UBA-Handbuch Umweltkosten

Umweltschäden messen, bewerten, berichten


Natur Umwelt Geld

Umweltschäden lassen sich in Euro ausdrücken. Das Umweltbundesamt hat die Zahlen. Co-Autorin Dr. Astrid Matthey erklärt, was CO₂, Autofahren und Rindfleisch die Gesellschaft kosten – und wie Unternehmen diese Werte für die CSRD-Berichterstattung nutzen können.

Produkte und wirtschaftliche Aktivitäten verursachen häufig Kosten, die sich nicht direkt im Preis niederschlagen, da sie als Umweltkosten externalisiert sind. Das Umweltbundesamt (UBA) hat das „Handbuch Umweltkosten Methodenkonvention 4.0“ veröffentlicht. Darin stellt es aktualisierte Umweltkostensätze zur Verfügung, unter anderem für Treibhausgase und andere Schadstoffe. Die angegebenen Werte übersetzen die Umweltauswirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten in Geldwerte. Das soll zu mehr Vergleichbarkeit führen und vor allem ermöglichen, dass Umweltkosten bei Management- und Investitionsentscheidungen berücksichtigt werden. Wir sprachen mit Dr. Astrid Matthey, Co-Autorin des Handbuchs, über dessen Ziele und den Mehrwert für die Praxis.

Was Umweltbelastung kostet – und wer die Rechnung bekommt

Frau Matthey, was ist das Ziel des Handbuchs?

Wir wollen Umwelteffekte greifbar machen. Unter einer Angabe, wie viele Tonnen CO2 wir ausstoßen, können wir uns nicht so viel vorstellen. Wenn man die Umweltbelastung in Geld umrechnet, ändert sich das. Außerdem sind Umweltschäden dann besser zu vergleichen. Luftschadstoffe und Treibhausgase sind völlig unterschiedliche Kategorien. Ich kann aber ausrechnen, zu welchen Umweltkosten sie führen und sie so in Relation setzen. Ein weiterer Vorteil: Das Handbuch fasst Kostensätze aus verschiedenen Quellen zusammen. Wenn ich zum Beispiel bei Baustoffen nur die CO2-Emissionen berücksichtige und nicht auch die Feinstaubbelastung einbeziehe, ist der Wert verzerrt. Im Handbuch sind die Umweltkosten aus den verschiedenen Kategorien zusammengefasst.

Sind die Schäden und damit die Kosten nur virtuell oder real?

Real. Aber fast immer zahlen wir sie nicht beim Kauf des Produkts. Und deshalb trägt die Kosten die Gesellschaft,  zum Beispiel als Gesundheitskosten bei Luftschadstoffen oder Kosten durch Katastrophen als Folge des Klimawandels. Ein Problem dabei ist, dass die Kosten nicht immer da bezahlt werden. wo sie entstehen. CO2 beispielsweise hat einen globalen Effekt, auch wenn es vor allem in den Industrieländern erzeugt wird. Luftschadstoffe hingegen sind vor allem regional.

Matthey, Astrid

Vom Schadstoff zur Kennzahl: Wie Unternehmen mit Umweltkosten rechnen lernen

Wie können Unternehmen das Handbuch nutzen?

Für die Materialitätsprüfung im Rahmen der CSRD-Berichterstattung liefert es standardisierte Kostensätze je Schadstoff und Aktivität. So lässt sich die Schwere der Auswirkung im Sinne von ESRS 1 objektivieren. Außerdem hilft es, Umweltauswirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten vergleichbar zu machen, indem man sie in Geldeinheiten übersetzt. Auch in der Kommunikation mit Investoren hilft es. Unternehmen können sagen: Wir haben im vorigen Jahr den CO2-Ausstoß um x Tonnen reduziert. Monetarisiert entspricht das x Euro weniger. Das ist eine Aussage, die Investoren sehr gut verstehen. Schließlich helfen die Umweltkosten auch bei Investitionsentscheidungen. Das sehen wir häufig bei Anfragen von Klimamanager:innen. Wer die Umweltkosten einer Beschaffungsmaßnahme einrechnet, stellt fest, dass umweltfreundliche Lösungen deutlich günstiger werden. Das hilft auch intern, das Management zu überzeugen.

Lohnt es sich auch für Privatpersonen, einen Blick dort hineinzuwerfen?

Ja, denn es hilft, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie groß der eigene Beitrag zum Umweltschutz oder zur Klimabelastung ist. Wir sind bei unserem Verhalten oft in Gewohnheiten verfangen. Wenn ich mir die Umweltkosten ansehe, kann mir das für mein Verhalten durchaus die Augen öffnen.

Das Handbuch arbeitet mit zwei Szenarien: 990 €/t CO2 bei 0 Prozent reiner Zeitpräferenzrate und 345 €/t bei 1 Prozent. Was steckt hinter diesem Unterschied?

Es geht um die Frage, wie stark wir die Kosten der nachfolgenden Generation berücksichtigen. Bei der 1-Prozent-Zeitpräferenzrate werden die Folgen für die Generation unserer Kinder (in 30 Jahren) nur noch zu drei Vierteln berücksichtig, jene der Enkelgeneration (60 Jahre) nur noch zur Hälfte. Ich bin überzeugt, dass wir auch die Generation der Enkel zu 100 Prozent berücksichtigen müssen. Aber die niedrigere Zahl hat ihre Berechtigung, weil sie weniger Widerstände auslöst und dennoch dazu führt, Umweltkosten überhaupt zu berücksichtigen. Leider ist uns die Zukunft nicht so wichtig wie die Gegenwart.

