Digitalisierungsstudie: Automatisierung gegen Fachkräftemangel?

Als Lösung gegen den Fachkräftemangel kommt der Automatisierung für Immobilienunternehmen künftig eine Schlüsselrolle zu, heißt es in der Digitalisierungsstudie von ZIA und EY Real Estate. Noch würde das Potenzial – für Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze – aber nicht genutzt.

Die Automatisierung der Prozesse kann die Existenz von Immobilienunternehmen sichern, das sagen mehr als 90 Prozent der Befragten im Rahmen der aktuellen Digitalisierungsstudie von EY Real Estate und dem Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA). Rund die Hälfte der Studienteilnehmer ist sich einig, dass durch die Automatisierung mittels digitaler Technologien der sich immer weiter verschärfende Fachkräftemangel ausgeglichen werden kann – knapp die Hälfte (47 Prozent) der Befragten sehen bislang keine spürbare Reduktion von Arbeitsplätzen durch die voranschreitende Digitalisierung.

Die Automatisierung müsse "künftig mehr als Chance denn als Gefahr für Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze gelten", erklärt Christian Schulz-Wulkow, Managing Partner EY Real Estate. Auch die Transformation der Immobilienbranche im Hinblick auf Nachhaltigkeitsthemen und steigende regulatorische Anforderungen erfordere eine digital gestützte Automatisierung der Prozesse.

Wo ist das Automatisierungspotenzial am höchsten?

Das größte Potenzial bei der Automatisierung sehen die befragten Marktakteure im Bereich der Rechnungsverarbeitung (78 Prozent) und der Verwaltung des Zahlungsverkehrs (69 Prozent), gefolgt von der Datenübertragung zwischen Systemen (67 Prozent), dem Reporting (62 Prozent), dem Controlling (55 Prozent) und der Dokumentenanalyse (54 Prozent).

Weiteres Potenzial liegt der Studie zufolge in der Mieterkommunikation (24 Prozent), der Bewertung (22 Prozent), der Vermarktung (19 Prozent) und Predictive Maintenance (16 Prozent). Das geringste Automatisierungspotenzial wird im Bereich der Bauausführung gesehen (vier Prozent).

"Einzelne Arbeitsschritte zu automatisieren wirkt auf den ersten Blick oft trivial", sagt Martin Rodeck, Vorsitzender des ZIA Innovation Think Tank und der Geschäftsführung der Edge Technologies GmbH. "Wenn aber ganze Teilprozesse bis hin zu Prozessketten weitestgehend automatisch ablaufen, entfaltet sich durch die große Menge und die hohe Frequenz von Vorgängen eine immense Wirkung."

Der Stand der Automatisierung liegt weiterhin deutlich hinter den Möglichkeiten zurück: 40 Prozent der Befragten sagen, dass der Anteil der bereits automatisierten Prozesse bei maximal zehn Prozent liege. Mehr als 60 Prozent der Befragten erreichen nur sieben Prozent.

Um die meist jungen Fachkräfte ist ein Wettbewerb ausgebrochen. "Vor diesem Hintergrund müssen wir Automatisierung zwingend als Chance begreifen", mahnt Schulz-Wulkow. Die Automatisierung, die durch digitale Technologie ermöglicht wird, könne nicht nur physische menschliche Arbeit, sondern auch Wissens-, Denk- und Verwaltungsarbeit ersetzen und ergänzen.

Ohne Robotics, KI, Machine & Deep Learning keine Automatisierung

Bei der Frage nach dem Trendpotenzial der digitalen Technologien und Anwendungen hat sich das Bild im Vergleich zum Vorjahr deutlich verschoben. Gemeint sind damit die Zeiträume, innerhalb derer die unterschiedlichen Technologien und Ansätze ihre Potenziale vollständig entfalten.

In diesem Jahr schreiben die Umfrageteilnehmer dem 3D-Druck ein kurzfristiges Trendpotenzial (unter fünf Jahre) zu – im Vorjahr wurde es deutlich langfristiger eingeschätzt. Offenbar haben die ersten "gedruckten" Häuser zu einer Neubewertung der Technologie geführt. Ebenfalls ein kurzfristiges Trendpotenzial wird mittlerweile Technologien aus dem Bereich "Big Data / Data Mining / Data Analytics" zugesprochen. In der EY-ZIA-Digitalisierungsstudie 2020 wurde deren Potenzial noch mittelfristig (unter zehn Jahre) eingeordnet.

Überwiegend mittel- bis langfristiges Trendpotenzial (ab zehn Jahren) sehen die Befragten in den Bereichen Virtual Reality und Augmented Reality, bei Drohnen und für Smart Contracts. Während sich die beiden letztgenannten Technologien in eher frühen Entwicklungsstadien befinden, verwundert die Einschätzung für Virtual und Augmented Reality die Studienautoren, da diese Technologien seit Jahren auch in der Immobilienwirtschaft im Einsatz sind.

Robotics, Künstliche Intelligenz und Machine beziehungsweise Deep Learning verfügen nach Ansicht der Befragten überwiegend über mittelfristiges Trendpotenzial. Diese Technologien sind zentral für Automatisierungsanwendungen und in dieser Funktion auch in der Immobilienwirtschaft im Einsatz: etwa bei der automatischen Erfassung und Kontierung von Belegen oder im Beschwerdemanagement in der Wohnungswirtschaft.

