Ist Deutschland das Silicon Valley der Regulierung?
Wer kommt beim Digital Sustainability Summit zusammen?
Der Digital Sustainability Summit ist die Jahreskonferenz des Digitalverbands Bitkom zum Thema nachhaltige Digitalisierung. Seit 2023 bringt er Unternehmen, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, die an der sogenannten Twin Transition arbeiten: der gleichzeitigen Umsetzung von digitaler Transformation und ökologischer Nachhaltigkeit.
Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder eröffnete die Veranstaltung mit einer klaren Positionierung: Digitale Souveränität spiele eine herausragende Rolle. Damit setzte er den Ton für einen Tag, an dem es weniger um Klimarhetorik ging als um konkrete Fragen der Infrastruktur, Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit.
Lagern Sie noch wertvolle Rohstoffe in der Schublade zuhause?
Adrian Müller, Vice President und Managing Director von HP Deutschland/Österreich/Schweiz, lieferte in seiner Opening Keynote ein unerwartetes Beispiel für die Verletzlichkeit globaler Lieferketten: Helium, unverzichtbarer Rohstoff in der Halbleiterfertigung, kommt zu einem erheblichen Teil aus Katar. Durch die Blockade der Straße von Hormus ist diese Lieferkette abgeschnitten, noch in wenigen Monaten werde dies zu erheblichen Problemen führen, wagte Müller einen Blick in die Zukunft. Ein weiteres Beispiel: Der umweltfreundlichste Transportweg von in Asien gefertigten Produkten nach Europa führte über die Transsibirische Eisenbahn. Seit dem Ukraine-Krieg ist diese Route weggefallen.
Müllers Botschaft war simpel und wirksam: Nachhaltigkeit ist keine Frage des guten Willens, sondern der Lieferkettenstabilität. Und er machte sie greifbar mit einer Publikumsfrage: „Wie viele alte Handys haben Sie noch zuhause in einer Schublade? Geben Sie diese zurück. Das sind Rohstoffe, die nicht neu abgebaut werden müssen.“
Im anschließenden Eröffnungspanel wurde die Diskussion geöffnet. Stefan Bayer vom German Institute for Defence and Strategic Studies brachte es auf den Punkt: "Jede nachhaltige Lösung führt dazu, dass wir freier leben können, so wie wir wollen. Das haben wir in den letzten Jahren leider etwas vergessen."
Er ergänzte mit Blick auf KI: "KI-Projekte sind jetzt vielleicht noch Inselprojekte in Unternehmen. Aber in ein paar Jahren wird jede Branche durchdrungen sein." Die Frage wäre nur: zu welchem ökologischen Preis?
Andreas Kraus, Staatssekretär der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, machte deutlich, warum Digitalisierung in der kritischen Infrastruktur keine Option, sondern Voraussetzung ist: "Wir können nicht an jeden Strommast einen Polizisten stellen. Ein digitaler Sensor erkennt, ob der Wind vibriert oder jemand den Mast umflexen will. Das geht nur mit Digitalisierung."
KI völlig neu denken: Zwischen Systemführerschaft und nationalem Egoismus
Bernhard Lorentz, Managing Partner, Global Climate & Infrastructure Leader bei Deloitte Consulting, sieht Deutschland durchaus mit Chancen: "Es gibt einige Bereiche, in denen Deutschland vorne ist, zum Beispiel bei der Systemführerschaft." Und dann, mit einem Schmunzeln: "Wir sind das Silicon Valley der Regulierung."
Sein Plädoyer war trotzdem klar: KI müsse völlig neu gedacht werden, nicht als Produktivitätstool, sondern als Hebel für Ressourceneffizienz. Sein Beispiel: Rotorblätter von Windkraftanlagen lassen sich durch KI-gesteuerte Ausrichtung so optimieren, dass erheblich mehr Energie produziert werden kann. Solche Anwendungsfälle, so Lorentz, könnten von Deutschland aus skaliert werden.
Randa Kourieh-Ranarivelo, Leiterin der GIZ-Repräsentanz in Berlin, warnte vor einer Haltung, die Europa den Anschluss kosten könnte: "Wenn wir nicht akzeptieren, dass in manchen Ländern Rahmenbedingungen nicht ganz perfekt sind, verlieren wir den Anschluss." Stefan Bayer wurde noch direkter: Man müsse wegkommen vom nationalen Egoismus. Staatsekretär Kraus ergänzte, dass der Staat dabei zunehmend auf Open-Source-Lösungen setzt, um Abhängigkeiten zu reduzieren.
