Umgang mit dem Bauhaus-Erbe: Zwischen Pflicht und Ehre

Um das gebaute Erbe der Ära Bauhaus kümmern sich bundesweit zahlreiche Wohnungsunternehmen und Genossenschaften. Das Ausloten zwischen zeitgemäßen Wohnansprüchen und den Anforderungen des Denkmalschutzes bleibt ein Spannungsfeld.

Tanztheater, Rauminstallationen, Kunstausstellungen – beim Eröffnungsfestival zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum im Januar in Berlin standen zahlreiche Facetten der weltweit renommierten Schule im Vordergrund. Nur das Wohnen selbst, Aspekte des im Alltag gelebten Bauhauses, spielten eine Nebenrolle.

Dabei gibt es mehrere Siedlungen direkt aus der Bauhaus-Schule oder aus ihrem Umfeld, in denen nach wie vor Mieter das berühmte Erbe täglich leben. Sie stehen vornehmlich in Ostdeutschland, wo das Bauhaus mit seinen drei Standorten Weimar, Dessau und Berlin die größten Wirkungskreise entfaltete, aber auch in Stuttgart und Karlsruhe, Celle und Oldenburg.

Bewirtschaftet werden sie zumeist von Wohnungsunternehmen oder Genossenschaften. Sie müssen versuchen, im Spannungsfeld von Denkmalschutz, Sanierungserfordernissen und den Wohnbedürfnissen von Bewohnern, das architektonische Kulturgut weiterzuentwickeln.

Hannes Meyer, der Walter Gropius als Bauhaus-Direktor nachgefolgt war, entwarf Ende der 1920er Jahre fünf Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 90 Wohnungen als Laubenganghäuser in Dessau: Die Eingangstüren mehrerer Einheiten liegen an einem gemeinsamen offenen Gang, der zu einer Treppe führt. Die drei- bis viergeschossigen Gebäuderiegel gingen direkt aus der Architekturabteilung des Bauhauses hervor. Sie sind baulich weitgehend im Originalzustand und gehören der Wohnungsgenossenschaft Dessau. Im Rahmen von Führungen der Stiftung Bauhaus Dessau können Interessierte eine Musterwohnung besichtigen.

Bauhaus-Siedlung Dürrenberg, Foto vom 30. Juli 1929
Die Bauhaus-Siedlung Dürrenberg des Architekten Alexander Klein – hier ein Foto der Bauten in der Rudolf-Breitscheid-Straße vom 30. Juli 1929

Licht, Luft und Sonne als Ziele

Eine Wohnung als museale Blaupause hat die Leuwo Leuna-Wohnungsgesellschaft in Bad Dürrenberg eingerichtet. In der Kleinstadt südöstlich von Leipzig hält das Unternehmen mit der "Alten Siedlung" ein baugeschichtliches Juwel im Bestand.

Auch dort prägen Laubenganghäuser das Quartier, neben Reihenhauszeilen und Wohngebäuden mit Wohnzimmerfenstern über Eck. Das Ensemble besticht zudem durch die besondere Freiflächengestaltung, von der Konzeption von Wiesenflächen bis hin zur Auswahl der Baumarten ist alles durchdacht. Als Architekt wirkte Alexander Klein, der mit Gropius zusammengearbeitet hatte und in Wohnungsfragen als ein Vordenker der 1920er Jahre gilt.

Während die Leuwo ihre Siedlung als Einzeljuwel pflegt, fügen sich die noch bewohnten Baudenkmäler in Gera in einen ganzen Kanon von Bauhaus-Erbstücken ein. Dort verwaltet die Wohnungsbaugenossenschaft "Glück Auf" Gera Gebäudeblöcke, die in den 1920er Jahren im gedanklichen Umfeld des Bauhauses entstanden sind.

Bauhaus-Bestand der Leuwo in Bad Dürrenberg
Bauhaus-Bestand in Bad Dürrenberg: Durchdacht bis ins Detail, selbst die Wäschestangen hat der Architekt damals mitgeplant

Die Siemensstadt in Berlin: Bauhaus-Siedlung unter UNESCO-Welterbeschutz

Gropius selbst entwarf neben zahlreichen Einzelhäusern und Villen für private Auftraggeber auch Gebäudeblöcke und Siedlungen, in denen er Leitprinzipien des Bauhauses auf die damaligen Anforderungen des Wohnungsbaus übertrug, beispielsweise in der Berliner Siemensstadt und in Karlsruhe.

