Interview

"Der Arbeitsschutz wird ganz­heit­licher"


Strategische Neu­ausrichtung von BG Prevent

Seit 50 Jahren ist BG Prevent (bisher BAD) als Dienst­leister für Arbeitssicherheit aktiv. Nun will das Unter­nehmen den Fokus auf Prävention in der Arbeits­welt verstärken. CEO Thomas Auhuber erläutert im Interview die Hintergründe der strategischen Neu­ausrichtung und was sich jetzt konkret ändert.

Personalmagazin: Seit Juli tritt BAD unter dem Namen BG Prevent auf – was hat sich durch die Umfirmierung für die Kunden geändert? 

Thomas Auhuber: Der neue Name ist für uns ein wichtiger Meilenstein, der bisherige Name "Berufsgenossenschaftlicher Arbeitsmedizinischer Dienst" legte den Schwerpunkt auf die Arbeitsmedizin. Nun wollen wir auch durch den Markenauftritt konsistenter dem Rechnung tragen, dass wir ein Unternehmen der Prävention sind. Das heißt, wir kümmern uns um Arbeitsschutz, Arbeitsmedizin, Gesundheitsschutz, Gesundheitsmanagement und alles, was damit verbunden ist. Der neue Name steht aber auch für mehr Innovationen. Wir wollen noch mehr Kooperationen ins Leben rufen, uns mit Partnern aus der Wissenschaft und Forschung vernetzen, um den Präventionsmarkt positiv weiterzuentwickeln.

Personalmagazin: An welche Weiterentwicklungen denken Sie dabei? 

Auhuber: Die großen Themen haben viel mit New Work zu tun, mit der Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Wir wollen die Prozesse des Arbeitsschutzes verbessern, indem wir noch mehr Präventionslogiken einbringen, aber auch unsere Arbeit für die Unternehmenskunden und ihre Mitarbeitenden weiter optimieren. Es gibt gewisse Themen im Arbeitsschutz, die häufig im Verborgenen bleiben, die wir zukünftig besser fassen und auch umfänglicher bedienen können. Ein Beispiel ist der Brandschutz: Jeder kennt den Feuerlöscher, doch praktische Übungen zum richtigen Einsatz fehlten bisher. Nun können wir einen virtuellen Brand simulieren, bei dem die Beschäftigten mittels VR-Brille in verschiedene Szenarien wie Hotels, Werkstätten, Kindertagesstätten eintauchen. Über Wärmeentwicklung und Geruchskartuschen können wir gezielt Situationen darstellen, die der Stresssituation eines Brandes sehr nahe kommen. Solche Übungen sorgen für einen enormen Lerneffekt und bleiben nachhaltig im Gedächtnis.

Gefährdungsbeurteilung speziell für mobile Arbeit

Personalmagazin: Sie sprechen von New Work, berücksichtigt das neue Portfolio demnach auch moderne Arbeitsformen wie mobile Working? 

Auhuber: Ja, bisher war es für Unternehmen sehr schwierig, auch die Beschäftigten, die nicht vor Ort sind, in den Arbeitsschutz einzubinden. Diese Lücke betrifft mittlerweile Millionen von Arbeitsplätzen. Wir haben deshalb einen Künstliche-Intelligenz-Coach, kurz Kico genannt, entwickelt, der speziell für die Gefährdungsbeurteilung bei mobiler Arbeit eingesetzt wird. Er analysiert über einen Zwei-Wochen-Zeitraum die Heimarbeitsplätze der Beschäftigten. So trägt er dazu bei, dass Beschäftigte ihren Arbeitsplatz ergonomischer einrichten, die Belichtung und die Luftqualität verbessern oder auch ausreichend trinken und Haltungsübungen durchführen. 

Personalmagazin: Erweitern Sie damit den Arbeitsschutzgedanken in Richtung Gesundheitsmanagement oder sind das neue Leistungen im klassischen Arbeitsschutz? 