Blauer Engel, CO2-Bilanzen und souveräne Cloud: Drei Pitches aus der Praxis
Im Tech-Pitch-Block zeigten drei Unternehmen, wie digitale Lösungen für die Net-Zero-Transformation aussehen können. Chris Hendriks, CEO von OpenCloud, präsentierte die europäische Open-Source-Alternative zu Google Drive und Microsoft OneDrive, die als erste ihrer Art das Blaue Engel-Zertifikat für ressourcenschonende Software verliehen bekam. Das Zertifikat stellt unter anderem Anforderungen an Energieeffizienz, Datensparsamkeit und Langlebigkeit der Software. OpenCloud setzt auf modulare Architektur: Es läuft nur, was tatsächlich gebraucht wird. Die Plattform wird unter anderem beim CERN und an bayerischen Schulen eingesetzt.
Peter Rummel von Bentley Systems, einem Anbieter für Infrastrukturplanungssoftware, differenzierte zwischen zwei Stoßrichtungen: Digitalisierung nachhaltiger machen einerseits, Digitalisierung nutzen um Dinge nachhaltiger zu machen andererseits. Beides sei nötig, aber oft werde nur über ersteres gesprochen. Sein Kernsatz: Lineare Prozesse müssen beerdigt werden. Wer nachhaltig vorankommen wolle, müsse zirkulär denken, sowohl beim Materialfluss als auch bei Daten. Mittels eindrücklicher Beispiele zeigte er etwa auf, wie KI und Digitale Zwillinge Risse in Staumauern erkennen können, noch bevor sie überhaupt entstehen. Oder wie eine Stadt in Sekundenschnelle einen Hydranten aufspüren kann, der Wasser verliert.
Timm Eichstädt von Schaeffler zeigte, wie ihr entwickeltes Tool CO2-Fußabdrücke auf Produktebene berechnet: für Millionen von Bauteilen, mit Daten aus Materialdatenbanken, Logistikdaten und Emissionsfaktoren. Eine eigens entwickelte Datenplattform aggregiert diese Werte und macht sie für Entwickler und Nachhaltigkeitsmanager auswertbar. Noch laufen die Berechnungen, noch kann Schaeffler nicht jedem Kunden für jedes Produkt einen Wert liefern. Aber die Architektur steht.
Greenwashing geht es an den Kragen – und zwar schon ab September
Für Unternehmen, die mit Nachhaltigkeit werben, wird es ab Herbst 2026 deutlich komplizierter. Im Deep-Dive-Format „Nachhaltigkeit, Reparierbarkeit und Langlebigkeit: Wie neue gesetzliche Vorgaben die Digitalbranche verändern“ erläuterten Daniel Kendziur und Yves Heuser, Rechtsanwälte bei SKW Schwarz, was die Umsetzung der EU-Empowering-Consumers-Directive in deutsches Recht bedeutet.
Allgemeine Umweltaussagen wie "klimaneutral", "umweltfreundlich" oder "biobasiert" sind ohne präzise Spezifizierung künftig verboten. Wer sein Produkt als klimaneutral bewirbt, weil er CO2-Emissionen durch Zertifikate kompensiert, darf das nicht mehr auf Produktebene kommunizieren. Zukunftsversprechen wie "klimaneutral bis 2030" sind nur noch zulässig, wenn ein extern geprüfter, öffentlich zugänglicher Umsetzungsplan vorliegt. Selbst erfundene Nachhaltigkeitssiegel ohne akkreditiertes Zertifizierungssystem im Hintergrund sind ebenfalls verboten.
Kendziur betonte: „Das ist nicht komplett neu. Der Bundesgerichtshof hatte mit dem Katjes-Urteil vor über zwei Jahren bereits strenge Maßstäbe gesetzt. Neu ist, dass diese Maßstäbe jetzt explizit gesetzlich verankert werden, und zwar auch im B2B-Bereich.“ Wer also als Zulieferer Nachhaltigkeitsversprechen macht, die der Endkunde in seiner Werbung verwenden soll, haftet mit. Der Handel kann Hersteller zwingen, non-konforme Produkte aus dem Regal zu nehmen.
Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Alle Kanäle prüfen. Website, Messestand, Verkaufsmaterial, After-Sales-Kommunikation.
Kendziur verriet, dass Unternehmen die vorproduzierten Verpackungen nun mühsam anpassen müssen. Der günstigste Weg? „Horden von Studenten, die in Werkhallen Umweltsiegel mit dem Edding übermalen.“ Bereits jetzt würden sich gut 50 Prozent der Beratungen auf Umweltsiegel beziehen. Für ihn hat die Einführung der EmpCo-Richtlinie eine enorme Sprengkraft, die eine wahre Prozessflut mit sich bringen könnte.
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