PFAS: Ewige Chemikalien, endliche Geduld
Wer heute Trinkwasser trinkt, trägt sie möglicherweise bereits in sich: Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, kurz PFAS. Als „Ewigkeitschemikalien" bezeichnet, stecken sie in Antihaftbeschichtungen, Feuerlöschschäumen, Outdoor-Jacken und Lebensmittelverpackungen – und längst auch in Böden, Gewässern und menschlichem Blut weltweit. Regulierungsbehörden reagieren, Grenzwerte werden verschärft, der Druck auf Unternehmen wächst. Doch was bedeutet das konkret für Nachhaltigkeitsverantwortliche? Und wie lässt sich ein Problem lösen, das buchstäblich überall ist? Dr. Fajer Mushtaq hat darauf eine Antwort – und arbeitet täglich daran. Die promovierte Ingenieurin ist CEO und Mitgründerin von Oxyle, einem Schweizer Cleantech-Unternehmen, das sich auf die Zerstörung von PFAS in industriellen Abwässern spezialisiert hat. Im Interview spricht sie über technologische Ansätze und regulatorische Realitäten.
„Man kann nicht managen, was man nicht messen kann“
Dr. Mushtaq, PFAS wurden wegen ihrer Eigenschaften – wasserabweisend und hitzebeständig – jahrzehntelang als „Wunderstoffe“ der Industrie gefeiert. Jetzt sind sie allgegenwärtig und eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit. Was genau ist das Problem mit PFAS und wieso haben wir so lange gebraucht, es zu erkennen?
Gerade die Eigenschaften, die PFAS so wertvoll machen – ihre Beständigkeit gegenüber Wasser, Fett, Hitze und chemischem Abbau – sind genau das, was sie in der Umwelt so persistent und so problematisch macht. Für diese Stoffe sind keine natürlichen Abbauwege bekannt. Sobald sie in die Umwelt gelangen, reichern sie sich an. Im Boden, im Wasser, in unseren Körpern.
Was die Frage betrifft, warum es so lange gedauert hat, das Ausmaß der PFAS-Kontamination zu erkennen, denke ich, dass es dafür mehrere Gründe gibt: Wie bei vielen Innovationen wurden sie breit eingesetzt, bevor ihr langfristiges Verhalten in der Umwelt und im Körper vollständig verstanden war. Das ist nicht einzigartig für PFAS. Es spiegelt ein bekanntes Muster wider, wie wir Risiken historisch bewertet haben. Das Wissen hat sich durchaus entwickelt, aber es brauchte Zeit, sich aufzubauen, und noch länger, um in ein breiteres Bewusstsein und Handeln übersetzt zu werden.
Dann gibt es auch die analytische Dimension. Über mehrere Jahrzehnte hinweg hatten wir schlicht nicht die Nachweismethoden, um PFAS in den Konzentrationen zu sehen, die relevant sind – und für kürzere, mobilere Verbindungen entwickeln wir sie noch immer. Man kann nicht managen, was man nicht messen kann.
Zuletzt gibt es die Komplexität der PFAS selbst. PFAS sind kein einzelner Stoff. Sie sind eine Klasse von mehr als 10.000 Verbindungen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Risikoprofilen. Das macht es selbst bis heute schwierig, wissenschaftlichen und regulatorischen Konsens aufzubauen und sie zu analysieren. Wichtig ist jetzt, dass wir daraus lernen.
Wenn wir nach Alternativen suchen, müssen wir dies auf eine Weise tun, die das vollständige Risikoprofil der Einführung neuartiger Stoffe in die Umwelt berücksichtigt. Nicht nur, ob sie einen Ersatz für den aktuellen Stoff bieten.
Regulierung ohne Rückzieher: Die Richtung ist gesetzt
Viele Nachhaltigkeitsmanager:innen stehen vor der Frage: Wann müssen wir handeln? Welche konkreten regulatorischen Meilensteine sollten Unternehmen in den nächsten zwei bis fünf Jahren unbedingt auf dem Radar haben?
In PFAS-Behandlung zu investieren, bevor klare regulatorische Anforderungen bestehen, kann intern schwer zu rechtfertigen sein – insbesondere, wenn sich die Anforderungen noch verschieben und das Wissen zu einigen Verbindungen sich noch entwickelt.
Aber ich denke, „auf Klarheit zu warten“ ist zu einem Vorwand geworden, um eine Entscheidung aufzuschieben, die faktisch bereits getroffen wurde. Wenn man sich die Entwicklung in Europa ansieht, sei es der REACH-Beschränkungsvorschlag für PFAS, die Ausweitung der Anforderungen an die Trinkwasserüberwachung oder die Verschärfung industrieller Einleitgrenzwerte in Ländern wie Frankreich – die Richtung ist nicht zweideutig. Grenzwerte werden verschärft und werden weiterhin verschärft werden.
Unternehmen, die zögern, werden sich in der Defensive wiederfinden. Sie werden reaktiv hinterherhinken, anstatt das Thema proaktiv anzugehen.
Diejenigen, die heute handeln, indem sie verstehen, wo sie in ihren Lieferketten exponiert sind, aktuelle Abwassereinleitungen quantifizieren und zukunftsorientierte Behandlungslösungen implementieren, werden in einer fundamental stärkeren Position sein. Das ist eine Veränderung, die wir bereits in Vorstandsetagen beobachten, da Unternehmen beginnen, das proaktive Management von PFAS als strategische Chance zu sehen.
