Digitalisierungsstudie: Personalmangel ist die größte Hürde

Am Geld liegt es nicht: Immer mehr Immobilienfirmen geben immer mehr Geld für die digitale Transformation aus. Woran es aber hapert: an den personellen Ressourcen. Der Personalmangel bleibt die größte Hürde für die Branche, heißt es in der neuen Digitalisierungsstudie von ZIA und EY Real Estate.

Fehlende personelle Ressourcen stellen seit der ersten Erhebung der Studie von EY Real Estate und dem Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA) im Jahr 2016 immer noch die größte Hürde für die Digitalisierung dar – und daran hat sich offenbar nichts geändert, ganz im Gegenteil: In der aktuellen Umfrage im Sommer 2020 klagte immer noch die Mehrheit (72 Prozent) der rund 250 befragten Mitarbeiter von privaten und  öffentlichen Immobilienunternehmen über einen Mangel an Personal.

Datenstruktur und Datenqualität müssten für effektive Digitalisierung besser sein

Neben dem Personalmangel bestehen der Studie zufolge die größten Herausforderungen in einer intransparenten Datenstruktur und der mangelnden Datenqualität (71 Prozent), in der grundsätzlichen Nutzerakzeptanz und der ihr zugrunde liegenden Bereitschaft für Veränderungen (69 Prozent), im fehlenden Bewusstsein bezüglich der Unterscheidung zwischen IT und Digitalisierung (66 Prozent) und im generellen Fachkräftemangel am Markt (64 Prozent).

Im Datenschutz sehen dieses Jahr nur noch 48 Prozent der Befragten eine Hürde für die digitale Transformation. In den beiden Jahren zuvor waren dies noch jeweils 57 Prozent. Hier sehen die Studienautoren die Implementierung der Datenschutz-Grundverordnung (DSVGO) als Erfolg.

Top-5-Herausforderungen 2016 bis 2020

Rang20162017201820192020
1.fehlende personelle Ressourcenfehlende personelle Ressourcenfehlende personelle Ressourcenfehlende personelle Ressourcenfehlende personelle Ressourcen
2.Fachkräfte-mangelfehlende Digi-talisierungsstrategiefehlende Digi-talisierungsstrategieFachkräftemangelintransparente Datenstruktur, mangelnde Datenqualität
3.Unkenntnis über Einsatz-möglichkeiten im aktuellen Geschäfts-modelintransparente Datenstruktur, mangelnde Datenqualitätintransparente Datenstruktur, mangelnde Datenqualitätintransparente Datenstruktur, mangelnde DatenqualitätMangelndeNutzerakzep-tanz / Bereitschaft für Veränderunge
4.fehlende Digi-talisierungs-strategieveraltete, nicht integrierte SoftwareFachkräftemangelveraltete, nicht integrierte Softwarefehlendes Bewusstsein bzgl. der Unterschei-dung zwischen IT und Digitalisierung
5.mangelnde finanzielle MittelFachkräftemangelDatenschutzDatenschutzFachkräftemangel

Quelle: EY Real Estate/ZIA

Digitalisierung: Budgets innerhalb von zwei Jahren fast verdoppelt

Rund 29 Prozent der befragten Unternehmen wollen im Jahr 2020 zwischen ein und drei Prozent des Gesamtumsatzes für Digitalisierungsmaßnahmen verwenden. Der Trend gehe aber eindeutig hin zu höheren Investitionen, schreiben EY Real Estate und ZIA.

Mehr als jedes vierte Unternehmen der Immobilienwirtschaft (27 Prozent) investiert der jüngsten Studie zufolge mittlerweile mehr als fünf Prozent des Jahresumsatzes in die digitale Transformation. Vor zwei Jahren lag der Anteil der Unternehmen, die ein Budget in dieser Höhe in die Digitalisierung steckten, mit 14 Prozent gerade einmal bei der Hälfte.

PropTechs hingegen investieren schon seit 2018 mehr Geld in die Digitalisierung (88 Prozent), im Jahr 2020 sind es bereits 94 Prozent.  

Corona-Pandemie: Lackmustest für die Immobilienbranche

Eine deutliche Mehrheit der Befragten (84 Prozent) gibt in der Jubiläumsausgabe 2020 an, dass ihr Unternehmen die Krisensituation ohne digitale Technologien nicht unbeschadet überstehen könne. Knapp 80 Prozent erwägen eine dauerhafte Ausweitung von Homeoffice und digitalen Meetings.

"Die Auswirkungen der Pandemie sind für die Branche ein Lackmustest. Die Vorteile der Digitalisierung zeigen sich nun überdeutlich." Christian Schulz-Wulkow, Leiter des Immobiliensektors bei EY in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Während es in den vergangenen Jahren eher um das Experimentieren ging, geht es in der Krise teilweise sogar um die Existenz. Geschäftsmodelle werden infrage gestellt. So gaben 55 Prozent der Befragten an, dass die Krise interne Digitalisierungsdefizite aufgezeigt habe.