Digitalisierung: Nachhaltigkeit – ein besonders starker Treiber

Die Ausgaben für Digitalisierungsmaßnahmen pendeln sich inzwischen ein: Mehr als 50 Prozent der befragten Unternehmen investieren zwischen ein und fünf Prozent des Umsatzes in die Digitalisierung. "Der Aufwärtstrend der vergangenen Jahre setzt sich damit zunächst nicht fort", so Schulz-Wulkow. Die Branche habe allerdings eine gewisse Reife erreicht.

Digitalisierung ist laut Schulz-Wulkow ein Feld, das viele Unternehmen der Branche schon seit einiger Zeit beackern. "So sind viele organisatorisch bereits gut aufgestellt", sagt er. Die Infrastruktur stehe weithin oder der Ausbau werde vorangetrieben. Mit dem PropTech-Segment stehe den etablierten Immobilienformen außerdem ein agiles und vitales Branchensegment zur Seite, das Innovationen hervorbringe und das notwendige Know-how bündele.

Das größte Digitalisierungspotenzial wird derzeit im Property Management und bei Energiedienstleistungen gesehen (jeweils 17 Prozent). Für jeweils 16 Prozent der Teilnehmer gilt das für das Facility und das Asset Management, während im Vorjahr noch 45 Prozent der Befragten im Property und im Asset Management die größten Digitalisierungspotenziale identifizierten. Maßgeblich für diese Relevanzverschiebung ist den Studienautoren zufolge "die immens gestiegene Priorisierung nachhaltigen Wirtschaftens", die durch Verbrauchsoptimierung (Energiedienstleistungen) und einen effizienteren Gebäudebetrieb (Facility Management) avisiert wird.

Nachhaltigkeit ist aus Sicht der Befragten ein besonders starker Treiber für die digitale Transformation: 97 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass Datentransparenz die Chancen erhöhe, ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) in das Geschäft zu integrieren. Einigkeit herrscht darüber, dass digitale Technologien und Anwendungen (96 Prozent) sowie Daten und deren Auswertung (95 Prozent) der Knackpunkt für ein professionelles ESG-Management sind.

Um die digitale Exzellenz ist es nicht sehr gut bestellt

Ein Drittel der Befragten meint, dass die Coronakrise als Treiber der Digitalisierung ihres Unternehmens wirkt. Rund 70 Prozent der Befragten gaben an, dass die Pandemie zum Anlass genommen wurde, sich stärker mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Nahezu alle Befragten sehen die Vorteile der Digitalisierung bei der Optimierung von Geschäftsprozessen und der Generierung von Daten.

Bei der digitalen Exzellenz hapert es allerdings: Im vergangenen Jahr hatten sich noch acht Prozent der Unternehmen in der digitalen Exzellenz verortet, in diesem Jahr sind es nur noch drei Prozent.

Die Reifegradphasen im Überblick:

  • Orientierungsphase: Ausgewählte digitale Lösungen werden eingesetzt; Informationen liegen nur teilweise in digitaler und strukturierter Form vor; keine konkrete Digitalisierungsstrategie; zahlreiche Medienbrüche in betrieblichen Prozessen
  • Entwicklungsphase: Beginnende Digitalisierung; Informationen liegen mehr und mehr in digitaler, strukturierter Form vor; betriebliche Prozesse werden teilweise ohne Medienbrüche unterstützt; erste strategische Initiativen zur Digitalisierung
  • Etablierungsphase: Fortschreitende Digitalisierung; viele Informationen liegen in digitaler, strukturierter Form vor; wesentliche betriebliche Prozesse werden ohne Medienbrüche unterstützt; fortschreitende Vernetzung von Produkten und Leistungen
  • Digitale Exzellenz: Vollständig digital transformiert; alle betrieblichen Prozesse werden ohne Medienbrüche unterstützt; Informationstechnologie hat sich zu einer Kernkompetenz für Wettbewerbsvorteile entwickelt; kontinuierliche Innovation

Als die fünf größten Herausforderungen bei der Umsetzung der Digitalisierungsstrategie wurden in der 2021er-Studie genannt: eine intransparente Datenstruktur und mangelnde Datenqualität, die Nutzerakzeptanz, veraltete oder nicht integrierte Software, Kosten und Investitionen sowie die Unternehmens- beziehungsweise Fehlerkultur.

Für die sechste Digitalisierungsstudie wurden im Sommer 2021 rund 220 Mitarbeiter von privaten und öffentlichen Unternehmen befragt. Ein anteiliger Schwerpunkt der Teilnehmerstruktur liegt in diesem Jahr bei Immobilieninvestoren und Bestandshaltern (26 Prozent) sowie Asset Managern (18 Prozent), gefolgt von Projektenwicklern und Beratern und Vermittlern (jeweils zehn Prozent). Mit einer Quote von acht Prozent hat sich der Anteil der Wohnungsunternehmen im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

EY-ZIA-Digitalisierungsstudie 2021: "Erfolgsfaktor Automatisierung"


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