Der empfohlene Kostensatz für CO₂ liegt in der 0-Prozent-Berechnung bei 990 €/t für 2025 – fast dreimal so hoch wie der aktuelle EU-ETS-Preis. Wie erklären Sie Nachhaltigkeitsmanagern, warum sie diesen deutlich höheren Wert für ihre interne Kalkulation nutzen sollten?

Generell zeigt dieser Unterschied, dass wir die Umweltkosten tendenziell unterschätzen. Der ETS folgt aber einer ganz anderen Logik. Es geht hier nicht um die Frage, wie hoch die tatsächlichen Kosten durch Emissionen sind. Der ETS-Preis will einen Anreiz schaffen, auf Alternativen zu fossilen Energien umzusteigen. Die tatsächlichen Umweltkosten von CO2 zeigen dagegen, dass Vermeidungskosten viel geringer sind als die Kosten für die Schäden. Deshalb ist Vermeidung volkswirtschaftlich die viel günstigere und damit vernünftigere Lösung. Das Problem ist nur, dass die Vermeidungskosten in der Regel jemand anders trägt als die Umweltkosten. Es scheint daher kurzfristig für Unternehmen günstiger, auf die Vermeidungskosten zu verzichten, weil die Umweltkosten die Allgemeinheit trägt. Wenn unser Handbuch für dieses Missverhältnis mehr Bewusstsein schafft, haben wir viel erreicht.

Die Umweltkosten für Treibhausgase und Luftschadstoffe pro Fahrzeugkilometer betragen beim Benziner 30,91 Cent, beim Diesel 33,18 und beim Elektro-Auto immer noch 21,79. Sind Elektroautos doch nicht so gut für die Umwelt?

Die Elektroautos sind besser als es diese Zahlen hergeben. Das liegt an einem methodischen Problem. Wir arbeiten rückblickend mit Emissionsdaten der Vorjahre, weil wir den gesamten Lebenszyklus abbilden. Die rasante technologische Entwicklung der letzten drei bis vier Jahre beim Elektroauto ist in diesen Daten noch nicht vollständig angekommen. Das Ergebnis: Elektroautos schneiden im Handbuch schlechter ab, als sie in der Realität heute tatsächlich sind.

Die Kosten für Rindfleisch liegen bei 52,40 Euro pro Kilogramm (ohne Michhaltung). Das ist ein Vielfaches des Supermarktpreises. Woran liegt das?

Das Problem ist die Verdauung des Rindes. Der Wiederkäuer stößt viel Methan aus, das viel klimaschädlicher ist als CO2. Außerdem haben wir für die Haltung von Rindern und Schweinen einen sehr großen Landverbrauch.

Weiße Flecken auf der Kostenkarte

Für Kälteerzeugung und für die Schädigung des Ökosystems gibt es im Handbuch noch keine allgemeinen Kostensätze. Dabei hat beides einen großen Einfluss auf Klima und Umwelt. Warum fehlen sie?

Das hat unterschiedliche Gründe. Bei der Kälteerzeugung gibt es eine große Bandbreite technischer Lösungen mit verschiedenen Kältemitteln. Viele davon sind sehr potente Klimagase. Durch diese vielen unterschiedlichen Lösungen ist die Datenlage aber nicht gut. Beim Ökosystem liegt das Problem darin, dass Biodiversität noch viel komplexer ist als Klima und man sich international noch auf keinen Indikator geeignet hat. Gleichzeitig stellt sich die Frage, womit man die aktuelle Situation und die unterschiedlichen Kategorien vergleichen soll. Wie bringe ich zum Beispiel Küstengewässer, den Regenwald und die Welt der Insekten in einen gemeinsamen Bewertungsrahmen bringen, zu dem wir dann auch noch die nötigen Daten zurückliegender Jahre haben? Hier ist leider noch viel Forschungsarbeit zu leisten. Und schließlich müssen wir als Regierungsbehörde einem hohen Qualitätsanspruch gerecht werden, bevor wir mit Kostensätzen an die Öffentlichkeit gehen.

Wird die Arbeit mit Umweltkosten in Zukunft an Bedeutung gewinnen?

Es würde helfen, wenn Unternehmen ein Werkzeug hätten, in das sie nur ihre Einkaufsliste eingeben. Das Tool würde daraus die Umweltkosten berechnen und aufzeigen, wo Hotspots und Verbesserungsmöglichkeiten sind. Dafür müssten die Umweltkostensätze noch stärker standardisiert werden. Die EU arbeitet an einem Projekt, um genau das zu erreichen. Aber schon heute lohnt es sich, die Umweltkosten für nachhaltige Unternehmensführung zu nutzen. Oft haben Unternehmen keine Vorstellung, wo aus Umweltsicht ihre größten Probleme liegen. Wer die Umweltkosten seiner wirtschaftlichen Tätigkeiten berechnet, erkennt schnell die größten Baustellen. Wer die angeht, kann viel bewegen.

Beispiele für Umweltkosten:

1 kg Rindfleisch (konventionell)

52,40 €

1 kg Hühnerfleisch (konventionell)

6,43 €

1 km Dieselfahrt

0,33 €

1 kWh Braunkohlestrom

1,07 €

1 kWh Windstrom

0,02 €

Das Handbuch finden Sie hier


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