13.10.2014 | Serie Kolumne Talent Management

Wie viel Egoismus ist Talenten gestattet?

Serienelemente
Talent-Management-Experte Martin Claßen
Bild: Claßen

Das Verhalten der jungen Talente und ihre ethische Grundhaltung wird häufig debattiert. Oft wird ihnen purer Egoismus in ihrem Handeln unterstellt. Kolumnist Martin Claßen zeigt, warum das nicht unbedingt etwas Schlechtes sein muss.

Vor neunzig Jahren ließ der Schweizer Schriftsteller Robert Walser den Protagonisten eines Romans überaus egoistische Sätze sagen: "Mein bemerkenswertes Prinzip lautet: Wer mir nicht nützt, der schadet sich. Nicht wahr, das ist unerhört gut gedacht?" Pfui! Dem stimmen Talente natürlich niemals nicht zu.

Drei Studien belegen und widerlege den Erfolg von Altruismus

Wer eher eine altruistischen Haltung einnimmt, von Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit und Füreinander geprägt, kann sich sogar auf eine aktuelle Studie aus der Alpenrepublik berufen. Verhaltensökonomen der ETH Zürich haben experimentell herausgefunden, dass sich Egoismus langfristig nicht durchsetzt. "Zeit Online" titelt zu dieser prosozialen Moral und fast schon philanthropischen Attitüde: "Die Altruisten gewinnen" Manch weitere Studie belegt große Vorteile von Altruismus, sogar bei Tieren und Pflanzen.

Im Business ist das allerdings längst nicht sicher. Zumal andere Studien von anderen Forschern den Egoismus als überlegene Strategie aufdecken. Der amerikanische Soziologe Margolis hat 1982 in seiner Theorie rationaler Entscheidung das Gleichgewicht zwischen egoistischen und altruistischen Präferenzen bestimmt. Diese Balance liegt meist recht deutlich auf der egoistischen Seite, nur wenige Menschen neigen zum Altruismus. Was wir im Job bei unseren Chefs, Kollegen und Kundenkönigen tagein tagaus erleben. Im Grunde gilt Altruismus in solch kognitiven Modellen ohnehin nur als Klugheitsegoismus: uneigennütziges Verhalten zur Erzielung wie auch immer gearteter persönlicher Vorteile. Was nicht zuletzt die Spieltheorie eindrucksvoll bestätigt.

Schließlich wurden in einer Studie von Darley und Batson aus dem Jahr 1973 Theologiestudenten, die gerade unter Zeitdruck auf dem Weg zum Seminar waren und dort ein Referat über den barmherzigen Samariter halten sollten, mit einem scheinbar Schwerverletzten am Straßenrand konfrontiert. Klar, was die wohl machten! Vier Prozent halfen dem Opfer.

Konsequenz für das Talent Management

Ich persönlich glaube nun, dass für Talente... Es ist völlig egal, was ich über Egoismus und Altruismus denke. Dies muss heute jeder mit sich selbst sowie seinem privaten und professionellen Umfeld ausmachen.

Im Grunde haben individuelle Haltungen ohnehin keine Bedeutung. Da unser gesamtes Wirtschaftssystem – angefangen bei Adam Smith – auf der Annahme beruht, dass sich die Egoismen Einzelner am Ende doch zu unser aller Wohlstand und Gemeinwohl entwickeln, dank der "unsichtbaren Hand". So gesehen braucht sich das System nicht wundern, wenn viele Talente egoistisch handeln und der Ellenbogen zum wichtigsten Körperteil wird, noch vor dem Herz und Hirn. Zumal altruistische Rollenmodelle in vielen Organisationen auf der roten Liste höchst seltener Spezies stehen, besonders in dünner Höhenluft.

Ich persönlich glaube nun, dass für Talente gesunder Egoismus aus lauterem Eigeninteresse gestattet ist, um überbordende Erwartungen von außen zu kompensieren. Freilich bieten das Gesunde und das Lautere immer noch genügend Raum zur individuellen Lesart.

Martin Claßen hat 2010 das Beratungsunternehmen People Consulting gegründet. Talent Management gehört zu einem seiner fünf Fokusbereiche in der HR-Beratung.

Schlagworte zum Thema:  Talent Management, Personalentwicklung, Recruiting, Mitarbeiterbindung

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