Coronakrise: Auswirkungen auf die Wohnungswirtschaft

Auch zehn Wochen nach dem Corona-Lockdown sind die Mietrückstände noch gering. Das melden zumindest Wohnungsunternehmen aus Bayern, Niedersachsen und Bremen. Sorgen um die finanzielle Krisenfestigkeit von Mietern macht sich aber der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen (SVRV).

Mieterhaushalte ohne Rücklagen könnten ab einem Verlust des Haushaltseinkommens von 100 Euro pro Monat finanziell durch ihre Wohnkosten überlastet werden, heißt es in der Studie des  Sachverständigenrats für Verbraucherfragen (SVRV) im Auftrag des Bundesjustizministeriums. Ab einem Verlust von 400 Euro könnten die Mieter sogar stark überfordert sein. Dies betreffe dann auch Haushalte, die grundsätzlich über finanzielle Rücklagen verfügen, egal ob in Großstädten oder kleineren Gemeinden.

Für Eigentümer ohne Rücklagen sieht der SVRV derzeit eine Überlastung ab 450 Euro fehlender monatlicher Einnahmen. Ein Haushalt gilt dann als überlastet, wenn das Verhältnis von Einkommen zu Wohnkosten die 40-Prozent-Grenze übersteigt. Vor der Krise lag die Wohnkostenbelastungsquote der Studie zufolge im Durchschnitt bei 26 Prozent.

Wie sehr die Haushalte – Mieter und selbst nutzende Eigentümer – am Ende durch die Folgen der Coronakrise, etwa durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, tatsächlich in eine solche Überlastungssituation geraten, ist derzeit nicht absehbar. In Anbetracht wenig optimistischer Wirtschaftsprognosen rechnen die Studienautoren aber nicht mit "einer schnellen Erholung der finanziellen Situation von Haushalten". Die Verfasser räumen ein, dass belastbare Daten zu Zahlungsausfällen derzeit kaum verfügbar seien. Die wenigen Zahlen variieren demnach stark von einem Prozent – nach Auskunft des Wohnungskonzerns Vonovia – bis rund sieben Prozent nach einer Selbsteinschätzung von Mietern laut einer Befragung des Eigentümerverbands Haus & Grund Deutschland.

vdw Niedersachsen Bremen: Es fehlen nur zwei Prozent des eigentlichen Mietaufkommens

Nach Einzug der Maimieten fehlen nur etwa zwei Prozent des eigentlichen Mietaufkommens, zieht der Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Niedersachsen Bremen (vdw) rund zehn Wochen nach Beginn der Coronakrise Bilanz. Rund ein Prozent der Wohnungsmieter haben seit Beginn der Krise nicht gezahlt, bei den Gewerbemietern sind es knapp sechs Prozent. Nur wenige der im Verband organisierten Genossenschaften und kommunalen Wohnungsgesellschaften sehen die Lage als problematisch an. Die Geschäfte sind laut Umfrage durch Mietausfälle derzeit nicht eingeschränkt. Allerdings will ein Drittel der Unternehmen die für 2020 geplanten Investitionen bremsen.

"Vorsicht ist angesagt, denn die Gefahr steigender Mietausfälle ist noch längst nicht gebannt", sagte vdw-Verbandsdirektorin Dr. Susanne Schmitt. "Sogar der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen (SVRV) rät der Bundesregierung, weitere Maßnahmen zum Schutz der Mieter zu treffen." Schmitt mahnte in diesem Zusammenhang noch einmal die Einrichtung eines "Sicher-Wohnen-Fonds" an, wie ihn die Wohnungswirtschaft seit Wochen fordert. "Wir brauchen dringend ein Instrument, das den Mietern hilft und zugleich die wirtschaftlichen Risiken bei den Vermietern abfedert", so Schmitt.

Spürbar nachgelassen hat in der Corona-Zeit die Nachfrage nach Mietwohnungen. Das sagte rund ein Drittel (38 Prozent) der Unternehmen. In Regionen abseits der boomenden Ballungszentren werde der Nachfragerückgang zu Leerständen führen.

VdW-Bayern: "Mit einem blauen Auge davongekommen"

Obwohl bei 40 Prozent der Wohnungsunternehmen bereits Mieten gestundet wurden, sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie auch auf die bayerische Wohnungswirtschaft weniger dramatisch als zunächst befürchtet, wie eine Umfrage des VdW Bayern zwischen dem 8. und 14. Mai zeigte. "Bisher ist die bayerische Wohnungswirtschaft mit einem blauen Auge davongekommen", so Verbandsdirektor Hans Maier. In einer Befragung Anfang April hatten die Unternehmen die Situation deutlich negativer eingeschätzt.

