazu bei.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Unternehmen tun gut daran, eine präventiv ausgerichtete Gesundheitsstrategie aufzustellen. Der übliche Obstkorb oder der Yoga-Kurs sind zwar gute Signale, reichen aber nicht aus, damit Mitarbeitende gesünder werden. Auch "Feelgood Manager" machen nur dann Sinn, wenn sie strategisch im Gesamtplan verankert sind. Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit sollten auf die wahren Herausforderungen und Problemstellungen des jeweiligen Unternehmens, beispielsweise auf die Erhöhung der Gesundheitsquote, auf die mentale Gesundheit oder auf die Verbesserung von gesundheitlichen Rahmenbedingungen in einzelnen Abteilungen messbar einzahlen. Wichtig ist eine gezielte, strategisch ausgerichtete Vorgehensweise, damit alle Räder ineinandergreifen und eine nachhaltige Wirkung zeigen, sodass irgendwann der offene und verantwortliche Umgang mit Gesundheit jedes Einzelnen zur Unternehmenskultur gehört.