Nachhaltiger Konsum

REWE-Vorständin Daniela Büchel: „Biodiversität ist für uns kein Add-on“


Supermarkt – Kundin beim Einkauf

Nachhaltigkeit aus der Nische in den Mainstream – das war das Ziel. Erreicht? Ja, sagt Daniela Büchel, Vorständin bei REWE. Aber die Ermüdung wächst. Im Interview zum Sustainable Economy Summit spricht sie über Konsumverantwortung ohne Bevormundung, Biodiversität in der Beschaffung und die mutigsten Schritte der nächsten drei Jahre.

Daniela Büchel ist Mitglied des Vorstands der REWE Group und verantwortet dort die Bereiche HR und Nachhaltigkeit als Chief People and Sustainability Officer. Sie engagiert sich in mehreren Nachhaltigkeitsbeiräten und gilt als eine der profiliertesten Stimmen für nachhaltige Unternehmensführung im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Beim Sustainable Economy Summit in Berlin spricht sie über nachhaltigen Konsum und warum Haltung in unsicheren Zeiten wichtiger ist denn je.

Nachhaltige Transformation ist Zukunftssicherung


Frau Büchel, beim Sustainable Economy Summit sprechen Sie über nachhaltigen Konsum. Was ist Ihre wichtigste Botschaft?

Die nachhaltige Transformation der Wirtschaft und damit auch Stärkung des nachhaltigeren Konsums ist nach wie vor richtig und wichtig. Man kann die wirtschaftliche Stabilität nicht von Nachhaltigkeit abkoppeln und erst das eine und dann das andere machen. Ich spreche über Nachhaltigkeit als Haltungsfrage – auch und gerade in schwierigen Zeiten. Aber eben auch darüber, warum ich davon überzeugt bin, dass die nachhaltige Transformation Zukunftssicherung ist. Sich nicht den Risiken des Klimawandels oder des Verlusts der Biodiversität zu stellen, halte ich für falsch. Man muss sehen, dass heute nicht handeln in der Zukunft deutlich massivere Risiken und Kosten bedeutet.

Vor zwei Jahren sagten Sie im Haufe-Interview, Ihr Ziel sei es, Nachhaltigkeit „aus der Nische zu holen". Ist das gelungen?

Ja, Nachhaltigkeitsthemen sind heute sicherlich weitestgehend im Mainstream angekommen. Das war viele Jahre unsere klare Zielrichtung – und wir haben viel erreicht, indem wir Nachhaltigkeit tief in unserer Unternehmenskultur verankert und damit auch in der Branche sichtbarer gemacht haben. 

Es braucht klare Haltung, Beharrlichkeit und die Überzeugung, dass Nachhaltigkeit kein Trend ist, sondern die Grundlage zukunftsfähigen Wirtschaftens – im Handel und darüber hinaus.

Gleichzeitig beobachte ich aktuell eine gegenläufige Bewegung, die mir Sorge bereitet. Die Vielzahl an Krisen – ob geopolitisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich – führt zu einer gewissen Ermüdung bei vielen Menschen. Das ist menschlich und nachvollziehbar, aber es birgt die Gefahr, dass Nachhaltigkeit als „zusätzliches Thema“ wieder an Aufmerksamkeit verliert.
Doch gerade jetzt sind die Herausforderungen drängender denn je. Klimaschutz, Biodiversität und soziale Verantwortung lassen sich nicht verschieben. Deshalb dürfen wir jetzt auf keinen Fall nachlassen. Im Gegenteil: Es braucht klare Haltung, Beharrlichkeit und die Überzeugung, dass Nachhaltigkeit kein Trend ist, sondern die Grundlage zukunftsfähigen Wirtschaftens – im Handel und darüber hinaus.

Wie weit reicht die Verantwortung des Lebensmittelhandels, Konsumverhalten zu lenken und wo fängt Bevormundung an?

Als Lebensmittelhändler tragen wir eine große Verantwortung dafür, nachhaltiges Konsumverhalten zu erleichtern, ohne Kund:innen zu bevormunden. Unsere Aufgabe ist es, Orientierung zu bieten, Transparenz zu schaffen und nachhaltige Entscheidungen zugänglich zu machen – etwa durch glaubwürdige Informationen, klare Standards und ein Sortiment, das ökologische und soziale Kriterien sichtbar berücksichtigt. Gleichzeitig respektieren wir die individuelle Wahlfreiheit und wollen Kund:innen nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Es geht darum, nachhaltige Optionen zur einfachen, naheliegenden Wahl zu machen, nicht darum, Entscheidungen abzunehmen. 

