Schell, SGB IX § 130 Außero... / 2.3 Verfahrensvoraussetzungen – Schriftform (Satz 3)
 

Rz. 8

Bei der außerordentlichen Kündigung handelt es sich nach überwiegender Ansicht und der Rechtsprechung um eine einseitige, empfangsbedürftige öffentlich-rechtliche Willenserklärung (Freudenberg, in: Jung, SGB XII, § 78 Rz. 10; Flint, in: Grube/Wahrendorf/Flint, 5. Aufl. 2014, SGB XII, § 78 Rz. 10; Jaritz/Eicher, in: jurisPK-SGB XII, § 78 Rz. 31; LSG Berlin-Brandenburg, Urteil v. 2.9.2011, L 23 SO 147/11 B, Rz. 88, Sozialrecht aktuell 2011 S. 229; VG Schleswig-Holstein, Urteil v. 26.5.2003, 10 B 102/03, Rz. 19, NordÖR 2003 S. 326; VG München, Urteil v. 26.4.1990, M 15 K 90.576, RsDE (1991) Nr. 13 S. 87, 91). Der Ansicht, dass die außerordentliche Kündigung als Verwaltungsakt zu werten sei (Neumann, in: Hauck/Noftz, SGB XII, § 78 Rz. 5, und Schellhorn, in: Schellhorn/Hohm/Schneider, SGB XII, 18. Aufl. 2010, § 78 Rz. 8), da der herangezogene Vergleich mit der Rechtslage des § 74 SGB XI (dazu Neumann, in: Hauck/Noftz, SGB XII, § 76 Rz. 5 f.) überzeugt nicht. Eine Pflicht zur förmlichen Anhörung des Leistungserbringers vor der Erklärung der außerordentlichen Kündigung nach § 24 SGB X scheidet deswegen aus.

Schon im Hinblick auf die Bedeutung dieses Rechtsaktes (Eingriff in die Berufswahlfreiheit des Leistungserbringers aus Art. 12 GG, vgl. Komm. zu § 128 Rz. 8) und vertraglicher Umgangsformen nach Treu und Glauben sollte gleichwohl vor dem Kündigungsausspruch eine einvernehmliche Regelung gesucht werden, wenn die Pflichtverletzungen nicht bereits so gravierend sind, dass schon der Versuch einer einvernehmlichen Regelung dem Träger der Eingliederungshilfe nicht mehr zumutbar ist (insbesondere im Fall des Entzugs der Betriebserlaubnis nach Satz 2 Nr. 3 oder der Untersagung des weiteren Betriebes nach Satz 2 Nr. 4; vgl. auch Freudenberg, in: Jung, SGB XII, § 78 Rz. 9d; a. A. Flint, in: Grube/Wahrendorf/Flint, 5. Aufl. 2014, SGB XII § 78 Rz. 6 – keine Pflicht zur Kontaktaufnahme mit dem Leistungserbringer vor der Kündigungserklärung). Dies entspricht auch dem rechtsstaatlichen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit (vgl. Neumann, in: Hauck/Noftz, SGB XII, § 76, Rz. 3; vgl. auch die Alternative der Kürzung der vereinbarten Vergütung nach § 128).

Ebenso wie für den Abschluss der Vereinbarungen sieht Satz 3 ausdrücklich das Schriftformerfordernis vor. Als öffentlich-rechtliche Verträge sind auf Vereinbarungen die §§ 53 ff. SGB X anzuwenden und damit auch die dort näher hinterlegten Anforderungen an die Schriftform (vgl. Komm. zu § 123 Rz. 20).

Das Kündigungsrecht des § 130 setzt voraus, dass der angeführte Kündigungsgrund nach Vertragsschluss entstanden oder erkennbar geworden ist, ansonsten wäre eine Kündigung wegen widersprüchlichen Verhaltens vertragswidrig (wie hier: Freudenberg, in: Jung, SGB XII, § 78 Rz. 9c; SG Berlin, Urteil v. 6.7.2011, S 51 SO 507/11 ER, Rz. 37, juris; a. A. Flint, in: Grube/Wahrendorf/Flint, 5. Aufl. 2014, SGB XII, § 78, Rz. 5).

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