Auhuber: Sowohl als auch. Auf der einen Seite können wir so klassischen Arbeitsschutz noch zielgerichteter betreiben, weil manche Dinge von der Technologie her nicht möglich waren. Gleichzeitig widmen wir uns der Verhaltensprävention – Kico etwa sorgt dafür, dass Beschäftigte mehr Verantwortung übernehmen und ihre Gesundheit aktiver selbstfürsorglich gestalten So verschwimmen die Grenzen zwischen Verhaltens- und Verhältnisprävention etwas: Wir können auf richtiges Verhalten hinweisen und sorgen gleichzeitig für die grundlegenden Arbeitsverhältnisse, wie etwa die richtigen Raum-, Licht- und Luftbedingungen. Arbeitsschutz wird so durch den Präventivgedanken zum einen ganzheitlicher, zum anderen trägt die technologische Entwicklung ein Stück weit zu einer Umverteilung der Tätigkeiten bei, sodass die für den Arbeitsschutz Verantwortlichen mehr Freiräume für strategisches Handeln gewinnen.  

Personalmagazin: Bisher wird streng getrennt zwischen dem auf Sicherheit und Unfallverhütung fokussierten Arbeitsschutz und dem Gesundheitsmanagement, das einen ganzheitlicheren und freiwilligeren Ansatz verfolgt. Wird Ihre Beratung nun auch in Richtung dieser eher weichen Themen gehen? 

Auhuber: Eine Trennung muss sein, das geben die Berufsordnungen, gesetzliche Vorgaben, aber auch die Funktionslogiken vor. Ein betrieblicher Gesundheitsmanager wird nie rein arbeitsmedizinische Inhalte machen können, weil dafür die strukturellen Voraussetzungen fehlen und Qualitätsanforderungen bestehen. Insofern wird es immer zu einer gewissen Spartenaufteilung kommen. Wir arbeiten jedoch darauf hin, dass unsere Themen im Rahmen des Arbeitsschutzes multidisziplinär, also von allen Seiten aus, so bearbeitet werden, dass der Kunde sie ganzheitlich wahrnimmt. Viele  Probleme, um die wir uns im Arbeitsschutz kümmern, sind besser zu lösen, wenn wir uns mit dem Thema als präventives Gesamtpaket beschäftigen. Letztlich bekommt auch der Kunde so einen umfassenderen Blick auf das Thema Gesundheit und Gesundheitsprävention. 

Von BAD zu BG Prevent: Prävention stärken

Personalmagazin: Was nehmen Sie denn in den Unternehmen wahr? Hat sich das Interesse am Thema "Mitarbeitendengesundheit" über den reinen Arbeitsschutz hinaus schon hin zur aktiven Förderung der Gesundheit verändert?

Auhuber: Wir sehen eine hohe Aufgeschlossenheit gegenüber diesen übergreifenden, am Thema orientierten Ansätzen. Arbeitsschutz war bislang oft ein eher ungeliebtes Pflichtthema. Aber schon allein durch den Feuertrainer, den ich vorhin beschrieben habe, finden die Leute das Thema "Brandschutz" plötzlich interessant. Früher als trocken empfundene Themen finden jetzt mehr Beachtung. Und damit verändert sich auch die Kultur: Dinge, die man bisher notgedrungen aufgrund der gesetzlichen Verpflichtung mitgemacht hatte, werden freiwillig ausgeweitet. Wir erleben immer wieder, dass immer mehr Personen in die Unfallverhütung und in den Gesundheitsschutz einbezogen werden, sodass schließlich systemische Organisationslogiken und eine Sicherheitskultur entstehen, die den Präventionsgedanken lebt und das Positive daran spürbar macht. Dazu passt dann am Ende auch unser Markenerleben – die Unternehmen sind "prevent". 

Personalmagazin: Gibt es Unterschiede zwischen Groß- und kleineren Unternehmen? 

Auhuber: Ja, die gibt es. Beides hat Vor- und Nachteile. Kleinstunternehmen genügt es häufig, wenn sie einfach eine Bescheinigung bekommen, größere Unternehmen haben da mehr Anforderungen in Richtung einer Sicherheitskultur, häufig auch mit mehr Budget. Andererseits wissen gerade viele kleinere Unternehmen, dass sie ihre Attraktivität steigern können, wenn sie zeigen, dass sie die Sicherheit und damit auch die Gesundheit ihrer Beschäftigten ernst nehmen und sich darum kümmern. 

Personalmagazin: Wirkt sich die Neuausrichtung auch personell aus, gibt es neue Experten aus bisher unbesetzten Fachgebieten?  

