17.08.2016 | Serie Kolumne Wirtschaftspsychologie

Wie Sie garantiert nicht erfolgreich werden - Teil I

Serienelemente
Prof. Dr. Uwe P. Kanning klärt in seiner monatlichen Kolumne über psychologische Fakten in der Personalarbeit auf.
Bild: Haufe Online Redaktion

So mancher Mythos geistert durch die Personalabteilungen - gerade wenn es um psychologisches Wissen geht. Professor Uwe P. Kanning klärt in seiner Kolumne über die Fakten auf. Heute geht es um den Prototypen des unseriösen Coachs und den Verkauf von Illusionen.

Sie haben den Eindruck, die meisten Mitarbeiter Ihres Unternehmens könnten eigentlich deutlich mehr leisten? Viel zu viele stoffwechseln einfach nur so vor sich hin und interessieren sich mehr für den Speiseplan der Kantine als für Produktivität und Kundenservice? Die Führungskräfte schreiten nicht ein, ja schlimmer noch, sie sind selbst ohne inneren Antrieb? Und wie sieht es bei Ihnen aus? Haben auch Sie schon aufgegeben? Wollen Sie nicht alle Potentiale, die in Ihnen stecken, aktivieren und endlich durchstarten? Oder besser noch: Sie haben gar keine Potentiale und wollen dennoch erfolgreich werden? Dann sind sie bei Motivations- und Erfolgsgurus genau an der richtigen Stelle.

Erfolgsgurus: Die Jahrmarktgaukler der Leistungsgesellschaft

Motivations- und Erfolgsgurus sind so etwas wie die Jahrmarktgaukler unserer Leistungsgesellschaft. Für jeden zahlenden Kunden haben sie etwas im Gepäck und geben sich dabei edel, selbstlos und gut. All jene, die mühselig und beladen sind, sich ausgebremst fühlen und nicht mit dem goldenen Löffel im Munde geboren wurden, finden hier Labsal, Beistand und guten Rat. Die Botschaft der Gurus ist so verführerisch, dass sie sich heute ebenso leicht verkaufen lässt wie vor fünfhundert Jahren eine Tinktur gegen das Altern oder ein Kräutlein gegen den Teufel: Ein jeder kann erfolgreich sein, wenn er es nur will und ein paar einfache Psychotricks beherzigt. Alles, was man hierzu benötigt, ist ein wenig Geld für die richtige Fachlektüre, eine DVD oder besser noch ein Power-Seminar beim Meister des Erfolgs.

Woran man Motivations- und Erfolgsgurus erkennen kann

Die prominentesten Methoden werden wir uns in einer späteren Kolumne noch zu Gemüte führen. Schauen wir erst einmal darauf, was einen klassischen Motivations- und Erfolgsguru auszeichnet.

1. Er kommt aus dem Nichts

Wer als Erfolgsguru glaubwürdig sein will, der stilisiert seinen Lebenslauf nach dem Vorbild „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Wer quasi aus dem Nichts kommt und es dennoch zum vermeintlichen Bestsellerautor gebracht hat, wirkt umso überzeugender. Viele erfolgreiche Gurus kommen aus bildungsfernen Schichten, was man ihnen sofort glaubt, wenn man ihre Bücher liest. Jedenfalls muss man nichts Einschlägiges gelernt haben, um hier als Experte zu gelten. In der HR-Szene wundert sich ohnehin niemand darüber, wenn Physiker als Managementberater auftreten oder katholische Ordensleute zu Führungsexperten mutieren.

2. Er ist der typische Vertriebler

Eine besonders gute Basis für das Geschäft des Gurus scheinen vertriebsnahe Berufe zu sein. Die prominentesten Vertreter der Szene waren beispielsweise Versicherungsvertreter oder Einzelhändler. Im Grunde genommen haben sie nie die Branche gewechselt, sondern nur die Produkte. Früher hat man der Oma im Rollstuhl die Reiserücktrittsversicherung schmackhaft gemacht, heute verkauft man Illusionen.

