Führen und Folgen sind die Grundlage gelingender Zusammenarbeit. Doch ihre Voraussetzungen unterliegen dem Wandel. Unser Kolumnist Randolf Jessl beleuchtet diesmal die Frage: Extroversion schlägt in Führungsfragen häufig Expertise, aber wie lange noch?

Wenn es um Führung geht, machen die Selbstbewussten, Lauten und Durchsetzungsstarken das Rennen. Das jedenfalls legen Studien wie die des britischen Sutton Trusts („A Winning Personality“, 2016) oder die Forschung von Timothy Judge von der University of Florida („Personality and Leadership: A Qualitative and Quantitative Review“, 2002) nahe. Das ist wenig verwunderlich, und zwar aus zwei Gründen: Extrovertierte bringen einige wertvolle Voraussetzungen fürs Führen mit – und sie erfüllen unsere Klischees von Führungspersönlichkeiten.

Zum ersten Grund: In den vergangenen Jahren hat sich ein transformationaler Führungsstil in umfangreicher Forschung als sehr effektiv herausgestellt. Und der profitiert von Eigenschaften, wie sie extrovertierte oder als charismatisch eingestufte Zeitgenossen häufig aufweisen. Diese Menschen verstehen es zu begeistern, mit Visionen zu inspirieren, Denkmuster aufzubrechen und Mitarbeiter individuell zu fördern.  

Das Bild vom Anführer ist geprägt vom Charismatiker

Zum zweiten Grund: Das Ideal der Führungspersönlichkeit – zumindest in der westlichen Welt – ist vom extrovertierten und charismatischen Anführer geprägt. Auch hierzu finden sich Belege. In einer Studie der Harvard Business Review gaben 65 Prozent der Senior Manager an, sie sähen Introversion eher als Hemmschuh für Führungsaufgaben. Auch sonst scheint es, als wäre mit den Präsentationsübungen in der Schule beginnend, über die Erfolge in sozialen Medien bis hin zu Karrieren am Arbeitsplatz alles darauf ausgerichtet, Selbstdarstellung und beherztes Auftreten zu fördern.

Darauf hat niemand mit mehr Nachdruck hingewiesen, als die US-amerikanische Anwältin Susan Cain. Ihr Buch „Still - Die Kraft der Introvertierten“ ist ein Bestseller, ihr Ted Talk zum selben Thema aus dem Jahre 2012 verzeichnet mittlerweile 7,8 Millionen Zugriffe.

Extraversion und Charisma können überwältigen

Doch Extraversion und Charisma haben ihre Schattenseiten. Eine Studie von Psychologen der Universität Ghent („The Double-Edged Sword of Leader Charisma“, 2018) zeigt, zu viel Charisma bei Führungspersönlichkeiten schadet – denn das führt häufig dazu, dass operative Fragen und ihre konsequente Umsetzung aus dem Blick geraten. Der deutsche Leadership-Forscher Jochen Menges der Judge Business School in Cambridge wiederum hat einen „Ehrfurchtseffekt“ ausgemacht, der dazu führt, dass Menschen im Umgang mit Charismatikern ihre kritische Distanz und Entschlossenheit einbüßen. Zudem hat Adam Grant von der University of Pennsylvania (Wharton School of Business) ermittelt, dass gerade Mitarbeiter, von denen Eigeninitiative gefordert ist, von introvertierten Chefs, die zuhören und ermutigen, mehr profitieren als von extrovertierten, die ihre Agenda durchsetzen.

Arbeitswelt von heute: kollaborativ und auf Augenhöhe

In einer Arbeitswelt, die zunehmend auf kreative Beiträge aller und auf Kollaboration angewiesen ist und deren klügste Köpfe auf Augenhöhe im Umgang miteinander pochen, dürfte dem reinrassigen Alpha-Tier daher die letzte Stunde geschlagen haben.

Doch wer geht dann in Führung? Schlägt jetzt die Stunde des Beta-Tiers, dieses in der Gruppendynamik nach Raoul Schindler ewigen Stellvertreters des Anführers? Einer Person und Rolle, die durch Expertise und Sachkenntnis dem Alpha-Tier die Führung absichert?

Dem könnte so sein. Ein Stück weit wenigstens.

Expertise gewinnt in der Innovationsgesellschaft an Bedeutung

Denn der Einfluss, den in Führungsfragen Expertise sichert und bewirkt, gerät zunehmend in den Blick von Forschern und Praktikern. Gerade in innovations- und wissensgetriebenen Unternehmen – und das sind viele – erweist sich Expertenmacht als die solidere Basis für Führungsaufgaben.

Die gründet vor allem auf überlegenem Wissen und mehr Erfahrung. Sie hat sich in der Forschung zum Beispiel des US-Organisationspsychologen Gary Yukl („Leadership in Organizations“) als besonders geeignet erwiesen, um „Commitment“ in einer Gruppe herzustellen. Die Untersuchungen von Amalia Goodall wiederum legen nahe, dass Unternehmen dann mehr Geschäftserfolg aufweisen, wenn sie von Entscheidern mit Expertenwissen geführt werden. Die Forscherin an der Cass Business School in London arbeitet auf dieser Grundlage bereits an einer „Theory of Expert Leadership“.

Führung, die Distanz und Debatten zulässt

Werden also Grübler, Denker und „Fachidioten“ zunehmend Führungsrollen übernehmen? Nein, denn die oben beschriebenen Vorzüge von transformationalen Führungspersönlichkeiten bleiben ja bestehen. Aber Experten können sich eher transformationale Verhaltensweisen aneignen als Visionäre fundierte Sachkenntnis und Erfahrung.

Dabei leisten gerade den eher stilleren Experten die neuen Medien – ganz entgegen der Klischees – gute Dienste: So können sie auf sich aufmerksam machen. Zwar kosten Veröffentlichungen und Auftritte Introvertierten ein Stück mehr Überwindung als Extrovertierten, worauf weist Susan Cain hinweist, die sich selber zu den Introvertierten zählt. Aber sie bieten Menschen, die verhaltener, dafür aber mit Substanz agieren, die Chance, die eigene Expertise unter Beweis zu stellen und sich darüber Anerkennung zu erwerben. 

Wer sich mit Social Media in Führung bringt, reduziert zudem ein Stück weit den Ehrfurchtseffekt. Darauf weist Jochen Menges hin. Denn gerade das geschriebene Wort in der Sachfrage erlaubt mehr kritische Distanz als der flammende Auftritt und mitreißende Visionen.

"Ambivertierte" mit Wissen, Erfahrung und Schaffenskraft

Der Führer der Zukunft, der auf Augenhöhe mit engagierten und klugen Mistreitern Erfolge erringt, wird daher ein Stück mehr Beta-Tier sein. Und er wird lernen, als „Ambivertierter“ – wie es Adam Grant nennt – die Vorzüge von Expertenmacht und stiller Gründlichkeit mit einer Prise Überzeugungskraft zu verbinden (und nicht anders herum). Die Möglichkeiten und Chancen, als kluger und einfallsreicher Kopf gesehen zu werden und darüber Gefolgschaft zu gewinnen, steigen.

Und das ironischerweise gerade dank der sozialen Kollaborationstools und Medien, die oft noch als reine Selbstdarstellungsplattformen missverstanden (und teils missbraucht) werden.

 

Randolf Jessl ist freier Journalist und Inhaber der Kommunikations- und Leadershipberatung Auctority. Er unterstützt Menschen in Organisationen und auf Märkten, dank ihres Wissens und ihrer Ideen in Führung zu gehen.

Schlagworte zum Thema:  Leadership, Führung