Auhuber: Die grundlegende Struktur unserer Arbeitsschutzorganisation mit Ärzten, Fachkräften für Arbeitssicherheit, medizinischen Assistenzen und Gesundheitsmanagern haben wir im Wesentlichen beibehalten. Allerdings nimmt die Vielfalt an Berufsbildern in unserer Organisation zu. Es geht dabei nicht mehr nur um klassische Rollen wie den Gesundheitsmanager, Ärzte oder Fachkräfte für Arbeitssicherheit, sondern um zahlreiche weitere Berufsgruppen, die wir gezielt integrieren und mit spezifischen Themen betrauen. Diese Vielfalt kommt nicht nur unseren Mitarbeitern zugute, auch unsere Kunden profitieren von einer breiteren Expertise. So verändert sich auch unsere Dienstleistung hin zu einem ganzheitlicheren Ansatz. Wir verstehen uns weniger als Spezialanbieter, sondern legen Wert darauf, verschiedene Disziplinen miteinander zu verbinden. Bei Unternehmen, die bereits arbeitsmedizinisch und sicherheitstechnisch durch uns betreut werden, ergänzen wir fehlende Elemente des Gesundheitsmanagements gezielt. Ebenso achten wir darauf, dass Bereiche wie Arbeitsmedizin und Sicherheitstechnik stärker ineinandergreifen können. Dieses integrative Vorgehen sehen wir als einen Mehrwert für unsere Kundenbetreuung.

Technologische Entwicklungen im Gesundheitsschutz

Personalmagazin: BAD ist seit langer Zeit sehr etabliert am Markt. Wie kann man in einer stark traditionellen Struktur Innovationen fördern? 

Auhuber: Unser Unternehmen hat sich in den vergangenen 50 Jahren aus kleineren regionalen Einheiten zu einem großen Unternehmen entwickelt. Angesichts dieser historischen Entwicklung lohnt es sich natürlich immer, darüber nachzudenken, wie die Strukturen optimiert und wir insgesamt innovativer werden können. Es gilt, durch organisatorische Anpassungen Verbesserungen zu erzielen und bestimmte Themen institutionell stärker zu verankern. Ein Beispiel hierfür ist unser Innovation Hub. Dieser wurde gegründet, um einen Raum für Kooperationen mit Unternehmen zu schaffen und gleichzeitig Wissenstransfer in unser eigenes Haus zu ermöglichen. Im Rahmen von Co-Innovation oder unserer Open-Innovationsplattform beschäftigen wir uns gezielt mit zukunftsweisenden Themen. Dadurch können wir nicht nur schneller neue Produkte entwickeln und auf den Markt bringen, sondern profitieren auch von neuem Wissen, das wir gemeinsam weiterentwickeln.

Personalmagazin: Ein Blick in die Zukunft: Wie werden sich der Arbeitsschutz und Gesundheitsmanagement in den nächsten Jahren entwickeln?

Auhuber: In den nächsten fünf bis zehn Jahren sehe ich enorme Potenziale im Arbeitsschutz und Gesundheitsmanagement, vor allem durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. KI wird uns helfen, Prozesse effizienter zu gestalten und neue Möglichkeiten zu erschließen – etwa durch Sensorik, die Belastungen wie Heben oder Tragen besser erfasst, oder optische Systeme, die Arbeitswege sicherer machen. Besonders spannend finde ich Entwicklungen bei intelligenten Assistenzsystemen und Technologien für Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen. Hier gibt es noch viel ungenutztes Potenzial.

Automatisierung wird ebenfalls eine große Rolle spielen. Routineaufgaben wie Sehtests oder Bildschirmarbeitsplatz-Vorsorgen könnten künftig automatisiert werden. Das bedeutet nicht weniger Arbeit für Menschen, sondern mehr Zeit für beratende Tätigkeiten und einen unverstellten Blick auf komplexere Themen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Unterstützung kleiner Unternehmen: Wir brauchen einfache, bezahlbare Angebote, die praxisnah sind und nicht als Pflicht wahrgenommen werden. Neben technischen Innovationen müssen wir hier auch organisatorisch ansetzen.

Dass KI irgendwann Ärzte oder Sicherheitsfachkräfte komplett ersetzt – daran glaube ich nicht. Der Mensch bleibt zentral in diesen Prozessen; Technologie soll unterstützen, aber niemals alles übernehmen.


Dieser Beitrag ist erschienen in Personalmagazin 11/2025. Als Abonnent haben Sie Zugang zu diesem Beitrag und allen Artikeln dieser Ausgabe in unserem Digitalmagazin als Desktop-Applikation oder in der Personalmagazin-App.


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