23.01.2013 | Serie Kolumne Wirtschaftspsychologie

Mythos Körpersprache: Schein und Sein auseinander halten

Serienelemente
Prof. Dr. Uwe P. Kanning klärt in seiner monatlichen Kolumne über psychologische Fakten in der Personalarbeit auf.
Bild: Haufe Online Redaktion

So mancher Mythos geistert durch die Personalabteilungen - gerade wenn es um psychologisches Wissen geht. Professor Uwe P. Kanning klärt in seiner monatlichen Kolumne über die Fakten auf und gibt Tipps für die Praxis. Heute: Körpersprache und ihre (Fehl-)Interpretation.

Hat ein Geschäftspartner, der uns beim Smalltalk mit verschränkten Armen gegenüber steht, etwas zu verbergen? Lügt der Bewerber, der im Einstellungsinterview auf die Frage nach seinem sozialen Engagement dem Blick des Personalers ausweicht? Drückt ein Kollege unbewusst Distanz aus, wenn er sich im Gespräch zurücklehnt?

Will die Führungskraft dem neuen Mitarbeiter drohen, wenn sie – ohne es zu merken – Daumen und Zeigefinder beider Hände in Form einer Pistole übereinander legt? In welchem Verhältnis stehen eigentlich zwei Kollegen zueinander, die ihre Beine in Richtung auf den jeweils anderen übereinander schlagen?

Fragen über Fragen, auf die uns seit Jahrzehnten ganze Heerscharen selbsternannter Menschenkenner klare Antworten geben. Angesichts der überwältigenden Masse vermeintlicher Fachliteratur sollten eigentlich inzwischen all diese Fragen überzeugend beantwortet werden können.

Aber ein Blick in die Forschung bringt leider schnell Ernüchterung. Zurückhaltend ausgedrückt handelt es sich bei den Ratschlägen der vermeintlichen Experten um Hypothesen, die noch ihrer empirischen Überprüfung harren. Weniger freundlich formuliert sind es bloße Behauptungen, die als Wahrheiten geschäftstüchtig vermarktet werden.

Aus Sicht der Forschung stellt sich die Sachlage wie folgt dar:

- Die Körpersprache ist ein alltäglicher Bestandteil unserer Kommunikation. Jeder von uns setzt sie ein und jeder von uns interpretiert sie.

- Die Tatsache, dass wir in diesem Feld viel Erfahrung gesammelt haben, bedeutet nicht, dass wir die Körpersprache richtig deuten. Die Forschung zeigt vielmehr, dass wir Menschen nicht selten holzschnittartig verzerrt wahrnehmen: Brillenträger erscheinen beispielsweise intelligent, große breitschultrige Menschen als führungsstark, Personen mit gesenktem Blick als schüchtern, Menschen mit lebendiger Gestik als leistungsmotiviert.

- Die Deutung von Körpersprache ist jedoch nicht zwangsläufig falsch. Beispielsweise sind wir recht gut in der Lage, die Emotionen eines Menschen aus seinen Gesichtszügen abzulesen.

- Bezogen auf einzelne körpersprachliche Äußerungen, wie sie zum Beispiel eingangs in den Fragen beschrieben wurden, gibt es keinen abgesicherten Deutungscode.

- Und mit noch einem besonders hartnäckigen Mythos der Szene muss an dieser Stelle aufgeräumt werden: Körpersprache ist willentlich steuerbar und kann daher sehr wohl auch lügen. Jeder halbwegs begabte Schauspieler lebt uns dies ebenso vor wie Mitarbeiter, die erfolgreich ein Rhetoriktraining durchlaufen haben.

Anschein und Fakten trennen

In der Personalarbeit ist es wichtig, grundsätzlich zwei Perspektiven auseinanderzuhalten, nämlich Schein und Sein: Wir wissen einiges darüber, wie Körpersprache auf Menschen wirkt. Bestimmte körpersprachliche Äußerungen erzeugen einen Anschein davon, mit wem wir es zu tun haben, also ob jemand zum Beispiel vertrauenswürdig ist oder nicht. Dieses Wissen lässt sich in Rhetorik- oder Verkaufstrainings erlernen und in der Praxis zur Manipulation anderer Menschen einsetzen. Der Anschein sagt aber leider nichts Sicheres darüber aus, wie der Menschen tatsächlich ist.

In der Personaldiagnostik sind Deutung der Körpersprache daher allenfalls dann legitim, wenn man sie im Sinne des Anscheins interpretiert ("Der Bewerber wirkt auf uns so, als ob...") und diesen subjektiven Eindruck deutlich von der Realität  ("Der Bewerber ist so.") unterscheidet.

Von Trainings zur vermeintlich wahren Deutung der Körpersprache ist alles in allem abzuraten. Ebenso gut könnte man die Mitarbeiter auffordern, ganz einfach unreflektiert ihren stereotypen Alltagsdeutungen zu folgen. Das bringt diagnostisch zwar genau so wenig wie ein Training, kostet aber auch nichts.

Prof. Dr. phil. habil. Uwe P. Kanning ist seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Seine Schwerpunkte in Forschung und Praxis: Personaldiagnostik, Evaluation, Soziale Kompetenzen & Personalentwicklung.

Haben Sie Fragen oder Anregungen zu dieser Kolumne? Dann schreiben Sie an

personal-kolumne@haufe.de.

Schlagworte zum Thema:  Körpersprache, Personaldiagnostik, Personalauswahl, Psychologie, Wissenschaft, Forschung, Personalarbeit

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