05.10.2016 | Serie Kolumne Recruiting

So geht eine gute Candidate Experience bei der Bewerbung

Serienelemente
Henner Knabenreich, Berater und Blogger, stellt Recruiting-Trends vor. Diesmal: Wie eine gute Candidate Experience im Bewerbungsprozess gelingt.
Bild: Haufe Online Redaktion

Verstörendes Employer Branding, ellenlanges Bewerbungsformular, eigenartige Kandidatenansprache: Manche Firmen vergraulen Kandidaten, statt sie zum Bewerben zu motivieren. Dabei kann eine gute Candidate Experience bei der Bewerbung so einfach sein, so Kolumnist Henner Knabenreich – und zeigt, wie.

In der letzten Kolumne schrieb ich darüber, dass das ein oder andere Unternehmen das Anschreiben abschaffen will, und entlarvte dies als Augenwischerei. Heute widmen wir uns mal dem Bewerbungsprozess.

Denn auch da liegt viel im Argen: Immer noch werden Bewerber mit umständlichen Anmeldeprozessen, seitenlangen oder sich aufhängenden Bewerbungsformularen gequält. Wenn sie sich denn quälen lassen. Viele Bewerber – insbesondere die, die sich ihres Marktwerts bewusst werden – lassen sich dies nämlich nicht bieten und bewerben sich woanders.

Dass diese Bewerber immer mehr werden, liegt wohl auch an der medialen Berichterstattung und Glorifizierung einer "Generation Y" beziehungsweise "Generation Z", die es so ja eigentlich gar nicht gibt (mehr zum Thema lesen Sie in Ausgabe 01/2013 der "Personal Quarterly). Während die einen dann wieder lautstark über den Fachkräftemangel jammern (und hier dann wiederum mediale Unterstützung bekommen), lachen sich die anderen ins Fäustchen.

Dass kein Foto gefordert wird, wird als Besonderheit aufgebauscht

Und was tun die Unternehmen? Siemens zum Beispiel verzichtet nun auf Fotos in der Bewerbung beziehungsweise im Lebenslauf. Während das dort als Besonderheit aufgebauscht wird, ist das eigentlich "dank" dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schon Standard.

Keins der Online-Bewerbungs-Systeme, dass ich kenne, verlangt explizit ein Foto. Womit wir auch schon beim Thema wären: die Online-Bewerbung. Haben Sie sich schon mal bei Siemens beworben? Bei Siemens benötigt es neun Schritte, bis die Bewerbung abgesendet wird (die Schritte, bis sie zum Job gefunden haben, werden jetzt mal großzügig außer Acht gelassen). Man kann die Bewerber verstehen, die keine Lust haben sich, dort zu bewerben. Siemens ist natürlich mitnichten (und Neffen) ein Einzelfall.

Ist es eine Ehre, sich bei großen Unternehmen bewerben zu dürfen?

Besonders krude ist es, wenn ein Unternehmen seinen Bewerbern verspricht, einen möglichst einfachen Bewerbungsprozess zu gestalten. Genau heißt es auf der Website: "Einen neuen Job zu bekommen, kann schwer sein – besonders, wenn Sie nicht wissen, was Sie erwartet, nachdem der Lebenslauf eingesandt wurde. Wir möchten den Prozess so einfach wie möglich gestalten."

Nun ist das ja mit dem einfachen Prozess auch so eine Sache. Der liegt nämlich im Auge des Betrachters und ist Auslegungssache. Und da SAP genau das gleiche System einsetzt, wie Siemens auch, haben Bewerber dort auch genau das gleiche Problem.

Klar, SAP möchte den Prozess so einfach wie möglich gestalten. Der gute Wille war da. Und das ist, was zählt! Schließlich ist es eine große Ehre sich bei Unternehmen wie Siemens oder SAP überhaupt bewerben zu dürfen. So zumindest scheinen diese Unternehmen zu denken. Dass Bewerber damit verprellt werden, scheint die Damen und Herren, die offenbar auf einem zu hohen Ross sitzen, nicht zu stören. Sie sind ja wer. Noch.

Alle Beiträge zum Thema "Recruiting" finden Sie auf dieser Themenseite.

Bewerbungsprozesse zum Davonlaufen

Was spricht dagegen, Bewerbern einen möglichst einfachen Bewerbungsprozess zu ermöglichen? Eine rhetorische Frage, klar. Nichts. Im Gegenteil. Mit einem einfachen Bewerbungsverfahren zahlen Sie positiv auf Ihre Candidate Experience ein. Und damit auf Ihre Arbeitgebermarke.

Millionen werden teilweise in sinnlose Employer-Branding-Kampagnen gesteckt, die dem Bewerber letztlich egal sind. Denn er möchte einfach Fakten übers Unternehmen und seine Kultur haben und nicht von verstörenden Kampagnen irritiert werden. Und diese Millionen verpuffen dann in Bewerbungsprozessen, die zum Davonlaufen sind.

Eine komfortable Bewerbung ist kein Hexenwerk

Es gibt diverse Studien, die die gute alte E-Mail als beliebteste Bewerbungsmethode benennen. Wenn Sie Angst vor einer E-Mail-Flut haben, sollten Sie vielleicht einfach ein E-Recruiting-System einsetzen, was diese E-Mails automatisch diesem zuführt. Und wenn Sie auf Bewerbungsformulare setzen: Was spricht dagegen, diese möglichst einfach zu gestalten? Kontaktdaten eingeben und Bewerbung hochladen lassen, fertig.

Moderne Systeme ziehen sich dank CV-Parsing (was so neu auch nicht ist, doch viele Personaler sträuben sich immer noch gegen) dann die Daten aus den Lebensläufen und speisen sie automatisiert ins System. Ganz zu schweigen von einer Bewerbung via Xing oder Linkedin: Hier werden die Daten aus dem jeweiligen Profil gezogen und dem Recruiter zur Verfügung gestellt.

Eine komfortable Bewerbung ist kein Hexenwerk. Und der Bewerber wird’s Ihnen danken.


Henner Knabenreich ist Geschäftsführer der Knabenreich Consult GmbH. Er berät Unternehmen bei der Optimierung ihres Arbeitgeberauftritts. Zudem ist er Initiator von personalblogger.net und betreibt den Blog personalmarketing2null.de.

Termintipp: Am 18. Oktober veranstaltet Knabenreich die Personaler-Netzwerk-Party "HR Night", die das Personalmagazin als Medienpartner unterstützt, in der Kölner "Wolkenburg". Mehr zur Veranstaltung lesen Sie hier.

Schlagworte zum Thema:  Recruiting, Personalmarketing, Employer Branding, Candidate Experience, Bewerbung, Rekrutierung

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