Das Umweltbundesamt schreibt: „Nachsorgender Boden- und Grundwasserschutz bei PFAS-Kontaminationen ist flächenhaft kaum zu erbringen. Sanierungsmaßnahmen beschränken sich auf punktuelle Einträge und Hot Spots.“ Wie kann die PFAS-Sanierung in Zukunft flächendeckend erfolgen, was braucht es dafür?
Das Umweltbundesamt hat recht. Jahrzehnte des weit verbreiteten Einsatzes haben PFAS in der Umwelt nahezu allgegenwärtig gemacht, bis in die Arktis. Nach Einschätzung der PFAS-Expertin Dr. Ali Ling von der University of St. Thomas in Minnesota würde der Versuch, alle bereits in der Umwelt vorhandenen PFAS zu entfernen, mehr kosten als das globale BIP. Ein breites PFAS-Management muss daher als Kombination aus Quellenkontrolle und Priorisierung verstanden werden.
Erstens müssen wir weitere Einträge verhindern. Das bedeutet, PFAS dort durch sichere Alternativen zu ersetzen, wo sie nicht essenziell sind, etwa in Kosmetika, Lebensmittelverpackungen und Textilien. Wo sie für kritische Prozesse weiterhin essenziell bleiben, etwa in der Halbleiterfertigung, in Medizinprodukten oder in der Luft- und Raumfahrt, muss der Fokus darauf liegen, Freisetzungen zu verhindern und sicherzustellen, dass diese Stoffe so gehandhabt werden, dass fortgesetzte Schäden für Menschen und Umwelt begrenzt werden.
Was die bereits in der Umwelt vorhandene Kontamination betrifft, müssen wir priorisieren. Das bedeutet, Standorte zu identifizieren, an denen das Risiko am größten ist und die Konzentrationen hoch sind, um dann Ressourcen dorthin zu lenken. Wir können nicht alles angehen, aber wir können dort bedeutende Fortschritte erzielen, wo die Wirkung am größten ist.
Einsammeln reicht nicht – PFAS müssen zerstört werden
Oxyle setzt auf modulare PFAS-Lösungen. Viele Unternehmen kennen bisher nur klassische Methoden wie Aktivkohlefilter oder Umkehrosmose. Wo liegen die entscheidenden Unterschiede, und warum reichen die bisherigen Ansätze nicht aus?
Was unseren Ansatz von konventionellen Behandlungen wie Aktivkohle oder Membranen unterscheidet, ist, dass unsere Systeme PFAS zerstören, anstatt sie nur einzufangen. Wir bauen PFAS vor Ort ab und defluoridieren sie, anstatt sie in einem sekundären Abfallstrom zu konzentrieren, der weiterhin gehandhabt und entsorgt werden muss – typischerweise durch Hochtemperaturverbrennung. Die Verbrennung bei den für die PFAS-Zerstörung erforderlichen Temperaturen ist teuer, ökologisch schädlich und führt zum vollständigen Verlust des Prozesswassers ohne Möglichkeit der Rückgewinnung.
Zerstörung ist daher der Kern dessen, was wir tun, umgesetzt über OxLight, unsere Technologie der photochemischen Reduktion. Um dieses Modul herum entwickeln wir End-to-End-Systeme, die genau auf die Wasserchemie, Betriebsbedingungen und Behandlungsziele des Betreibers abgestimmt sind — und bei Bedarf ergänzende Behandlungsstufen integrieren, um die Gesamtleistung zu optimieren. Da jeder Abwasserstrom einzigartig ist, verfolgen wir bei jedem Projekt einen maßgeschneiderten Ansatz. Das ermöglicht es uns, selbst die anspruchsvollsten Behandlungsszenarien anzugehen.
Wenn Sie in zehn Jahren zurückblicken: Unter welchen Bedingungen würden Sie sagen, die Welt hat das PFAS-Problem in den Griff bekommen – und was müsste dafür in den nächsten zwölf Monaten passieren, damit dieser Weg eingeschlagen wird?
Wenn ich in zehn Jahren zurückblicke und das Gefühl habe, dass wir ernsthafte Fortschritte gemacht haben, wird das nicht notwendigerweise bedeuten, dass PFAS verschwunden sind; für einige Anwendungen ist dieses Szenario derzeit unrealistisch. Es würde bedeuten, dass wir keine neuen PFAS mehr in die Umwelt einbringen. Entweder, weil wir sie dort ersetzt haben, wo ein Ersatz möglich ist, oder weil eine wirksame Behandlung an der Quelle vorhanden ist und Freisetzungen in kritischen Anwendungen verhindert, in denen sie weiterhin notwendig bleiben.
Um das zu erreichen, müssen mehrere Dinge zusammenkommen: Wirksame Monitoring-Programme. Regulatorische Rahmenbedingungen mit genügend Klarheit, damit Unternehmen Investitionsentscheidungen mit Vertrauen treffen können. Ein ernsthaftes Bekenntnis zur Entwicklung sicherer Alternativen. Und entscheidend: kontinuierliche Innovation bei Behandlungstechnologien, die PFAS nicht nur entfernen, sondern das breite Spektrum von PFAS dauerhaft zerstören.
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