In der Schweiz wird der Unterhalt, der geschuldet ist, damit ein Elternteil in die Lage versetzt wird, das gemeinsame minderjährige Kind persönlich zu pflegen und zu erziehen, bislang nur vereinzelt als eine eigenständige Unterhaltskategorie wahrgenommen.[46] Dies, obwohl die Kinderbetreuung auch in der schweizerischen Praxis als der häufigste Grund dafür genannt wird, dass eine Erwerbstätigkeit nicht zumutbar ist[47] und dem Betreuungsunterhalt vor dem Hintergrund, dass bei anhaltend hohen Scheidungsziffern, einer hohen Zahl von Kindern, die durch die Scheidung der Eltern betroffen sind sowie Defiziten bei den Fremdbetreuungsmöglichkeiten faktisch eine herausragende Bedeutung für die Ermöglichung der Kinderbetreuung zukommt.[48] Der Grund hierfür mag darin liegen, dass der Betreuungsunterhalt im schweizerischen Recht nicht als eigenständige Anspruchsgrundlage ausgebildet ist, sondern dass die von einem Elternteil zu leistende Betreuung der gemeinsamen Kinder nur als ein Aspekt unter mehreren angesehen wird, die nach Art. 125 Abs. 2 Ziff. 6 ZGB bei der Bemessung des nachehelichen Unterhalts zu berücksichtigen sind.

Allerdings stellt die Kinderbetreuung einen anerkannten Grund für eine Unterhaltsbedürftigkeit dar, weil dadurch die Eigenversorgungskapazität des geschiedenen Ehegatten beeinträchtigt wird. Eine Ehe, aus der Kinder hervorgegangen sind, gilt in der Regel als lebensprägend mit der Folge, dass das Vertrauen des unterhaltsberechtigten Ehegatten in die Aufrechterhaltung des bisherigen Lebensstandards grundsätzlich schutzwürdig erscheint.[49] Das schweizerische Bundesgericht erachtet daher in ständiger Rechtsprechung die Kinderbetreuung als ein in Abhängigkeit vom Alter des Kindes vollständiges oder teilweises Hindernis für eine eigene Erwerbstätigkeit des geschiedenen Ehegatten[50] und die Rechtstatsachenforschung belegt, dass ein geschiedener Ehegatte, der ein Kind unter 10 Jahren betreut – in der Praxis handelt es sich dabei in der Mehrzahl um Frauen – eher mehr Unterhalt erhält als eine geschiedene Ehefrau ohne Kind.[51]

[46] Vgl. Egli, Nachehelicher Betreuungsunterhalt – ein Streiflicht auf die Gerichtspraxis der Nordwestschweiz, in: Büchler/Müller-Chen (Hrsg.), Festschrift Schwenzer (2011), S. 451 (452 f.); Schwenzer, FamPra.ch 2010, 362 (369 f.); Schwenzer/Egli, FamPra.ch 2010, 18 ff. m.w.N.
[47] Vgl. Schwenzer, FamKomm Scheidung (2. Aufl. 2011), Art. 125 Rn 58; Egli, Nachehelicher Betreuungsunterhalt – ein Streiflicht auf die Gerichtspraxis der Nordwestschweiz, in: Büchler/Müller-Chen (Hrsg.), Festschrift Schwenzer (2011), S. 451 (453, 458); Honsell/Vogt/Geiser-Gloor, Spycher, Basler Kommentar ZGB (3. Aufl. 2006), Art. 125 Rn 30.
[48] Vgl. Schwenzer/Egli, FamPra.ch 2010, 18 (32).
[49] Vgl. Schwenzer, FamKomm Scheidung (2. Aufl. 2011), Art. 125 Rn 50; Hausheer/Spycher, Handbuch des Unterhaltsrechts (2. Aufl. 2010), Rn 05.104 ff.; Tuor/Schnyder/Schmid/Rumo-Jungo, Das Schweizerische Zivilgesetzbuch (13. Aufl. 2009), § 24 Rn 41 f.; Freiburghaus, in: Amstutz u.a. (Hrsg.), Handkommentar zum Schweizer Privatrecht (2007), Art. 125 ZGB Rn 14 f., 41; Hausheer, in: Hofer/Henrich/Schwab (Hrsg.), Scheidung und nachehelicher Unterhalt im europäischen Vergleich (2003), S. 291, 303 f., 306.
[50] Vgl. BGer, Urt. v. 14.11.2008 – 5A.210/2008, E. 3; BGer, Urt. v. 14.9.2005 – 5C.171/2007, E. 4 sowie grundlegend BGer, Urt. v. 2.3.1989, BGE 115 II 6 E. 3c, 10 (im Internet u.a. unter www.polyreg.ch/d/informationen/bge/html veröffentlicht). Vgl. auch Egli, Nachehelicher Betreuungsunterhalt – ein Streiflicht auf die Gerichtspraxis der Nordwestschweiz, in: Büchler/Müller-Chen (Hrsg.), Festschrift Schwenzer (2011), S. 451 (458); Reusser, Das neue Scheidungsrecht der Schweiz, DEuFamR 1999, 93 (96).
[51] Vgl. Egli, FamPra.ch 2008, 772 (778 f.).

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