Deutschland ist Schlusslicht beim Einsatz agiler Methoden
Nur 45 Prozent der befragten deutschen Unternehmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe gaben an, agile Entwicklungsmethoden einzusetzen. Zum Vergleich: 88 Prozent der befragten chinesischen Unternehmen nutzen diese Methoden, 82 Prozent in Indien und immerhin 63 Prozent in den USA. "Wir konnten mit dieser Datenbasis messen, dass der Unternehmensstandort Deutschland sich negativ auf den Einsatz moderner agiler Methoden auswirkt", sagt Professor Dr. Steffen Kinkel, Leiter des Instituts für Lernen und Innovation in Netzwerken (ILIN) an der Hochschule Karlsruhe und Autor der Studie.
"Der Unternehmensstandort Deutschland wirkt sich negativ auf den Einsatz moderner agiler Methoden aus." - Dr. Steffen Kinkel, Hochschule Karlsruhe
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Dazu haben die Wissenschaftler unterschiedliche Unternehmenscharakteristika, unter anderem Beschäftigtenzahl, Branche, Produktkomplexität, Seriengrößen der Produktion und den Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung einer multiplen Regressionsanalyse hinsichtlich ihres Zusammenhangs mit dem Einsatz agiler Methoden unterzogen.
Agile Methoden in Deutschland: Viel Gerede, wenig Umsetzung
Kinkel sagt: "Uns hier ist aufgefallen, dass vor allem die deutschen Unternehmen dazu neigen, seltener agile Methoden für die Weiterentwicklung ihrer Produkte, Services und Geschäftsmodelle einzusetzen. Damit lässt sich der Schluss ziehen, dass der Standort Deutschland bis heute eine Tendenz dazu hat, viel über Agilität zu sprechen. Wenn es aber zur faktischen Umsetzung kommt, dann wendet nur eine Minderheit der Unternehmen Tools wie Scrum, Kanban und Crystal an." Ähnliches gilt für die Unternehmen in Kanada, Frankreich, Polen und Schweden.
Agile-Methoden-Index: China und Indien führen, Deutschland ist Schlusslicht
Die Forscher der Hochschule Karlsruhe haben einen Index für den Methodeneinsatz berechnet, um mit ihm beschreiben zu können, wie intensiv die Unternehmen der jeweiligen Länder agile Methoden einsetzen. Ganz vorn sind China und Indien gelandet. 88 Prozent der chinesischen Unternehmen nutzen agile Entwicklungsmethoden (Indien: 82 Prozent; Deutschland: 45 Prozent), 93 Prozent design-orientierte Entwicklungsmethoden wie ‚Design Thinking‘ (Indien: 98 Prozent; Deutschland: 51 Prozent). 91 Prozent arbeiten mit internen digitalen Innovationsplattformen, auf denen internes Wissen zur Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen, Produkten und Dienstleistungen vernetzt, aggregiert und ausgewertet wird (Indien: 94 Prozent; Deutschland: 63 Prozent). Neun von zehn (92 Prozent) der chinesischen Unternehmen nutzen offene Plattformen, bei denen also auch Externe eingeladen werden, an Entwicklungsprozessen zu partizipieren (Indien: 90 Prozent; Deutschland: 51 Prozent).
"Deutschland bildet das absolute Schlusslicht, was den Einsatz agiler Methoden angeht", sagt Steffen Kinkel. "Kein Land hat einen geringeren Index-Wert erhalten" (Deutschland: 0,52; Indien: 0,91; China: 0,91). Insgesamt teilen sich die 16 untersuchten Länder in drei Blöcke: Vorweg gehen die Schwellenländer, im Mittelfeld finden sich Technologie- und Innovationsorientierte Industrieländer wie Japan und die USA (Platz acht und neun), ganz am Ende der Skala liegen Frankreich, Schweden, Kanada und Deutschland.
Digitale Dienstleistungen und Geschäftsmodelle: Deutschland wieder letzter
Auf dem letzten Platz ist Deutschland in der Untersuchung der Hochschule Karlsruhe auch bei der Selbsteinschätzung gelandet, wie groß der heutige Umsatzanteil mit digitalen Dienstleistungen und Geschäftsmodellen ist. Dieser Anteil macht gerade einmal 24 Prozent aus (Vergleich Spitzenreiter Kanada: 52 Prozent; China: 44 Prozent).
"Unternehmen, die verstärkt auf agile Methoden setzen, erzielen einen signifikant höheren Anteil ihres Umsatzes mit digitalen Dienstleistungen und Geschäftsmodellen." - Dr. Stefan Kinkel, Hochschule Karlsruhe
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Durch Regressionsanalyse wurde ermittelt, wie sich der Einsatz agiler Methoden auf den Umsatzanteil auswirkt. "Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Die Unternehmen, die verstärkt auf agile Methoden setzen, erzielen einen signifikant höheren Anteil ihres Umsatzes mit digitalen Dienstleistungen und Geschäftsmodellen", sagt Steffen Kinkel. "Dies verdeutlicht die Relevanz moderner Management- und Entwicklungsmethoden für die Fähigkeit, im digitalen Zeitalter Schritt zu halten. Dass vor allem die Schwellenländer darauf setzen, zeigt auch, dass es kein jahreslanges Know-how braucht, um agiles Management anzuwenden. Es gilt jetzt über das Neue nicht nur zu sprechen, sondern es auch wirklich umzusetzen. Auch in Deutschland gibt es heute exzellente Beispiele für die Umsetzung digitaler Geschäftsmodelle. Aber die große Mehrheit muss hier aktiver werden als bislang, um die Attraktivität unseres Standorts langfristig zu erhalten zu können."
Hintergrund: Initiative "Agil Hybrid"
Für die Studie wurden weltweit Geschäftsführer und Führungskräfte aus der Produktion von 655 Unternehmen aus 16 Industrie- und Schwellenländern im verarbeitenden Gewerbe befragt: Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Indien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Polen, Russland, Schweden, Spanen, Südkorea, USA und Vereinigtes Königreich. Die Stichprobe ist ausgewogen zwischen kleinen (KMU, Quote: 40 Prozent), mittleren (Quote: 24 Prozent) und großen (Quote: 36 Prozent) Unternehmen sowie über die 16 Länder verteilt.
Die Untersuchung wurde durch das Institut für Lernen und Innovation in Netzwerken (ILIN) der Hochschule Karlsruhe durchgeführt, im Rahmen der durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Wirtschafts- und Wissenschaftsinitiative "Agil Hybrid". Der Initiative gehören die HHL Leipzig Graduate School of Management, die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und die Hochschule Karlsruhe auf Seite der Wissenschaft an. Wirtschaftliche Partner der Forschungsinitiative sind die deutschen Unternehmen Viessmann, WILO, Blanc & Fischer, O. Kölling und SupraTix. Ziel der Initiative ist die Erforschung wesentlicher Hürden des Wandels von klassischen hin zu digitalen Geschäftsmodellen sowie die Vermittlung von Wissen und Methoden zum Umgang mit diesen Herausforderungen – gemeinsam erarbeitet aus einem Konsortium aus Wissenschaft und Praxis.
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