Digitalisierung: Immobilienwirtschaft stockt Budgets auf

Fast jede vierte Immobilienfirma gibt heute mehr als fünf Prozent des Jahresumsatzes für die Digitalisierung aus. 2018 waren es nur 15 Prozent der Unternehmen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von ZIA und EY Real Estate. In Datenanalyse sehen Firmen großes Potenzial – am Know-how aber hapert es.

Nur 41 Prozent der vom Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA) und dem Beratungsunternehmen EY befragten Mitarbeiter von Immobilienunternehmen gaben an, über ausreichend Expertise zu verfügen, um von Datenanalyse (Data Analytics) profitieren und Effizienzsteigerungen erzielen zu können.

Rund 30 Prozent der Firmen kaufen deshalb Startups hinzu, weitere zirka 30 Prozent bauen interne Expertenpools auf, und 16 Prozent suchen sich Hilfe bei externen Beratern.

Data Analytics: noch viel Luft nach oben

70 Prozent der Unternehmen sehen laut der ZIA/EY-Digitalisierungstudie 2019 "Gebaut auf Daten – digitale Immobilienwirtschaft" in der Nutzung ihrer Daten das Potenzial, neue Geschäftsmodelle zu eröffnen oder bestehende zu erweitern. Mehr als die Hälfte der Befragten setzt in diesem Bereich bereits verstärkt auf Data Analytics – etwa zur Optimierung der Betriebskosten oder des Energie- und Ressourceneinsatzes.

"Die hohe Nutzungsrate der Immobilienunternehmen ist insofern umso bemerkenswerter, als wir noch ganz am Anfang stehen und das Potenzial bislang kaum ausgeschöpft wird." Christian Schulz-Wulkow, Leiter des Immobiliensektors bei EY in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Wenig Anwendung – bis auf Pilotprojekte – findet Data Analytics derzeit noch bei der Ermittlung der Mieterzufriedenheit und auch bei der Identifizierung der Einsparmöglichkeiten von Capex (nicht auf Mieter umlegbare Betriebs- und Instandhaltungskosten). Die Zahl der Pilotprojekte für Data-Analytics-Verfahren steigt jedoch der Studie zufolge merklich an.

Wachsendes Technologieverständnis

Die Trendpotenziale von Data Analytics und den Grundlagen Big Data / Data Mining, aber auch die Potenziale von Plattformen, digitalen Ökosystemen sowie Virtual und Augmented Reality (VR & AR) rangierten in der Umfrage 2018 noch im kurz- bis mittelfristigen (bis fünf Jahre) Bereich. Inzwischen gehen die Befragten von einem nur mittelfristigen Trendpotenzial (fünf bis neun Jahre) aus. Die Studienautoren interpretieren diese Entwicklung so, dass offenbar das Technologieverständnis der Branche gestiegen ist.

"Mit den ... stetig wachsenden Budgets setzt auch ein stärkerer Realitätssinn ein. Abstrakte Zukunftsvisionen treten zunehmend in den Hintergrund. ... Aus reinen Absichtserklärungen sind konkrete Strategien entstanden." Christian Schulz-Wulkow, EY

Damit sei auch zu erklären, dass sich immer noch 19 Prozent der Unternehmen und damit vier Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr, erst in der Orientierungsphase befinden, also ohne konkrete Digitalisierungsstrategie sind, so Schulz-Wulkow. Derzeit verorten sich der Studie zufolge 47 Prozent der Unternehmen in der Entwicklungsphase der digitalen Transformation (2018: 45 Prozent), sie starten erste strategische Initiativen zur Digitalisierung. Nur fünf Prozent der Unternehmen befinden sich nach eigenen Angaben bereits in der digitalen Exzellenz, das sind drei Prozentpunkte weniger als im vergangenen Jahr.

Für mehr als die Hälfte der Firmen sind die Technologien noch nicht ausgereift. Der Großteil der Befragten hält außerdem die Rahmenbedingungen für digitale Technologien und Anwendungen für durchschnittlich. Rund ein Viertel ist sogar der Meinung, dass die Rahmenbedingungen unterdurchschnittlich sind.

Größte Hürden: Mangel an Personal und Fachkompetenz

Das Thema Personal steht für die Befragten an oberster Stelle, was sich in vielfältiger Form am Arbeitsmarkt bemerkbar mache, heißt es in der Studie. Während unter "fehlende personelle Ressourcen" (82 Prozent) die mangelnde Personenkapazität im Unternehmen zu verstehen ist, bezieht sich der Fachkräftemangel (78 Prozent) auf Mitarbeiter mit geeignetem Know-how am Markt. Dass digitale Technologien für sie nicht relevant seien, sagen nur drei Prozent der Firmen, elf Prozent klagen über fehlende finanzielle Mittel.

Wenn es darum geht, Daten gewinnbringend zu nutzen, geben die Umfrageteilnehmer fehlende Standards sowie eine mangelhafte Qualität und Intransparenz der Datenstruktur (73 Prozent) als größte Hürden an.

"Obwohl unsere Branche ... über einen großen Datenschatz verfügt – sei es auf Markt-, Objekt- oder Nutzerebene –, hapert es an der Nutzbarmachung. Daten sind Fundament und Treibstoff für die Digitalisierung." Christian Schulz-Wulkow, EY

Viele Studienteilnehmer würden ihre Daten sogar teilen, um eine breitere Datenbasis zu erhalten (51 Prozent). Der Datenschutz bereitet 57 Prozent der Unternehmen Sorgen.

Um die Potenziale der digitalen Transformation zu nutzen, müssten möglichst alle relevanten Daten in digitaler Form verfügbar und miteinander vernetzt sein, so der Experte. Erst auf dieser Grundlage könnten Technologien wie Data Analytics oder künstliche Intelligenz ihre Wirkung entfalten.

"Eine ganz wichtige Rolle spielen dabei unternehmensübergreifende Datenstandards und -strukturen – daran müssen wir gemeinsam arbeiten." Christian Schulz-Wulkow, EY

Im Umgang mit Daten nutzt ein Großteil der Befragten (66 Prozent) Datenbanken außerhalb von SAP-Systemen. 41 Prozent der Befragten nutzen bereits Sensorik in Gebäuden, insbesondere zur Messung von Temperatur und Kohlenstoffdioxid (57 Prozent). Smart Meter sind – für die Studienautoren überraschend – 30 Prozent der Befragten unbekannt.

Für ihre vierte Digitalisierungsstudie haben ZIA und EY Real Estate 300 Mitarbeiter von privatwirtschaftlichen und öffentlichen Immobilienunternehmen befragt. 46 Prozent der Studienteilnehmer arbeiten in Firmen mit einem Jahresumsatz von mindestens zehn Millionen Euro, 32 Prozent in Großunternehmen mit jährlichen Umsätzen von mehr als 250 Millionen Euro.


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