§ 9 Mediation in der Person... / 2. Phase 2
 

Rz. 83

Nachdem die Medianten auf Nachfrage versichert haben, bereit zu sein, über ihren Streit zu sprechen, bittet M mit abwechselndem Blick auf Frau G und Herrn S, sich zum Streit zu äußern. Mit den Worten "Ladys first" bedeutet Herr S Frau G, dass sie beginnen möge. Frau G beginnt zu berichten: "Ich saß als Beifahrerin im Auto meiner Freundin. Wir hatten die Kinder gerade zur Reitstunde gebracht und wollten die Wartezeit dafür nutzen, Leergut wegzubringen und neue Getränke einzukaufen. Wir befanden uns gerade in der X-Straße, als plötzlich von rechts Herr S mit seinem Auto auf uns zuraste. Ich habe ihn überhaupt nicht kommen sehen, er war plötzlich da und meine Freundin konnte auch überhaupt nicht mehr bremsen. Dann ging alles ganz schnell. Es gab einen riesigen Schlag, das Auto wurde zur Seite gedrückt und neben mir drückte sich die Tür in das Fahrzeug hinein. Ich war eingequetscht zwischen Tür und Mittelkonsole und konnte mich überhaupt nicht bewegen. Mein rechter Fuß war eingeklemmt und mein Arm war durch die eingedrückte B-Säule so stark verletzt, dass er wahnsinnig schmerzte. Ich schrie vor Schmerz und bekam unglaubliche Panik, weil ich aus dem Auto nicht herauskam." Frau G beginnt zu weinen und ihre Stimme wird immer leiser und zittriger. Sie fährt fort: "Dann kam die Feuerwehr und ich wurde aus dem Auto befreit. Ich muss wohl dann im Krankenwagen bewusstlos geworden sein, denn ich wachte erst in der Klinik wieder auf und wusste nicht, wie ich dort hingekommen bin und was überhaupt los war. Man hat mir dann einige Stunden später mitgeteilt, dass mein oberes und unteres Sprunggelenk mehrfach gebrochen ist und ich eine schwerwiegende Schulterverletzung davongetragen habe. Noch am selben Abend wurde meine Schulter operiert. Wegen der starken Schwellungen am Fußgelenk fand die erforderliche Operation erst einige Tage später statt. Ich war so vollgedröhnt mit Schmerzmitteln und allem Möglichen, dass ich eigentlich gar nicht so richtig wusste, was mit mir in der Klinik geschehen ist. Irgendwie war es mir auch völlig egal. Ich war nur froh, dass ich am Leben war. Sie können es sich nicht vorstellen: Meine gesamte rechte Körperseite tut weh. Ich habe jetzt drei Operationen hinter mir. Ich kann weder schmerzfrei laufen noch schmerzfrei hier sitzen. Mein rechter Arm ist eigentlich völlig nutzlos. Ich kann mir nicht mal mehr ein Butterbrot selbst fertig machen und brauche Hilfe beim Anziehen und Duschen. Meine Mutter wäscht mir jetzt immer die Haare und frisiert mich. Wenn ich einkaufe, brauche ich immer die Begleitung meines Mannes, damit all die Dinge in den Einkaufswagen kommen, die wir mit den Kindern für die nächste Woche benötigen. Fragen Sie nicht, wie ich koche: Ich kann keine Töpfe mehr abgießen, weil man dafür zwei Hände benötigt. Ich habe die Kraft dafür nicht. Es gibt seitdem bei uns nur noch eingefrorene und vorgekochte Produkte. Etwas anderes ist es am Wochenende, wenn mein Mann für uns kochen kann. Zum Saubermachen kommt jetzt immer meine Mutter. Es ist mir schrecklich peinlich, weil meine Mutter schon eine alte Frau ist, wir uns aber eine Zugehfrau nicht leisten können. Vor dem Unfall habe ich mit den Kindern immer die Hausaufgaben gemacht. Ich nehme jetzt so viel Schmerzmittel, dass ich viel zu lange brauche, um überhaupt zu kapieren, worum es dabei geht. Das macht mich sehr traurig und die Kinder haben das Gefühl, dass ich mich nicht für sie interessiere. Aber das Schlimmste ist eigentlich, dass ich seit dem Unfall nicht mehr arbeiten kann. Wir haben vor fünf Jahren ein Haus gebaut und mein Einkommen hatten wir so eingeplant, dass davon der Kredit jeden Monat bezahlt werden kann. Nun habe ich 78 Wochen vom Krankengeld gelebt und das ist jetzt ausgelaufen. Ich werde aber nie wieder arbeiten können." Während sie das sagt, schaut sie Herrn GL an. "Das müssen Sie doch verstehen. Sie sehen mich doch hier. Warum sind Sie so hartherzig und verlangen von mir, dass ich arbeite? Sie haben doch alle Arztberichte von meinem Anwalt und ich habe Ihnen eine Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht unterschrieben, so dass Sie bei allen meinen behandelnden Ärzten nachfragen können. Ich bekomme jetzt Arbeitslosengeld. Das ist aber befristet auf ein Jahr. Danach bekomme ich nichts mehr, weil das Einkommen meines Mannes auf Hartz IV angerechnet wird. Wissen Sie eigentlich, was passiert, wenn wir den Kredit dann nicht mehr bezahlen können? Haben Sie eigentlich eine Vorstellung davon, wie es ist, jeden Tag Angst zu haben, dass die Bank einem das Haus unter dem Hintern wegnimmt?" Frau G schaut jetzt abwechselnd Herrn GL und Herrn S an: "Glauben Sie vielleicht, dass ich mir das hier alles ausgesucht habe? Ich bin völlig schuldlos an der Sache. Sie – Herr S – haben mich zum Krüppel gefahren. Ihnen habe ich es zu verdanken, dass mein Leben verpfuscht ist. Und ich sitze hier und soll mich mit Ihnen einigen? Ich bin gar nicht so sicher, ob ich das heute und hier überhaupt kann und will. Glauben Sie mir, alles Geld ...

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