Fünf Thesen zur Zukunft von Arbeitsschutz und Prävention
Die Arbeitswelt befindet sich mitten in der digitalen Transformation – doch die betriebliche Gesundheitsvorsorge verharrt meist noch in alten Strukturen. Thomas Auhuber, CEO von BG Prevent, dem bundesweit größten überbetrieblichen Dienstleister für Prävention in der Arbeitswelt, sieht darin einen dringenden Handlungsbedarf. Auhubers Thesen liefern einen Diskussionsrahmen – formuliert anlässlich eines Firmenjubiläums und aus der Perspektive eines Praktikers, der Prävention als Kernauftrag versteht. Arbeitsfähigkeit, so sein zentrales Argument, dürfe nicht länger als rein betriebliche Kennzahl verstanden werden. Sie sei Kern individueller und gesellschaftlicher Lebensfähigkeit.
Prävention schließt zunehmend psychische Faktoren ein
Auhuber beschreibt den Wandel des Berufsfeldes so: Der Kernauftrag sei seit 50 Jahren derselbe: Menschen vor Risiken zu schützen. Neu sei jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich die Arbeitswelt verändere. Standen früher körperliche Gefahren im Vordergrund, prägen heute KI, Verdichtung und Effizienzdruck den Alltag – weshalb Arbeitsschutz zunehmend auch psychische Faktoren einschließen müsse.
Aus dieser Bestandsaufnahme leitet Auhuber fünf Thesen ab, die er als Orientierungsrahmen für Unternehmen, HR-Verantwortliche und Politik versteht:
These 1: Gesundheit muss demokratisch werden
Medizinisches Wissen dürfe nach Überzeugung Auhubers kein Privileg von Expertinnen und Experten bleiben – ebenso wenig dürfe Gesundheit allein Privatsache sein. Gesundheitsdaten müssten so aufbereitet werden, dass Mitarbeitende wie Privatpersonen eigenverantwortlich handeln können. Erst wenn Daten intelligent genutzt werden, um daraus neue Präventionsstandards abzuleiten, entstehe eine tragfähige Grundlage für langfristige Gesundheitsvorsorge.
"Arbeitsschutz bedeutet hier nicht mehr nur, Unfälle im Betrieb zu vermeiden, sondern ist Teil einer breiteren gesellschaftlichen Gesundheitsstrategie", sagt Auhuber. "Und gesunde, arbeitsfähige Mitarbeitende schaffen resiliente Organisationen."
These 2: Prävention braucht Fakten, kein Bauchgefühl
Auhuber sagt: Prävention wirkt, doch ihr Erfolg bleibt strukturell unsichtbar, solange nichts passiert. Er plädiert deshalb für datenbasierte Analysen und gezielte Investitionen in Vorsorgeuntersuchungen als einen möglichen Weg, das sogenannte Präventionsparadox aufzulösen: Maßnahmen, die der Bevölkerung insgesamt nützen, erscheinen dem Einzelnen oft wirkungslos – weil ihr Erfolg im Ausbleiben von Schäden besteht. Bleibe etwa eine Herz-Kreislauf-Erkrankung dank früh erkannten Bluthochdrucks aus, gelte die Vorsorgeuntersuchung im Rückblick möglicherweise als überflüssig.
Diesen Trugschluss, so Auhuber, gelte es, nachhaltig zu widerlegen, um den Wert von Prävention für alle Menschen sichtbar zu machen.
These 3: Prävention ist Gestaltung von Lebensfähigkeit
Wer Menschen nach einer Erkrankung schnell zurück in den Beruf begleitet, sichert mehr als betriebliche Produktivität – er trage zum Erhalt von Lebensentwürfen bei. Arbeit, so Auhubers Argument, schaffe Struktur, soziale Einbindung und Selbstwirksamkeit. Die Erhaltung von Arbeitsfähigkeit sei damit zugleich Erhaltung von Lebensqualität; ein Zusammenhang, der in der betrieblichen Praxis aus seiner Sicht noch zu selten mitgedacht werde.
"Wenn die Arbeitswelt sich so rasant verändert, wie es heute der Fall ist, müssen wir gesellschaftliche Werte neu in den Blick nehmen: Was ist uns menschliche Arbeit wert? Woran messen wir Produktivität? Wo nutzen wir KI – und wo verzichten wir bewusst darauf?", fragt Auhuber. Arbeitsfähigkeit werde zum Seismographen gesellschaftlicher und individueller Stabilität.
These 4: Gesundheitsprävention muss sich für Unternehmen lohnen – auch finanziell
Das bestehende System reagiere nach Einschätzung Auhubers strukturell zu spät: Behandlung dominiere gegenüber Vorsorge. Das Modell der gesetzlichen Unfallversicherung belege aus seiner Sicht, dass ein anderes Vorgehen funktioniert – Investitionen in Prävention heute könnten teure Behandlungen und Rentenleistungen morgen reduzieren und damit das gesamte Sozialsystem entlasten. Bleibe Prävention aus, könnten gesellschaftliche und betriebliche Folgekosten entstehen, die ein Vielfaches der Präventionskosten übersteigen.
Auhuber betont, dass sich Unternehmen zukunftsfähig aufstellen, wenn sie in Prävention investieren. Sein Fazit: Prävention müsse systematisch eingefordert und incentiviert werden – etwa durch ein Bonus-Malus-System, das präventives Handeln belohnt und Versäumnisse sichtbar macht.
These 5: Prävention ist nicht "nett", sondern ein gesellschaftliches Muss
Angesichts steigender Kosten im Gesundheitssystem und zunehmender gesellschaftlicher Krisenanfälligkeit ist Prävention für Auhuber kein optionales Zusatzangebot. Konsequent zu Ende gedacht, erfordere das mitunter den Mut zu dem, was er als "notwendige Übergriffigkeit" bezeichnet:
"Wer sich für die Gesundheit anderer einsetzt, handelt zwangsläufig auch grenzüberschreitend. Wer aber den Wert der Vorsorge erkennt, wird das nicht als Eingriff in die Privatsphäre empfinden, sondern als notwendige Schadensabwehr."
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