„Ich befürchte, dass Initiativen wegfallen werden“

Green Claims stehen unter scharfer Beobachtung. Wie kommuniziert REWE über Nachhaltigkeit, ohne in die Greenwashing-Falle zu tappen?

Wie erleben, dass die Anforderungen an Nachhaltigkeitskommunikation deutlich steigen. Regulierungen wie die Empowering Consumers Directive setzen neue, strenge Rahmenbedingungen dafür, wie über Nachhaltigkeit gesprochen werden darf – und das ist einerseits wichtig für Transparenz, andererseits aber auch herausfordernd für Unternehmen. Denn viele der Themen, die wir adressieren, sind komplex: Sie betreffen Lieferketten, Zertifizierungen, wissenschaftliche Kriterien und langfristige Transformationsprozesse. Die Gefahr besteht, dass gute und notwendige Nachhaltigkeitsmaßnahmen schwerer kommunizierbar werden, weil Regulierungen Spielräume verengen und Unternehmen sehr präzise nachweisen müssen, was sie sagen. Meine Befürchtung ist, dass branchenweit auch viele Initiativen wegfallen werden. Genau deshalb setzen wir schon heute auf messbare Fortschritte, überprüfbare Standards und eine klare, faktenorientierte Kommunikation, um etwaige „Greenwashing-Risiken“ zu vermeiden. 

Die Gefahr besteht, dass gute und notwendige Nachhaltigkeitsmaßnahmen schwerer kommunizierbar werden, weil Regulierungen Spielräume verengen und Unternehmen sehr präzise nachweisen müssen, was sie sagen.


Diese Entwicklungen zeigen: Die Verantwortung des Handels endet nicht beim Sortiment, sondern umfasst auch die Art und Weise, wie wir über Nachhaltigkeit sprechen – offen, nachvollziehbar und so, dass Kund:innen wirklich profitieren, ohne sich bevormundet zu fühlen.

Sie engagieren sich in mehreren Nachhaltigkeitsbeiräten. Wie fließt das in REWEs Strategie ein?

Impulse aus externen Nachhaltigkeitsbeiräten sind für unsere strategische Arbeit enorm wertvoll. Der kontinuierliche Austausch mit Expert:innen aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft hilft uns dabei, neue Entwicklungen frühzeitig zu identifizieren, kritische Perspektiven aufzunehmen und unsere eigenen Leitlinien sowie unsere Nachhaltigkeitsstrategie laufend weiterzuentwickeln. Wir arbeiten innerhalb der REWE Group seit vielen Jahren mit einem eigenen externen Nachhaltigkeitsbeirat zusammen, der uns unabhängig berät und mit dem wir regelmäßig im Dialog stehen. Diese externe Sichtweise hilft uns, unsere Ambitionen realistisch, anspruchsvoll und zugleich umsetzungsorientiert auszurichten.

Der kontinuierliche Austausch mit Expert:innen aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft hilft uns dabei, neue Entwicklungen frühzeitig zu identifizieren, kritische Perspektiven aufzunehmen und unsere eigenen Leitlinien sowie unsere Nachhaltigkeitsstrategie laufend weiterzuentwickeln.

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil ist unsere langjährige Partnerschaft mit dem NABU. Gemeinsam arbeiten wir an zentralen Umwelt- und Klimaschutzprojekten – darunter der NABU Klimafonds zur Wiedervernässung von Mooren sowie umfassende Artenschutzprogramme, die wir mit landwirtschaftlichen Betrieben in ganz Deutschland umsetzen. Diese Partnerschaft liefert uns nicht nur fachliche Expertise, sondern stärkt natürlich auch die Glaubwürdigkeit und Wirkung unserer Nachhaltigkeitsmaßnahmen. 

Insgesamt ist genau diese Mischung ein zentraler Motor für die Weiterentwicklung unserer Nachhaltigkeitsstrategie und unterstützt uns dabei, ambitionierte, wissenschaftsbasierte und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.

Gemeinsam Lebensräume und Insekten schützen

Welche Rolle spielt Biodiversität konkret in REWEs Sortiments- und Beschaffungspolitik?