Dass Investitionen zur Digitalisierung geringer ausfallen, weil finanzielle Mittel nach der Pandemie knapp seien, sagten immerhin ein Drittel (33 Prozent) der Unternehmen.  30 Prozent wollen zurückgehaltenes Kapital wird nach der Krise für Digitalisierungsmaßnahmen freigegeben. 48 Prozent der Befragten der Ansicht, dass datenschutzrechtliche Vorgaben gelockert werden sollten, um ein Arbeiten in Krisenzeiten zu erleichtern.

Noch in der Orientierung oder schon in der digitalen Exzellenz?

Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen (45 Prozent) befindet sich mittlerweile nach eigener Einschätzung im Bereich der Etablierungsphase der digitalen Transformation. 39 Prozent verorten sich in der Entwicklungsphase, nur jeweils acht Prozent der Unternehmen sehen sich noch in der Orientierungsphase oder schon in der "digitalen Exzellenz".

Reifegradphasen im Überblick:

  • Orientierungsphase: Ausgewählte digitale Lösungen werden eingesetzt; Informationen liegen nur teilweise in digitaler und strukturierter Form vor; keine konkrete Digitalisierungsstrategie; zahlreiche Medienbrüche in betrieblichen Prozessen.
  • Entwicklungsphase: Beginnende Digitalisierung; Informationen liegen mehr und mehr in digitaler, strukturierter Form vor; betriebliche Prozesse werden teilweise ohne Medienbrüche unterstützt; erste strategische Initiativen zur Digitalisierung.
  • Etablierungsphase: Fortschreitende Digitalisierung; viele Informationen liegen in digitaler, strukturierter Form vor; wesentliche betriebliche Prozesse werden ohne Medienbrücheunterstützt; fortschreitende Vernetzung von Produkten und Leistungen.
  • Digitale Exzellenz: Vollständig digital transformiert; alle betrieblichen Prozesse werden ohne Medienbrüche unterstützt; Informationstechnologie hat sich zu einer Kernkompetenz für Wettbewerbs-vorteile entwickelt; kontinuierliche Innovation.

In 80 Prozent der Unternehmen werden Mitarbeiter ermutigt, neue innovative Lösungen zu entwickeln. Ein Großteil der befragten Unternehmen (74 Prozent) sieht sich selbst als Fast Follower und entsprechend nicht als First Mover (46 Prozent).

Nachholbedarf bei der IT-Infrastruktur

Mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer (52 Prozent) sagten, dass sie wegen der hohen Kosten für den Aufbau der IT-Infrastruktur nur das Notwendige an Digitalisierungsmaßnahmen umsetzen wollen. Und rund 51 Prozent sehen sich durch Themen wie IT-Sicherheit gebremst.

"Bei der IT-Infrastruktur herrscht noch Nachholbedarf. Da diese jedoch die absolute Grundlage aller digitalen Technologien darstellt, drängt die Zeit, den Rückstand aufzuholen." Martin Rodeck, Innovationsbeauftragter beim ZIA

So nutzen derzeit nur 38 Prozent der Studienteilnehmer Data Analytics aktiv. Zudem gab die Hälfte der Befragten an, sich nicht ausreichend mit diesem Thema auszukennen. Die vollumfänglichen Möglichkeiten von Soft- und Hardware sind nur 51 beziehungsweise 48 Prozent der Studienteilnehmer bekannt.

ESG: ohne Digitalisierung nicht denkbar

Einen hohen Wert schreiben die Unternehmen (84 Prozent) der Digitalisierung bei der Umsetzung der ESG-Richtlinien (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) zu. Daten und deren Auswertung sind für 87 Prozent der Teilnehmer die Basis für ein professionelles ESG-Management.

"Eine solide Datenbasis ist die Voraussetzung, um ESG-Vorgaben wie etwa die Reduktion von Verbräuchen und Emissionen überprüfen zu können – ohne Digitalisierung lassen sich die Klimaziele nicht erreichen." Christian Schulz-Wulkow, Leiter des Immobiliensektors bei EY in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Durch ESG-Standards soll unter anderem der Energie-und Ressourcenverbrauch von Gebäuden reduziert werden. Doch immerhin 36 Prozent der Unternehmen haben sich der Digitalisierungsstudie 2020 zufolge bislang noch gar nicht mit dem Thema ESG beschäftigt.


EY-ZIA-Digitalisierungsstudie 2020: "Fünf Jahre Digitalisierung in der Immobilienwirtschaft. Was bisher geschah..." (mit Experten-Interviews)


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Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Immobilienwirtschaft