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| Führung

Es braucht keinen Superman als Chef

Führungsexperte jörg Rumpf von der Hay Group setzt auf altrozentrische Führung.
Bild: Hay Group

Seit dem Rücktritt von Philipp Lahm macht sich Fußball-Deutschland Sorgen um den Nachfolger. Führungsexperte Jörg Rumpf stellt aber fest: Das Team braucht keinen klassischen Leader, da es traditionelle Führungsmuster durchbrochen hat. Was Firmen für ihre Führung davon lernen können.

Haufe Online Redaktion: Auf den Nachfolger von Lahm werden große Hoffnungen gesetzt. Wie wichtig ist ein guter Leader heute noch für ein Team?

Jörg Rumpf: Ein guter Leader ist auch heute sehr wichtig für ein Team – aber die Anforderungen haben sich geändert. Die nachwachsenden Generationen verlangen nicht mehr den allwissenden Führer, der eigentlich alles am besten selbst machen würde und seine Mitarbeiter nur hat, weil er nicht alles allein schaffen kann. Das kann heute nicht mehr funktionieren. Die deutsche Elf spiegelt die Entwicklung in der Gesellschaft mit Migrationshintergründen und gelebter Vielfalt. Eine integrative Führungsfigur kann da sehr stark zum Erfolg beitragen. Auch wenn dies aus der Ferne immer nur eine Einschätzung sein kann: Philipp Lahm war nicht der klassische Führer, sondern dem Teamerfolg verschrieben.

Haufe Online Redaktion: Sind traditionelle Führungsmuster also überholt?

Rumpf: Die Zeit der Alpha-Tiere in der Führungsrolle ist definitiv vorbei, auch wenn vielleicht in dem einen oder anderen Biotop ein paar Exemplare noch einige Zeit erfolgreich unterwegs sein können. Wir brauchen Führungskräfte, die es verstehen Werte zu vermitteln, Vielfalt zu erkennen und das Team auf das gemeinsame Ziel auszurichten. Nehmen Sie die Nationalmannschaft: Der ganze Kader besteht doch aus hervorragenden Einzelspielern mit einem hohen Marktwert. Einzeln betrachtet, könnte der einzelne Spieler vom Pech des anderen profitieren, seinen persönlichen Marktwert steigern. Wie kriegt man sie dazu, sich einem Teamgedanken unterzuordnen? Natürlich ist da der Mannschaftskapitän nicht der einzige, Trainer und Betreuerstab müssen mitziehen – aber dieser außerordentliche Teamgeist der deutschen Mannschaft ist einem neuen Führungsstil zu verdanken. Alle waren auf das gemeinsame Ziel ausgerichtet, das keiner allein, sondern nur dieses Team gemeinsam zu erreichen in der Lage war. Sogar diejenigen Kadermitglieder, die keine Minute im Spieleinsatz waren, fühlen sich als Weltmeister – und jeder gesteht ihnen das auch zu. Das hätte klassische, hierarchische Führung niemals vermocht.

Haufe Online-Redaktion: Wie sieht moderne Führung aus?

Rumpf: Traditionelle Führung war von Egozentrik geprägt. Auch wenn die Führungskraft selbst das ideologisch verbrämte, in Wahrheit drehte sich alles um die Person der Führungskraft. Sie hatte das Wissen und die Macht und fühlte sich als der einzige Erfolgsgarant, dem alle folgen mussten. Wir haben den Begriff der „altrozentrischen Führung“ als Gegenbild eingeführt: Nicht der Chef, sondern das Team steht im Mittelpunkt.

Haufe Online-Redaktion: Welche Kompetenzen muss eine altrozentrische Führungskraft mitbringen?

Rumpf: Ein altrozentrischer Vorgesetzter muss flexibel und anpassungsfähig sein, er oder sie muss herausragende Fähigkeiten zur Zusammenarbeit besitzen, konzeptionell und strategisch denken. Er muss zunehmend heterogene und unabhängige Teams führen können sowie neue Wege finden, um Loyalität zu schaffen. Dafür muss diese Führungskraft über Integrität und intellektuelle Offenheit verfügen. Der klassische Begriff des Stakeholder Managements passt hier ganz gut – nur sind hier die unterschiedlichen Stakeholder, die es zu managen gilt, schon im eigenen Team zu finden. Und so können auch im Team bereits die potentiellen Nachfolger für die Führungsrolle heranwachsen.

Haufe Online-Redaktion: Inwiefern lässt sich dieser Führungsstil in der Unternehmensrealität tatsächlich umsetzen?

Rumpf: Wie in jedem sozialen Gefüge lassen sich Insellösungen nur begrenzt realisieren. Damit will ich sagen, dass altrozentrische Führung schon auf der obersten Unternehmensebene beginnen muss. Auch Philipp Lahm hätte nicht seinen Führungsstil so gestalten können, wenn nicht das „Gesamtunternehmen Nationalmannschaft“ seit Jürgen Klinsmann und Joachim Löw sich völlig gewandelt hätte. Unternehmen sehen sich heute vielfältigen Megatrends ausgesetzt. Die nächste Stufe der Globalisierung, die Digitalisierung unseres Lebens, der technologische Wandel und nicht zuletzt der Klimawandel stellen sie vor völlig neue Herausforderungen. Unternehmensführungen, die dies nicht erkennen und die Neuorientierung in der Führung nicht rechtzeitig einleiten, werden von diesen Megatrends überrollt werden. Da rettet auch kein Superman – im Gegenteil, er würde nur im Wege stehen.

Jörg Rumpf ist Vice President Leadership Transformation der Hay Group in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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