Biodiversität ist laut Bundesbank eine "knallharte ökonomische Kennzahl"
Wirtschaft ist von der Natur abhängig
„Den meisten aktuellen Klimamodellen und Szenarioanalysen zufolge ist das 1.5-Grad-Ziel mittlerweile praktisch unerreichbar“ – Michael Theurer, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank fand bei einer gemeinsamen Forschungskonferenz von Bundesbank, Banque de France, Paris School of Economics und Toulouse School of Economics deutliche Worte. Lange Zeit galt der Verlust der biologischen Vielfalt in der Finanzwelt als Nischenthema. Doch Biodiversität sei eine knallharte ökonomische Kennzahl. Mehr als die Hälfte der weltweiten Bruttowertschöpfung sei moderat oder stark von der Natur abhängig. Wenn Bestäuber ausbleiben oder Lieferketten durch Ökosystemkollapse zusammenbrechen, landen diese ökologischen Schäden zeitverzögert in den Bilanzen der Unternehmen und schließlich als Kreditausfallrisiko bei den Banken.
Klimaanpassung noch stark unterfinanziert
Michael Theurer kritisierte in seiner Rede, dass Klimaanpassung gegenüber Klimaschutz stark unterfinanziert sei. Derzeit fließen weltweit gerade einmal rund vier Prozent der gemeldeten Klimaschutzfinanzierungen in Anpassungsmaßnahmen. Und ganze 98 Prozent davon stammen aus öffentlichen Quellen. Private Investitionen seien nach wie vor eine Ausnahme. Das habe Konsequenzen für das Risikomanagement. Unternehmen, die Extremwetterereignisse intern längst als wahrscheinlich einstufen und mögliche Verluste aus Hunderte Millionen Euro beziffern, haben dennoch nur begrenzt in Schutzmaßnahmen investiert.
Erschwerend komme hinzu: Klimarisiken machen am Werkstor des Kreditnehmers nicht halt. Beschäftigte, Zulieferer und gemeinsam genutzte Infrastruktur sind mitbetroffen.
Dass die Praxis dem Anspruch noch weit hinterherhinkt, belegt eine internationale Studie mit 50 der weltweit größten Geschäftsbanken, die Theurer zitierte: „88 Prozent der Banken tragen den Anpassungsrisiken nicht angemessen Rechnung. Nur sieben Kreditinstitute erfüllen mehr als die Hälfte der Kriterien, und keine einzige Bank erfüllt sie in vollem Umfang.“
Europäische Banken liegen dabei im internationalen Vergleich noch vergleichsweise vorne, während sich viele Institute aus den USA oder Australien im unteren Teil der Rangliste finden.
Physische Risiken: Wenn die Rohstoffe versiegen
Theurer unterscheidet zwischen physischen und transitorischen Risiken. Erstere treffen Unternehmen direkt: Ein Pharmahersteller, dessen Wirkstoffe auf seltenen Pflanzen basieren, oder ein Lebensmittelkonzern, dem die Wasserrechte entzogen werden, spüren den Verlust unmittelbar. Für Banken entwickeln sich die operativen Probleme in Kreditrisiken. Die Botschaft an Nachhaltigkeitsverantwortliche ist deutlich: Wer seine Abhängigkeit von natürlichen Dienstleistungen nicht quantifizieren kann, wird in künftigen Ratinggesprächen einen schweren Stand haben.
Transitorische Risiken: Die Regulatorik zieht die Zügel an
Selbst wenn ein Unternehmen nicht direkt von einer bestimmten Bienenart abhängt, treffen es die „transitorischen Risiken“. Damit sind politische Maßnahmen, Gesetzesänderungen oder verändertes Konsumverhalten gemeint. Das EU-Renaturierungsgesetz und die CSRD sind hier die treibenden Kräfte. Banken werden zunehmend angehalten, ihre Portfolios auf „Nature-Positive“-Ziele auszurichten.
Wasser als kritischer Faktor – besonders in Deutschland
Die Analyse der Bundesbank rückt das Thema Wasser besonders in den Fokus: Fast alle Kredite weisen eine hohe Abhängigkeit von mindestens einer wasserbezogenen Ökosystemleistung auf. Das unterstreicht die überragende Bedeutung von Wasser – etwa Wasserversorgung und Wasserregulierung – als Grundvoraussetzung für die Wirtschaftsfähigkeit. Nach Angaben des Umweltbundesamtes gehört Deutschland zu den Regionen mit dem weltweit höchsten Wasserverlust, obwohl das Land nach europäischem Maßstäben nicht als von Wasserstress betroffen eingestuft wird“, so Theurer.
Sparkassen und Genossenschaftsbanken besonders exponiert
Nicht alle Institute tragen das gleiche Risiko. Wie die Bundesbank-Analyse zeigt, weisen Genossenschaftsbanken und Sparkassen die größten Anteile an Krediten mit hochgradiger Ökosystem-Abhängigkeit auf. Und dies sowohl bei Ökosystemleistungen insgesamt als auch speziell bei wasserbezogenen. Denn diese Institute vergeben überproportional viele Kredite an den Immobiliensektor und andere stark exponierte Branchen.
Naturrisiken sind Kreditrisiken
Wenn bestimmte Ökosystemleistungen zukünftig nicht mehr oder nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehen, können sich daraus wirtschaftliche und finanzielle Risiken ergeben“, warnte Theurer vorsichtig. „Diese naturbedingten Risiken können sich in den Kreditportfolios der Banken niederschlagen und folglich die Stabilität des gesamten Bankensektors gefährden“, wurde Theurer auch deutlicher.
Das WWF Bankenranking 2025 bestätigen diesen Befund: Deutsche Banken bewegen sich beim Thema Biodiversität, aber zu langsam. Naturrisiken tauchen bei den meisten Instituten weder in Zielsystemen noch in Risikobewertungen auf. Kein einziges der 15 bewerteten Institute verdient die Bewertung „Visionär“.
Das können Banken und ihre Kreditgeber jetzt tun
Theurer rät Instituten, ihre Abhängigkeit von Ökosystemleistungen zu untersuchen und Strategien zu entwickeln, um Risiken, die sich aus Biodiversitätsverlusten ergeben, in ihrem Risikomanagement zu berücksichtigen.
Für Unternehmen, die Kredite aufnehmen folgt daraus ein praktischer Hinweis_ Wer Naturabhängigkeiten seiner Geschäftstätigkeit bereits systematisch erfasst und in die Nachhaltigkeitsberichterstattung integriert, ist besser aufgestellt. Nicht nur im Hinblick auf CSRD-Compliance, sondern auch gegenüber Kreditgebern, die diesen Faktor künftig stärker gewichten.
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