Microsoft setzt Kauf neuer Emissionsgutschriften aus – Alarmsignal für die Branche
Microsoft ist nicht irgendein Käufer im Markt für Kohlenstoffabscheidung: Das Unternehmen war bislang für schätzungsweise 79 bis 90 Prozent aller historischen Käufe von Carbon Removal Credits verantwortlich und hat insgesamt mehr als 45 Millionen Tonnen CO₂-Entnahme akquiriert. Zum Vergleich: Der nächstgrößere Käufer, Frontier, kommt lediglich auf 1,8 Millionen Tonnen. Laut dem Marktanalysten BloombergNEF machten Microsofts Käufe im Jahr 2025 sogar 96 Prozent des gesamten Marktes aus.
Nun hat Microsoft seine Partner und Lieferanten darüber informiert, dass neue Kaufabschlüsse vorerst ausgesetzt werden. Laut Bloomberg haben Microsoft-Mitarbeitende in den vergangenen Tagen mehrere Projektentwickler telefonisch kontaktiert, um die Pause anzukündigen. In mindestens einem Fall sollen finanzielle Überlegungen als Grund genannt worden sein – so berichten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen, die anonym bleiben wollten. Einen offiziellen Zeitplan oder eine detaillierte öffentliche Begründung nannte das Unternehmen nicht. Ein Sprecher erklärte lediglich, man überprüfe kontinuierlich das eigene Carbon-Removal-Portfolio im Hinblick auf die optimale Balance auf dem Weg zur Kohlenstoffneutralität. Laut Bloomberg schlossen mehrere Unternehmensvertreter nicht aus, dass das Programm künftig wieder aufgenommen werden könnte.
KI-Boom konterkariert Klimaziele
Der Schritt kommt zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt: Microsoft hat sich verpflichtet, bis 2030 kohlenstoffnegativ zu werden und bis 2050 sämtliche historischen Emissionen auszugleichen. Gleichzeitig treibt der rasante Ausbau der KI-Infrastruktur den Energieverbrauch des Konzerns massiv in die Höhe. Im Jahr 2024 stiegen die unternehmenseigenen Emissionen um 23,4 Prozent – Tendenz weiter steigend.
Ursprünglich sah die Dekarbonisierungsstrategie des Unternehmens sinkende Emissionen vor. Stattdessen wächst der Bedarf an hochwertigen Credits genau dann, wenn das Angebot teuer und knapp bleibt. Die Kosten für Carbon Removal schwanken je nach Technologie zwischen rund 50 und 500 US-Dollar pro Tonne – ein erheblicher Kostenfaktor für jedes Unternehmen, das seine Klimaziele mit operativem Wachstum in Einklang bringen muss.
Unsichere Rahmenbedingungen in der Politik
Erschwerend kommt hinzu, dass das politische Umfeld in den USA zunehmend unberechenbar wird. Die Bundesförderung für Direct Air Capture (DAC)-Hubs wurde reduziert, in einigen Fällen umgewidmet. Zwar bleibt die Steuergutschrift - für Carbon Capture and Storage („45Q“) erhalten, doch der Rückenwind auf Bundesebene hat spürbar nachgelassen. Die bislang genehmigten Mittel von rund 116 Millionen US-Dollar für Forschung und ein staatliches Beschaffungsprogramm sind im Verhältnis zum tatsächlichen Skalierungsbedarf bescheiden.
Eine Branche vor einem Wendepunkt
Für Projektentwickler und Investoren ist die Kombination aus unsicherer Unternehmensnachfrage und wackeliger politischer Unterstützung besonders problematisch: Carbon-Removal-Technologien sind kapitalintensiv und auf langfristige Abnahmeverträge angewiesen, um Finanzierungen zu sichern.
Dabei sind die Dimensionen bekannt: Der IPCC schätzt, dass bis 2050 jährlich zwischen 7 und 9 Milliarden Tonnen CO₂ aktiv aus der Atmosphäre entfernt werden müssen, um globale Klimaziele zu erreichen. Die globale Kapazität zur CO₂-Entnahme liegt derzeit noch weit unter diesem Bedarf. Ohne stabile Nachfrage drohen sich die Kostensenkungskurven zu verlangsamen, sodass Frühphasenunternehmen vor der Marktreife scheitern könnten.
Strukturelles Risiko: Nachfragekonzentration
Microsofts Schritt offenbart ein grundlegendes strukturelles Problem der freiwilligen Kohlenstoffmärkte: eine extreme Konzentration der Nachfrage auf wenige große Akteure. Wenn ein einziger Käufer den Markt dominiert, wirkt sich jede strategische Kursänderung dieses Akteurs unmittelbar auf Lieferketten, Finanzierungsmodelle und politische Erwartungen aus.
Bestehende Verträge bleiben von der Pausierung wohl unberührt – so bestätigte der Microsoft-Partner Svante gegenüber ESG News etwa, dass das kürzlich vereinbarte Abnahmeabkommen nicht betroffen sei. Für neue Projekte und Technologien bedeutet die Pause jedoch eine Phase der Neuorientierung in einem Markt, der für das Erreichen globaler Netto-Null-Ziele unverzichtbar ist, aber noch immer auf der Suche nach einem stabilen wirtschaftlichen Fundament bleibt.
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