"Ein klarer Zusammenhang zwischen den ausgebliebenen Mieten und der Coronakrise kann aufgrund der fehlenden Rückmeldungen aus den Mieterhaushalten nicht getroffen werden", erklärt  Maier. Knapp die Hälfte der Verbandsmitglieder haben auf Anfrage von Mietern Zahlungen gestundet, dazu kommen unangekündigte Stundungen. Von den befragten Unternehmen erwarten 40 Prozent in den kommenden Monaten einen weiteren Anstieg der Mietausfälle im Bereich Wohnen und bei Gewerbeimmobilien. Bei fast jedem zweiten Unternehmen kommt es derzeit zu Verzögerungen bei Neubau- und Modernisierungsmaßnahmen. Diese werden jedoch bisher als moderat eingeschätzt. Instandhaltungen von Wohnungen sind allerdings auf Eis gelegt, Handwerksarbeiten in bewohnten Einheiten gibt es nur noch im Notfall.

Die Coronakrise schlägt auf den Wohnungsbau durch

"Neben den Bestandshaltern sind nun auch die Bauträger zunehmend betroffen", sagte Andreas Ibel, Präsident des BFW Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen bei der Präsentation neuer Umfrageergebnisse Mitte Mai zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Danach rechnen von den befragten Bauträgern und Projektentwicklern 79 Prozent mit Beeinträchtigungen. Drei Viertel der Befragten erwarten negative Auswirkungen auf den Umsatz, ein Viertel rechnet mit Umsatzeinbrüchen von mehr als zwanzig Prozent.

Kurzarbeit wiederum ist in der Branche derzeit kaum ein Thema (17 Prozent), auch haben bislang nur 13 Prozent der befragten Firmen staatliche Hilfen in Anspruch genommen. Die größten Probleme für die Bauträger sind nach Erkenntnissen des BFW die Vermarktung (38 Prozent) sowie die Planung und Genehmigung neuer Immobilienprojekte (37 Prozent). Vier Fünftel der Bauträger berichten, dass die Erteilung von Baugenehmigungen, die Schaffung von Planungsrecht und die Bauleitplanung auf kommunaler Ebene länger dauern als ohnehin üblich.

Weil das so ist, meinen 61 Prozent der Befragten, dass in diesem Jahr auch deutlich weniger Wohnungen genehmigt werden als erwartet – dadurch werden geplante Baustarts um mehrere Monate verschoben. Davon gehen mehr als 70 Prozent der Unternehmen aus. Auch bei der Fertigstellung von Projekten dürfte es zu mehrmonatigen Verzögerungen kommen (63 Prozent).

Ähnliches berichtet der BFW Landesverband Nord aus Hamburg und Schleswig-Holstein nach einer Umfrage unter 50 Unternehmen: Fast die Hälfte (40 Prozent) der Projektentwickler und Bauträger haben mit der Planung und Genehmigung neuer Projekte zu kämpfen: Sowohl B-Plan-Verfahren als auch die Erteilung von Baugenehmigungen und behördliche Abnahmen verzögern sich erheblich. 72 Prozent der Befragten gaben an, dass sich der Baubeginn der meisten Projekte um vier Monate oder mehr nach hinten verschieben wird. Auch Entscheidungen bei den Banken dauern demnach länger, zum Teil wurden Kreditzusagen zurückgezogen.

Die Krise bringt es ans Licht: Der Wohnungsmarkt ist zu analog

Die Coronakrise hat nicht nur bei den liegengebliebenen Baugenehmigungen deutlich gemacht, dass der Wohnungsmarkt zu analog ist. Ein Bündnis aus Verbänden und Immobilienunternehmen fordert in einem Positionspapier Lösungen für eine digitalere Zukunft von der Bundesregierung. Politik und Verwaltung müssten die rechtlichen und administrativen Rahmenbedingungen schaffen, um die bislang verpasste Digitalisierung aufzuholen – bei den Baugenehmigungen angefangen, über die Einsicht in Grundbuchunterlagen oder die Präsenzpflicht bei notariellen Beurkundungen bis hin zu den Eigentümerversammlungen müssten alte Regeln überholt werden.

Der Initiative gehören bisher der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW), der Bundesverband für die Immobilienwirtschaft (BVFI), der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA), der Verband der Immobilienverwalter Deutschland (VDIV), die Makler- und Vermarktungsplattformen ImmoScout24, Immowelt sowie Ebay Kleinanzeigen, der Immobilien-Softwareentwickler Flowfact und der gewerbliche Immobilienprüfer Sprengnetter an.

  SVRV-Studie "Corona-Pandemie: Auch ein Stresstest für den Wohnungsmarkt"


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Schlagworte zum Thema:  Coronavirus, Wohnungswirtschaft, Wohnungsbau