ZPE Virtual: Keynote von Heike Bruch zu New Leadership

Am letzten Messetag mit dem Schwerpunkt "Future of Work" erlebten die Besucher der ZPE Virtual 2020 ein besonderes Highlight: Wirtschaftspsychologin und -Professorin Heike Bruch stellte in einer inhaltsreichen Keynote zentrale Ansatzpunkte zu zeitgemäßer Führung vor. Trotz des anstehenden Wochenendes zog der Vortrag viele Zuschauer an.

Für ihre Keynote hatte sich Heike Bruch einiges vorgenommen. Unter dem Titel "Zwischen Purpose und Überhitzung" stellte die Professorin an der Universität St. Gallen einen Rundumschlag über aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu Leadership und zeitgemäßer Führung vor. In einem Feuerwerk an Impulsen ging sie auf eigene Studien, Theorien und praxisnahe Führungsansätze ein und versuchte stets darzustellen, wie all das mit dem Unternehmenserfolg zusammenhängt.

Auch wenn sie sich für die einzelnen Themenblöcke und jeweiligen Frage-Sessions eine Stoppuhr mitgebracht hatte, konnte sie die Fülle an Information in den angesetzten 60 Minuten nicht vollständig erörtern. Im virtuellen Format, in dem die Bühne nicht für den nächsten Slot geräumt werden muss, konnte sie aber getrost 15 Minuten überziehen, bis alle Fragen wenigstens ansatzweise geklärt waren.

Zusammenhang zwischen New Leadership und Unternehmenserfolg

Was macht also "New Leadership" tatsächlich aus? Und wie trägt die Führungskultur zum Unternehmenserfolg bei? Eine der vielen Botschaften ist, dass "Erfolg" nicht gleich "Erfolg" ist und "Erfolg" sich schon gar nicht gleichsetzen lässt mit "Digitalisierung" – auch wenn dieser Eindruck nach einem Klickmarathon durch die Messehalle "Future of Work" entstehen kann. Bruch differenzierte hier genauer und clusterte Unternehmen zum einen nach Unternehmenserfolg und zum anderen nach deren Digitalisierungsgrad. So entstanden vier Kategorien: Mäßig erfolgreiche, nicht-digitalisierte Unternehmen; sehr erfolgreiche, nicht-digitalisierte Unternehmen; mäßig erfolgreiche, digitalisierte Unternehmen und letztlich nur wenige sehr erfolgreiche und digitalisierte Unternehmen.

Welches dieser Cluster in Bruchs Vorstellung als ideal anzusehen ist, liegt wohl auf der Hand: das letzte. Die zentrale Frage, an der sich Bruch im weiteren Vortrag abarbeitete, lässt sich wie folgt umschreiben: Auf der einen Seite gibt es Unternehmen mit hohem Digitalisierungsgrad, die eben nicht erfolgreich sind, weil sie mit der Geschwindigkeit der Entwicklungen zwar irgendwie mithalten können, aber trotzdem überfordert sind ("modern Überforderte"). Was unterscheidet diese Unternehmen von solchen, die die Digitalisierung nicht nur erreichen, sondern geradezu meistern und eben dann zu erfolgreichen, digitalisierten Unternehmen, zu "erfolgreichen Pionieren" werden? Und welchen Anteil hat eine bestimmte Form von Leadership an diesem Erfolg?

Transformationale Führung, Bürokratieabbau und Empowerment

Bruchs Antwort auf diese Fragen lässt sich nur schwer zusammenfassen, aber anhand einiger Ansatzpunkte und Ideen anreißen: Die Professorin stellte beispielsweise die Gefahren von unübersichtlichen Experimenten mit unterschiedlichen Arbeitsmodellen dar und ging auch auf die Probleme von Überregulierung und zu viel Bürokratie ein. Als Optimum sollten sich Organisationen auf ein möglichst kleines und klares Set aus Regeln über die Zusammenarbeit einigen, innerhalb derer einzelne Mitarbeiter dann selbstverantwortlich wählen, wie, wo und wann Sie welche Arbeit erledigen.

Bezogen auf Leaderhip-Modelle stellte Bruch beispielsweise die Vorteile des Verständnisses von transformationaler Führung und Empowerment dar. Außerdem ging sie auch kurz auf Ambidextrie ein, also dem notwendigen Nebeneinander von optimaler Exekution und Innovationsbereitschaft. Versucht man die Fülle dieser Inhalte auf eine These zuzuspitzen, so lässt sich Bruchs Appell in ihren eigenen Worten wie folgt zusammenfassen: "Bürokratie rausnehmen und Kultur reintun." New Leadership bedeute nicht "kein Leadership" oder "Laissez-Faire". Dennoch brauche es "Unbossing" im Sinne von Bürokratieabbau und weniger "Command and Control". Im Gegenzug müssten Führungskräfte für mehr Orientierung sorgen, indem sie ein Umfeld für gelebten Purpose und für mehr Inspiration schaffen.

Am Ende raucht der Kopf

Was nach der fast eineinhalbstündigen Keynote bei den über 400 Zuschauern zurückblieb? Vermutlich ein rauchender Kopf und das Gefühl, jetzt in einer ausführlichen Mittagspause das eben Gehörte nochmals richtig sacken zu lassen. Zum Glück hat die Messeleitung angekündigt, alle Vorträge und Powerpoint-Folien im Anschluss online zur Verfügung zu stellen, denn sicherlich lohnt es sich, beim ein oder anderen Thema nochmals tiefer in die Erkenntnisse aus Bruchs "Impulsfeuerwerk" einzusteigen.


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