Biodiversität ist für uns ein zentrales Prinzip verantwortungsvoller Beschaffung – und fest in unseren Prozessen verankert. Für unsere Sortiments- und Einkaufspolitik bedeutet das ganz konkret: Wir fördern biodiversitätsfreundliche Anbaumethoden in unseren Lieferketten und arbeiten mit landwirtschaftlichen Betrieben eng zusammen, um Ökosysteme zu erhalten und Lebensräume zu stärken. Besonders stolz sind wir auf unser Biodiversitätsprojekt, mit dem wir seit 2010 rund neun Millionen Quadratmeter Blühflächen geschaffen oder aufgewertet haben – das größte Projekt seiner Art im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. 

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist zudem unsere langjährige strategische Partnerschaft mit dem NABU. Gemeinsam schützen wir Lebensräume, fördern Insektenschutz, unterstützen Landwirt:innen bei nachhaltigen Anbaumethoden und tragen über den NABU Klimafonds seit 2022 auch zur Wiedervernässung von Mooren bei – einem der wirkungsvollsten Beiträge zum Klima- und Artenschutz. 
Damit ist Biodiversität für uns kein Add-On, sondern ein integraler Bestandteil unserer Sortimentsentwicklung und Beschaffungspolitik – getragen von klaren Zielen, starken Partnerschaften und einem langfristigen Engagement, das Wirkung zeigt.

Früher haben Sie auf die Chancen smarter Technologie entlang der Lieferkette hingewiesen. Was ist daraus geworden?

Heute nutzen wir die Potenziale smarter Technologien sehr gezielt, um Nachhaltigkeit messbar voranzubringen. Ein wichtiger Hebel sind moderne Prognosesysteme, die uns dabei unterstützen, Warenströme besser zu planen und Lebensmittelverschwendung spürbar zu reduzieren. Gleichzeitig digitalisieren wir unsere Logistik- und Beschaffungsprozesse weiter, um Emissionen zu verringern und Effizienzgewinne zu realisieren – ein zentraler Baustein unserer Klimastrategie. 
Darüber hinaus setzen wir entlang unserer globalen Lieferketten zunehmend auf digitale Monitoring- und Risikomanagement-Tools. Technologie ist für uns kein Selbstzweck – sie ist ein essenzieller Enabler, um Nachhaltigkeit systematisch, wirksam und skalierbar umzusetzen.

Transformation zu einer nachhaltigeren Ernährungsweise


Was ist der mutigste Schritt, den REWE in den nächsten drei Jahren gehen will – und wo halten Sie sich bewusst zurück?

Einer der mutigsten Schritte der kommenden Jahre ist für uns die konsequente Transformation hin zu einer nachhaltigeren Ernährungsweise. Dazu gehört nicht nur der Ausbau pflanzenbasierter und regionaler Sortimente, sondern eine umfassendere strategische Ausrichtung: Wir orientieren unsere Sortimentsentwicklung zunehmend an wissenschaftlichen Ernährungsempfehlungen wie der Planetary Health Diet und verfolgen zugleich eine langfristige Proteinstrategie. Damit übernehmen wir Verantwortung für eine Ernährungswende, die ökologisch verträglich, gesund und alltagstauglich ist. 

Für uns bedeutet Mut nicht nur, Bestehendes zu verbessern, sondern neue Wege zu gehen und Innovationen sichtbar in die Breite zu bringen.

Ein zweiter mutiger Schritt ist unser Fokus auf Innovation. Wir arbeiten mit FoodTech Partnern zusammen, um neue Proteinquellen, nachhaltige Zutaten und moderne Herstellungsverfahren voranzubringen. Diese Innovationsarbeit unterstützt uns dabei, Kund:innen attraktive, schmackhafte und klimafreundliche Alternativen zu bieten – und gleichzeitig die Landwirtschaft der Zukunft mitzugestalten. So stärken wir ein Ernährungssystem, das auf Vielfalt, Ressourcenschonung und wissenschaftliche Erkenntnisse setzt.

Für uns bedeutet Mut nicht nur, Bestehendes zu verbessern, sondern neue Wege zu gehen und Innovationen sichtbar in die Breite zu bringen. Wir setzen nicht auf schnelle Effekte, sondern auf langfristig wirksame und glaubwürdige Entscheidungen. Gerade in einem so dynamischen Umfeld wie Ernährung und Nachhaltigkeit braucht es aus meiner Sicht eine klare Haltung: Mut ja – aber mit Verantwortung und Augenmaß.


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