Halligalli kommt später
Herr Westphal, in Zeiten von KI verändern sich Prozesse in Rekordgeschwindigkeit und eröffnen völlig neue Möglichkeiten – was heißt das für die Arbeitswelt in drei Jahren?
Dr. Christian Westphal: Die wahrscheinlichste Entwicklung ist, dass vieles so bleibt wie heute: Der Mensch steht im Mittelpunkt, übernimmt aber mehr eine steuernde Funktion. Dinge, die automatisiert werden können, werden automatisiert oder von einer KI erledigt – ob autonome Agenten oder KI-Agenten, die miteinander kommunizieren. Das Bild vom Menschen, der am Strand liegt, Cocktails trinkt und die Füße ins Meer hängt – da bin ich skeptisch, dass das in drei Jahren schon der Fall sein wird.
Wir dürfen nicht unterschätzen, die KI braucht eine Grundlage: funktionierende Prozesse, sauber strukturierte Abläufe, gute und vollständige Daten. Diese Grundlagenarbeit fehlt noch vielerorts. Erst wenn sie geleistet ist, können autonome Agenten uns Arbeit tatsächlich vollständig abnehmen.
Ist der Einsatz von KI ohne eine saubere Datenbasis überhaupt sinnvoll?
Das muss man im Einzelfall entscheiden. Es gibt auch KI-Lösungen, die helfen können, unstrukturierte Daten zu strukturieren. Da denke ich konkret an Dokumente, die bestenfalls in einem Dokumentenmanagementsystem abgelegt sind aber bei vielen Unternehmen auch noch wild verstreut sind – in verschiedenen lokalen Ordnern, in zentralen Ablagen oder sogar in Papierform.
Es gibt KI-Lösungen, die diese Daten und Unterlagen in einer sauberen Struktur ausgeben. Die KI entscheidet: Ist das ein Mieteranschreiben, eine Betriebskostenabrechnung oder eine Mahnung? Es geht zunächst nicht um den Inhalt der Dokumente, sondern nur darum, dass die Mieterakte sauber strukturiert ist.
Und der wichtige Punkt dabei ist auch, wieviel Risiko gehe ich damit ein. Heute ist eine Mieterakte vielleicht zu 80 Prozent vollständig – Dokumente landen schon mal im falschen Ordner oder beim falschen Objekt. In der Regel findet man es dann nie wieder. Wenn eine KI das zu 95 bis 98 Prozent erledigt, ist dieses Risiko vertretbar.
Wenn ich aber als Unternehmen in den vergangenen Jahren die Verbräuche immer nur in Euro erfasst habe, weil ich sie in Euros abrechne und nicht in Kilowattstunden oder Kubikmetern und setzte ich jetzt eine KI daran, die diese Daten aus den Euros ableitet, dann bin ich nicht sicher, ob das genau genug ist. Hier muss jedes Unternehmen selbst entscheiden, wie weit es ins Risiko geht.
Jenseits des Hochglanzpapiers
Sie sind Schirmherr des Awards "Digitalpioniere der Wohnungswirtschaft". Was steckt hinter dem Motto "Praxis schlägt Hype"?
Ich finde es gerade in diesem Jahr sehr passend. Ob etwas ein Hype ist oder ein Trend, der bleibt, beantwortet wohl jeder anders. Aber eins ist klar: Es muss etwas entstehen, das in der Praxis auch wirklich genutzt wird.
Ich brenne für ein Thema dann, wenn es kein Halligalli-Projekt ist, wo auf Hochglanzpapier erzählt wird, was alles funktioniert, aber bei näherer Nachfrage geantwortet wird: "Diese Voraussetzung muss aber gegeben sein" oder, "wenn das passiert, dann klappt das noch nicht, da arbeiten wir noch dran". Es braucht echte Grundlagenarbeit – nur so entsteht am Ende des Tages ein wirklich großer Hebel. Im zweiten Schritt kann dann ein Halligalli-Projekt aufgesetzt werden.
Die komplette L'Immo-Folge mit Dr. Christian Westphal und Gastgeberin Iris Jachertz: |
Das ist ein redaktionell bearbeiteter Auszug aus dem L'Immo-Podcast mit Dr. Christian Westphal.
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