03.06.2015 | Serie Kolumne Recruiting

Endlich mehr Wertschätzung für den Bewerber

Serienelemente
Henner Knabenreich, Berater und Blogger, zeigt in seiner Kolumne monatlich neue Recruiting-Trends auf.
Bild: Haufe Online Redaktion

Gehören Sie zu den Personalern, die den Fachkräftemangel als Rechtfertigung nutzen? Oder zu denen, die versuchen, eine positive "Candidate Experience" zu schaffen und so an Fachkräfte zu kommen? Kolumnist Henner Knabenreich rät jedenfalls allen, schnell den zweiten Weg einzuschlagen.

Eigentlich sollte es ja selbstverständlich sein, dem Bewerber den roten Teppich auszurollen. Stattdessen muss dieser in vielen Fällen erst einmal mit Stacheldraht bewehrte Mauern erklimmen – sprich sich mit frustrierender E-Recruiting-Software auseinandersetzen, um nur überhaupt einen Fuß in die Tür des Unternehmens zu bekommen. Viele Arbeitgeber sind nämlich meilenweit davon entfernt, dem Kandidaten die Wertschätzung entgegen zu bringen, die er verdient. Dabei übersehen sie leider, dass sich die um ihren Marktwert bewussten Hochqualifizierten oder die in einem engen Arbeitsmarkt (also die, um die sich die Unternehmen prügeln), sich ihren Arbeitgeber aussuchen können. Was die dann auch tun. Und so bricht dann ein lautes Wehklagen aus und alle rufen sie „Fachkräftemangel!“.

Zahlen zum Fachkräftemangel fallen sehr unterschiedlich aus

Klar, dabei werden sie ja auch von diversen Studien gestützt. Hieß es neulich noch, dass der Fachkräftemangel mehr oder weniger ausbleibt (die Bundesagentur für Arbeit hatte sich zu ihrer vorherigen Prognose um lediglich sechs Millionen verschätzt und kommt nun nur noch auf 500.000 Fachkräfte, die 2030 fehlen werden), setzt nun BCG nach und warnt vor einem Defizit von fast acht Millionen im Jahr 2030. Allerdings spricht BCG von „Arbeitskräften“. Wer hat denn nun Recht? Wie auch immer, Fakt ist, Deutschland bekommt immer weniger Nachwuchs. Schließlich liegen wir auf einem der letzten Plätze in Sachen Kinderkriegen. Da gibt es eine einfach Lösung: Leute, macht Kinder.

Personalmarketing darf nicht ohne Ressourcen nebenher laufen

Aber zurück im Thema. Eine der Ursachen für ein mangelndes „Candy Date“ ist ja auch, dass strategisches Personalmarketing – obwohl überlebenswichtig für Unternehmen – eher selten erfolgt. Das führt dann dazu, dass dank mangelnder Ressourcen und mangelnder Weitsichtigkeit der Unternehmensführung Recruiting & Co. nebenher laufen.

Dafür einen Mitarbeiter einstellen oder eine eigene Abteilung gründen? Meistens Fehlanzeige. Das lässt sich doch nebenher vom Personalreferenten im Tagesgeschäft erledigen. Oder vom Marketing oder von der Unternehmenskommunikation. Die können das doch auch.

Ein Budget, mit dem sich ordentlich was auf die Beine stellen lässt? Ebenso Fehlanzeige.

Leidenschaftliche Menschen, zu deren Aufgaben die Personalanwerbung zählt (nennen wir sie der Einfachheit halber Recruiter), die über das notwendige Know-how verfügen, bereit sind, sich mit neuen Technologien und dem Werteverständnis nachfolgender Generationen auseinanderzusetzen? Was soll ich sagen: Leider sind auch die in Bezug auf die Gesamtheit der Personalbeschaffer eher selten anzutreffen.

Eins dürfen wir aber nicht vergessen: Die Beteiligten selbst müssen für ihr Selbstverständnis als Recruiter kämpfen. Allerdings kann man sich an dieser Stelle dann auch fragen, was das bringt. Denn wenn sie dann mit frechmutigen Ideen den Arbeitgeber in neuem Licht erscheinen lassen und Bewerber begeistern, werden sie oft ausgebremst.

Recruiter müssen zeigen, dass es ihnen ernst ist

Übrigens, niemand sagt, dass es leicht ist, Bewerber zu gewinnen. Abwarten, Hände in den Schoß legen und darauf hoffen, dass der nächste Mitarbeiter bald vor der Tür steht, ist wenig Erfolg versprechend. Genau wie Sie um Ihren Traumpartner werben müssen, so müssen Sie auch um Ihre Kandidaten werben. Und vom ersten Moment an zeigen, dass es Ihnen ernst ist – zum Beispiel mit einer Wertschätzung ausdrückenden und am Nutzen des Bewerbers orientierten Stellenanzeige. Oder einem nutzerfreundlichen und aufs Wesentliche reduzierten Bewerbungsformular. Mit einer mobil optimierten Karriereseite. Mit schnellen Reaktionen und Bewerberkorrespondenz, die nicht dem Charme eines Finanzamtschreibens entspricht. Mit empathischem Auftreten dem Bewerber gegenüber.

Selbstredend, dass Sie dabei authentisch und glaubwürdig agieren und nichts beschönigen. Das ist es, was in der Partnersuche ebenso zählt wie im Bewerbungsprozess. Viele Arbeitgeber sind davon noch weit entfernt. Die aber, die das verstanden haben und auf diese Weise eine positive Candidate Experience realisieren, haben die Nase vorn. Alle anderen schreien weiterhin "Fachkräftemangel!".

Blogger und Berater Henner Knabenreich

Henner Knabenreich ist Geschäftsführer der Knabenreich Consult GmbH. Er berät Unternehmen bei der Optimierung ihres Arbeitgeberauftritts. Zudem ist er Initiator von personalblogger.net und betreibt selbst den Blog personalmarketing2null.de.


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