3. Er inszeniert eine Lebenskrise

Wer besonders glaubwürdig sein will, kreiert eine dramatische Lebenskrise anhand derer er den Leichtgläubigen zeigen kann, wie man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Da streckt den Meister dann schon mal eine Krankheit nieder, die ihn an die Grenze des Schattenreichs führt. Die Ärzte haben ihn aufgegeben und in der Ferne imaginiert er bereits das sanfte Spiel einer Harfe im gleißenden Licht. Die meisten von uns hätten sich nun ganz einfach in ihr Schicksal ergeben. Doch nicht so der Messias des Erfolgs. Er packt das Leben bei den Hörnern und wird allein durch bloße Willenskraft wieder gesund – Halleluja, ein Wunder ist geschehen! Wem so viel Theatralik peinlich ist, versucht es eben ein paar Nummern kleiner: Als Leistungssportler erlitt man kurz vor der Qualifikation eine schlimme Zerrung. Jeder andere hätte nun aufgegeben, der Meister aber hat unbeirrt an sich geglaubt, ein wenig Autosuggestion betrieben und siehe da, ein halbes Jahr später stand er auf dem Treppchen – auch nicht schlecht!

4. Er strahlt den Erfolg förmlich aus

Natürlich muss der Guru selbst Erfolg ausstrahlen. Wer glaubt schon einem Vermögensberater, der im VW-Jetta vorfährt? Aber Vorsicht, hier hat sich inzwischen einiges getan. Während der Erfolgsguru vor zehn Jahren ganz selbstverständlich mit gefärbten Haaren, gebräunter Haut und Maßanzug im Ferrari daherkam, differenziert sich die Szene je nach Kundensegment, das man bedienen möchte, inzwischen deutlich aus. Die First-Class-Gurus, die sich über das Top-Management hermachen, dürfen nach wie vor genau so auftreten. Wer mit Mittelständlern aus dem produzierenden Bereich zu tun hat, lässt heute besser mal die Krawatte weg. Und dann gibt es da noch das Modell „Kumpel von nebenan“, der seine Brötchen in der Aula der städtischen Gesamtschule verdient. Er muss auch mit 40 immer noch Baseball-Cap und T-Shirt tragen.

5. Er ist ein Entertainer

Die Weisheiten, die der Guru zum Besten gibt, kann er sich heute kaum noch selbst neu ausdenken, weil so ziemlich jede verrückte Idee schon irgendwo aufgeschrieben wurde. Das ist aber auch nicht schlimm, da der Inhalt ohnehin weniger wichtig ist als die Verpackung. Wer als Erfolgstrainer überzeugen will, der darf vor allem eines nicht – langweilen. Die Stars der Szene manchen es vor, sie sind wahre Entertainer: Da wird zusammen getanzt und gesungen. Man steigt auf die Stühle und greift mit beiden Händen nach dem Erfolg im Himmel und wenn es besonders hart kommt, läuft die ganze Mannschaft zum Schluss noch über ein Scherbenfeld oder glühende Kohlen.

Zweifel unerwünscht

Der Motivations- und Erfolgsguru hat es in die erste Liga geschafft, wenn er als Person so überzeugend ist, dass niemand mehr wagt, seine Methoden in Zweifel zu ziehen. Seine Methoden sind deshalb richtig, weil es seine Methoden sind. Mit Moses hat ja schließlich auch niemand diskutiert, ob man das eine oder andere Gebot nicht noch ein wenig hätte umschreiben können.  


Prof. Dr. phil. habil. Uwe P. Kanning ist seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Seine Schwerpunkte in Forschung und Praxis: Personaldiagnostik, Evaluation, Soziale Kompetenzen und Personalentwicklung.

Schlagworte zum Thema:  Erfolg, Psychologie, Management, Coaching, Trainer, Wissenschaft, Forschung, Personalarbeit

Aktuell

Meistgelesen