Leitfaden Textilbranche

Neue Studie: So kann Biodiversität in Textilstandards gestärkt werden


Standards in der Textilbranche analysiert

Laut Studien ist die Textilbranche weltweit der viertgrößte Verursacher von Druck auf die Biodiversität. Angesichts verschärfter Berichtspflichten rückt der Erhalt der natürlichen Ökosysteme ins Zentrum des Risikomanagements. Der neue „Easy Guide: Biodiversitätskriterien in Standards der Textil- und Bekleidungsindustrie“, herausgegeben vom Global Nature Fund und der Bodensee-Stiftung, liefert eine Orientierungshilfe.

Klimarisiken sind kein Zukunftsszenario mehr

Im Rahmen des Projekts „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“ wurden neun relevante Standards wie GOTS, Better Cotton, Cotton made in Africa oder der Blaue Engel auf ihre Biodiversitätsrelevanz analysiert. Das Ergebnis des Leitfadens: Es gibt deutliche Lücken bei der Definition von Zielen, dem Monitoring und der finanziellen Unterstützung der Produzenten. Die Studie konzentriert sich vor allem auf Textilfasern wie Baumwolle. Denn Baumwolle nimmt eine Schlüsselrolle ein: Mit rund 20 Prozent Marktanteil ist sie nach synthetischen Fasern (67 Prozent) die zweitwichtigste Textilfaser weltweit und laut Global Nature Fund „einer der wichtigsten direkten Hebel“ für Maßnahmen zum Biodiversitätsschutz.

Drei Stufen, drei Problemzonen

Besonders kritisch sind laut dem Leitfaden diese drei Bereiche:

Rohstoffproduktion: Der Baumwollanbau verursacht Bodendegradierung, Rodung, Lebensraumzerstörung und Gewässer- und Bodenkontamination durch hohen Pestizid- und Düngereinsatz. Die wichtigsten Anbauregionen in China, Indien, Brasilien, den USA, Pakistan und der Türkei liegen laut dem WWF Biodiversity Risk Filter in Gebieten mit sehr hohem Biodiversitätsrisiko und stark veränderter Wasserverfügbarkeit.

Materialverarbeitung: Färbeprozesse, Lederherstellung und -gerbung sowie intensiver Chemikalieneinsatz erzeugen Abwässer, giftigen Klärschlamm und Luftverschmutzung durch Schadstoffe und Mikropartikel.

End-of-Life: Massenweise Alttextilien werden in Länder mit geringeren Umweltstandards verschoben. Deponien und die Verbrennung von Textilien setzen Treibhausgase, Dioxine und toxische Substanzen frei.

Obwohl über die Hälfte der Unternehmen Biodiversitätsrisiken als Priorität anerkennen, wissen nur 14 Prozent, wo ihre wichtigsten Rohstoffe tatsächlich angebaut werden. Freiwillige Nachhaltigkeitsstandards dienen hier als wichtige Brücke, sind jedoch oft nicht ausreichend auf Biodiversität fokussiert.

Neun Standards, viele Lücken

Bei der Analyse der neun am deutschen Markt verbreiteten Zertifizierungen ordnete das Projektteam vier zentrale Treiber des Biodiversitätsverlustes zu: Ökosystemdegradierung, Übernutzung natürlicher Ressourcen, Verschmutzung und Ausbreitung invasiver Arten.
Kaum ein Standard fordert bisher eine verbindliche Wesentlichkeitsanalyse, einen Managementplan oder ein systematisches Biodiversitätsmonitoring. Auch die finanzielle Unterstützung der Produzent:innen bei der Umsetzung von Biodiversitätsmaßnahmen fehlt bei den meisten Standards. Lediglich beim integrierten Pflanzenschutzmanagement schnitten die analysierten Standards gut ab.

Handlungsempfehlungen für Unternehmen

Der Leitfaden listet einige konkrete Beispiele auf und fordert eine Transformation weg von reinem „Schadensmanagement“ hin zu einem regenerativen Ansatz.

Strategische Verankerung: 
Unternehmen sollen ihre Strategien konsequent an der Vermeidungshierarchie ausrichten

  • Vermeiden: Keine Beschaffung aus Gebieten mit Entwaldung oder Umwandlung natürlicher Ökosysteme seit 2014
  • Reduzieren: Minimierung unvermeidbarer Einflüsse wie beispielsweise verringerter Einsatz von Pestiziden
  • Wiederherstellen: Aktive Regeneration geschädigter Flächen
  • Transformieren: Branchenweite Zusammenarbeit zur Veränderung der Rahmenbedingungen

Operative Kriterien:
Für den Anbau von Pflanzenfasern empfiehlt der Leitfaden spezifische messbare Kriterien

  • Biodiversity Action Plan: Betriebe sollen verpflichtend Pläne erstellen, die Maßnahmen zum Schutz gefährdeter Arten und zur Förderung von Biotop-Korridoren enthalten
  • Flächenmanagement: Mindestens zehn Prozent der Betriebsfläche sollten für den Biodiversitätsschutz reserviert sein
  • Boden- und Wassermanagement: Einsatz regenerativer Praktiken zur CO2-Speicherung, Schutz von Gewässern durch Pufferzonen und Verbot der Übernutzung von Wasserquellen

Kriterien für die Weiterverarbeitung:
Auch nach der Ernte bleibt Biodiversität ein Kernthema

  • Chemikalienmanagement: Konsequente Umsetzung zur Vermeidung toxischer Einträge in Ökosysteme
  • Kreislaufwirtschaft: Reduktion von Mischfasern, Vermeidung von Überproduktion und Nutzung von textilen Rezyklaten
  • Standortökologie: Naturnahe Gestaltung von Betriebsgeländen und Reduktion von Licht- und Lärmemissionen

Der Leitfaden betont zudem die ökonomische Komponente: „Standardgeber müssen sicherstellen, dass sich Umweltbemühungen auch ökonomisch rentieren und Lieferbeziehungen langfristig gestaltet werden“. Prämien oder direkte Zahlungen für den Erhalt von Ökosystemleistungen werden als sinnvoll erachtet, um Produzenten bei der Transformation aktiv zu unterstützen.

Das Thema drängt

Angesichts der CSRD und des spezifischen Berichtsstandards ESRS E4 zu Biodiversität und Ökosystemen müssen berichtspflichtige Unternehmen künftig systematisch über ihre Abhängigkeiten und Auswirkungen auf die Natur berichten. Der „Easy Guide“ empfiehlt Standardgebern ausdrücklich, ihre Anforderungen an diesen neuen Berichtspflichten auszurichten, um Unternehmen eine rechtssichere Orientierung zu bieten.

Den vollständigen Report finden Sie hier.


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