Die Siemensstadt befindet sich im Besitz des Wohnungskonzerns Deutsche Wohnen und steht als eine von sechs Berliner "Siedlungen der Moderne" unter UNESCO-Welterbeschutz – mit dem Titel würdigt die internationale Kulturorganisation die Errungenschaften des damaligen großflächigen, menschenwürdigen Bauens als Antwort auf massive Bevölkerungszuwächse in Berlin: Raus aus dem Mief der Hinterhöfe, hin zu Licht, Luft und Sonne für alle.

In der Siemensstadt wirkte Gropius in den späten 1920ern neben Koryphäen wie Hans Scharoun, Otto Bartning und Hugo Häring. Als prägend erwies sich in diesem Ensemble vor allem Gropius Idee, mit kleinen Ladenflächen statt Wohnungen die lichttechnisch ungünstigen Ecksituationen in Blockbauten zu vermeiden. Bundesweit kopierten zahlreiche Bauherren diese Lösung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Hunderte Kilometer in Richtung Südwesten entfernt hat Gropius in Karlsruhe kurz nach seiner Zeit als Bauhaus-Direktor maßgeblich an der Planung und dem Bau der sogenannten Dammerstocksiedlung mitgewirkt. Auch dort ermöglichte er ideale Lichtverhältnisse in den Wohnungen, indem er auf Zeilenbau statt auf Blockrandbebauung setzte; als international wegweisend gilt das Ensemble darüber hinaus wegen des konsequent auf Funktionalität und Sparsamkeit ausgerichteten Bauens. Ein Großteil der Siedlung wird heute von der Baugenossenschaft Hardtwaldsiedlung Karlsruhe verwaltet, der andere Teil gehört dem größten kommunalen Wohnungsanbieter der Stadt, der Volkswohnung GmbH.

Unterschiedliche Herausforderungen

Während die Nachfrage in angespannten Wohnungsmärkten wie Berlin oder auch Karlsruhe so ist, dass jede Wohnung zu rentablen Preisen Mieter findet, stellen sich im Schatten von Ballungsräumen andere Herausforderungen. Angesichts des jahrelangen Schrumpfens von Gera beispielsweise, verbunden mit einem massiven Rückbau von Wohnungen und einem nach wie vor hohen Leerstand, kristallisieren sich hier Hürden im Umgang mit dem Bauerbe heraus.

Bauhaus-Bauten Laasener Straße Gera
Laasener Straße in Gera: Die Kombination aufgelockerter, durchgrünter Bauweisen und das einheitliche Erscheinungsbild ist kennzeichnend für Bauten der Bauhauszeit

Einerseits stehen die Siedlungen unter Denkmalschutz und dürfen nur behutsam verändert werden, umreißt "Glück Auf"-Vorstandsvorsitzender Uwe Klinger das Spannungsfeld. Andererseits gelte es so mit den Wohnungen umzugehen, dass sie sich vermarkten lassen. "Wir brauchen ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis", sagt er. "Man muss sich Mühe geben, auf die heutigen Bedürfnisse von Mitgliedern einzugehen."

Die "Glück Auf" hat die Denkmalbestände im Jahr 2015 von der früheren Geraer Baugenossenschaft GWG übernommen, und zwar im Zuge einer Verschmelzung mit dieser kleinsten Genossenschaft der Stadt – aus wirtschaftlichen Gründen. Die Bauhaus-Schule hat sich in einigen Wohnquartieren direkt baulich niedergeschlagen. Ihre Ideen und Prinzipien haben das Bauen seit den 1920er Jahren und insbesondere in der Nachkriegszeit nachhaltig geprägt. In Bad Dürrenberg, Gera oder Karlsruhe und in vielen anderen Städten leben bis heute Mieter in "originalen" Bauhaus-Beständen.


Der vollständige Artikel erschien im Magazin "DW Die Wohnungswirtschaft", Ausgabe 07/2019.


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