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| Leadership 4.0

Digitalisierung, Führung und Mindset

In Zeiten der Digitalen Transformation sollten Manager mehr coachen und weniger kontrollieren, empfiehlt eine Microsoft-Studie
Bild: Corbis

Wie sollten Führungskräfte im Zeitalter der Digitalisierung agieren? Zu dieser Frage hat Apple-Mitgründer Steve Wozniak kürzlich einige Anhaltspunkte geliefert. Und der einstige Erzrivale Microsoft hat im Rahmen einer Studie Arbeitnehmer nach ihren Erfahrungen gefragt. 

Auf die Frage eines Nutzers der Online-Community-Plattform Reddit, was Tim Cook, der CEO von Apple, richtig mache, antwortete Steve Wozniak kürzlich: "Tim Cook erkennt die Angestellten und die Kunden von Apple als echte Menschen an." Er setze damit die Tradition von Steve Jobs fort und orientiere sich in erster Linie an den Bedürfnissen der Menschen.
Ein anderer Reddit-Nutzer fragte Wozniak nach Rat zu seinem Start-up-Projekt und wollte wissen, worauf es bei der Produktentwicklung und der Führung eines wachsenden Unternehmens ankäme. Die Antwort des Apple-Mitgründers lautete: "Hoffentlich verfügt ihr alle über ausgeprägte Kompetenzen. Aber wissen Sie, wichtiger als Fachkenntnis, wichtiger als Schulbildung ist manchmal Motivation. Der Wille, etwas zu tun. Eigene Ziele zu verfolgen." Mit dieser Einstellung hat es Wozniak bekanntlich weit gebracht: Apple gilt auch heute noch als eines der innovativsten und finanziell erfolgreichsten Unternehmen weltweit. Wozniak hatte das Unternehmen 1976 zusammen mit Steve Jobs und Ron Wayne gegründet.

Agilität zwischen Kunden und Mitarbeitern

Was Steve Wozniak im Rahmen der Fragestunde bei Reddit wie selbstverständlich antwortet, bringt recht genau auf den Punkt, worum es der Organisationstheorie mit dem Begriff der Agilität geht: Erstens um Kundenorientierung und die Fähigkeit, unmittelbar auf die Bedürfnisse und Wünsche der Zielgruppe einzugehen. Zweitens um die Einbindung der Mitarbeiter, um deren individuelle Fähigkeiten, Motivationen und Ideen. Mit diesem "Mindset" steht Wozniak gewissermaßen idealtypisch für eine Führungsqualität, der im Zeitalter der Digitalisierung immer mehr Beachtung geschenkt wird – und wer hätte vom Erfinder des ersten massentauglichen Heim-Computers schon etwas anderes erwartet.

Diese Einstellung, für die die Person Wozniak hier natürlich nur beispielhaft genannt ist, scheint bei vielen deutschen Führungskräften (noch) nicht sehr verbreitet zu sein. Zu dieser Einschätzung kommt jedenfalls der ehemalige Apple-Erzrivale Microsoft in einer Studie, die das Unternehmen in Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest durchgeführt hat.

Was bedeutet Führung in der digitalisierten Arbeitswelt?

Für die Untersuchung haben Microsoft und TNS Infratest 1000 Beschäftigte befragt. Dabei ging es den Forschern wesentlich darum, wie sich Führung in einer digitalen Arbeitswelt verändern müsse und wie der Einsatz moderner Informationstechnologie (IT) das Verhältnis zwischen Chefs und Mitarbeitern beeinflussen könne.

Manager als Coaches?

Im Ergebnis stellen die Studienautoren den hiesigen Führungskräften kein sehr gutes Zeugnis aus. So heißt es etwa von Markus Köhler, Senior Director Human Resources und Mitglied der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland: "Damit Unternehmen schneller auf Marktveränderungen reagieren können, müssen Führungskräfte mehr Verantwortung in die Teams abgeben, die nahe am Markt und am Kunden agieren und Mitarbeitern mehr Freiraum für eigene Entscheidungen überlassen. Manager sollten in Zukunft mehr coachen und weniger kontrollieren."

Mit dem Coaching-Talent vieler Führungskräfte scheint es allerdings nicht allzu weit her: Die Befragung von Microsoft und TNS-Infratest ergab, dass nicht einmal jeder zweite Mitarbeiter (41 Prozent) mit dem Vorgesetzten in der Rolle des Mentoren vollkommen zufrieden war - 60 Prozent der Befragten wünschten sich außerdem mehr Unterstützung vom Chef .

Mehr Feedback und Infos vom Chef

Eine faire Einschätzung und mehr Transparenz scheinen ohnehin wesentliche Anliegen der Mitarbeiter zu sein, wie die Studie zeigt: Die Mehrheit der Befragten Arbeitnehmer wünscht sich nämlich regelmäßigeres Feedback zu ihrer Arbeit (71 Prozent) und einen besseren Zugang zu Information (84 Prozent).

Die Technologielösungen, die viele Unternehmen bereits eingeführt haben, um in eben diesen Themenbereichen zu unterstützen, scheinen hierbei offenbar wenig hilfreich zu sein: Nur 20 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, dass sie durch den Einsatz von moderner Informationstechnologie schneller Feedback bekommen würden. Zudem sagt ebenfalls nur eine Minderheit (19 Prozent), dass ihr Vorgesetzter mehr Flexibilität in Bezug auf Arbeitszeit und -ort ermöglichen würde. 

Flexibilisierung auch in den Rollenverständnissen

Dabei legen die befragten Arbeitnehmer offenbar großen Wert auf flexible Arbeit: Eine Mehrheit (71 Prozent) wünscht sich, flexibler arbeiten zu können. Die Flexibilisierung, die die Befragten im Sinn haben, endet allerdings nicht bei den Arbeitszeiten oder Arbeitsorten, wie die Microsoft-Studie nahelegt: Die Arbeitnehmer möchten nämlich auch selbstständiger Entscheidungen treffen können – das gaben 85 Prozent der Befragten an.

Vertrauen in die Mitarbeiter setzen 

Diese Forderung nach mehr Entscheidungsfreiheit sei heutzutage nicht mehr nur nachvollziehbar, sondern sogar ein notwendiger Schritt, um auf Erfolgskurs zu bleiben, ist Birte Gall überzeugt. Mit Blick auf die veränderten Rahmenbedingungen sagt die Gründerin und Gesellschafterin der Berlin School of Digital Business: "Entscheidungen müssen unter zunehmender Komplexität, Unsicherheit und Geschwindigkeit getroffen werden. Führungskräfte müssen daher lernen, viel mehr in die Fähigkeiten und Lösungskompetenzen ihrer Mitarbeiter zu vertrauen. Sie müssen dazu Kontrolle abgeben."

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