VNW-Arbeitstagung

So kann der Hamburg-Standard gelingen


VNW-Arbeitstagung: So kann der Hamburg-Standard gelingen

Baukosten um ein Drittel senken? Zum Auftakt der VNW-Arbeitstagung diskutierten Wohnungswirtschaft und Politik, wie das mit dem Hamburg-Standard gelingen kann. Verbandsdirektor Andreas Breitner setzte zudem ein Zeichen gegen Hass und Hetze.

Schallschutz auf dem Balkon? Braucht kaum jemand. Innenliegende Flure mit Fußbodenheizung? Meist überflüssig.

Der Hamburg-Standard soll die Baukosten um bis zu ein Drittel drücken. Zum Auftakt der zweitägigen Arbeitstagung des Verbands Norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) am 22.9.2025 in Lübeck stand wieder eines der zentralen Themen der Branche auf der Agenda: Wie lässt sich kostengünstig bauen – und damit Wohnen bezahlbar machen?

Hamburgs Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein (SPD) stellte in diesem Kontext die "Initiative kostenreduziertes Bauen" vor. Mehr als 200 Fachleute – darunter Experten aus der Wohnungswirtschaft, Architekten und Mitarbeiter von Bau- und Planungsbehörden – suchten in Hamburg ein Jahr lang nach Einsparpotenzialen und Möglichkeiten Prozesse zu optimieren.

Gleicher Schallschutz trotz dünnerer Innenwände

"Wir sind jetzt dabei den Hamburg-Standard in die Anwendung zu bringen", berichtete Pein. Neben dem Pilotquartier im Wilhelmsburger Rathausviertel laufen in allen sieben Bezirken der Hansestadt bereits mindestens ein, oft sogar zwei Modellprojekte. Worauf es dabei ankomme? Dass sich alle Beteiligten "permanent selbst überprüfen, an welcher Stelle sie ein Bauvorhaben behindern", so Pein. Mit dem neuen Konzept wolle Hamburg nicht nur schneller und kostengünstiger bauen, sondern auch zu einer bundesweiten Regelung beitragen.

"Als Bundesverband haben wir ein besonderes Interesse an der Entwicklung des Hamburg-Standards für die Teile die übertragbar sind auf andere Bundesländer", ergänzte Ingeborg Esser, Hauptgeschäftsführerin beim Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW. Interessant seien vor allem Einsparpotenziale im Bereich der DIN-Normen oder beim Grundrissmix. Esser verwies auch auf das Thema Rechtssicherheit, wenn von bislang üblichen Standards abgewichen werde. "Wir würden uns wünschen, dass wir für das Mietrecht hier eine Klarstellung im BGB bekommen", forderte sie.

Auch VNW-Direktor Andreas Breitner zeigte sich überzeugt vom Hamburg-Standard. Er lobte vor allem dessen Detailtreue und die hohe Komplexität: Kein Baustein sei zu klein, um nicht genau unter die Lupe genommen zu werden. Erste Projekte zeigten, dass Einsparungen nicht zwangsläufig zulasten der Qualität gehen. So habe etwa die Baugenossenschaft Fluwog-Nordmark eG im Hamburger Stadtteil Niendorf ein Projekt realisiert, bei dem trotz dünnerer Innenwände der Schallschutz unverändert geblieben sei.

Fast Lane für den Wohnungsbau 

Mit der Frage, wie Bauen beschleunigt und Wohnen bezahlbar werden kann, beschäftigte sich auch GdW-Präsident Axel Gedaschko. Er kritisierte, dass der geplante Bauturbo nur einen Teil des Problems löse. Viele Einzelthemen, die einem Bauvorhaben immer wieder entgegengehalten würden, könnten parallel zugunsten schnellerer und rechtssicherer Genehmigungen zurückgeschraubt werden.

Gedaschko forderte einen Abwägungsvorrang, eine "Fast Lane" des Wohnens. Bauämtern würde so der Rücken gestärkt und den Bauantragstellern auch. Für alle möglichen Dinge habe der Bundestag schon einen solchen Abwägungsvorrang beschlossen. Für Windräder, für PV-Anlagen und gerade jüngst für den Ausbau der Glasfaserinfrastruktur. Nur nicht für den Wohnungsmarkt. "Ist das Menschenrecht auf Wohnen  weniger Wert als schnelles Internet oder eine PV-Anlage?", fragte Gedaschko abschließend in seinem Vortrag zur Wohnungspolitik.

Um die aktuelle Wirtschaftspolitik ging es im Vortrag von Prof. Jens Südekum von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Der Ökonom analysierte, wie Deutschlands Wirtschaft wieder zukunftsfähig werden kann. Ergänzend brachte Andrew B. Denison, Politikwissenschaftler und USA-Experte, eine außenpolitische Perspektive ein und sprach über transatlantische Turbulenzen in der Ära Donald Trump.

VNW-Direktor Breitner wollte eigentlich nicht nochmal auf die Bühne. Doch bevor Dunja Hayali am Nachmittag als letzte Rednerin das Podium betrat, ließ er es sich nicht nehmen, sie persönlich anzukündigen. Der VNW hatte die ZDF-Journalistin eingeladen, um im Rahmen der Arbeitstagung über Populismus in Politik und Medien zu sprechen. Nach ihrer Berichterstattung über das Attentat auf Charlie Kirk ist Hayali wiederholt Morddrohungen und Hassnachrichten ausgesetzt.

In Zeiten zunehmender Aggressivität im öffentlichen Diskurs setzte Breitner ein deutliches Zeichen gegen Hass und Hetze und hob ein weiteres zentrales Anliegen der Branche hervor: Soziale Vermieter stünden nicht nur für bezahlbares Wohnen, betonte er, sondern auch für eine freie und solidarische Gesellschaft. In den Quartieren lebten Menschen aus mehr als hundert Nationen zusammen – friedlich, wenn auch nicht spannungsfrei. Rassismus und Ausgrenzung hätten dort keinen Platz.


Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft , Wohnungspolitik
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