Libra – eine Abwägung von Chancen und Risiken

Der politische Druck auf die „Libra“ und die „Libra-Association“ wächst. Neue Hürden werden aufgebaut und führen zu Rücktritten aus der Unternehmensvereinigung, da ursprüngliche wirtschaftliche Ziele in Gefahr geraten.

Vorteile von Stable Coins durch geringe Schwankungsintensität

Die Bundesbank geht in ihrem Monatsbericht für Juli 2019 sehr umfassend auf die technischen Möglichkeiten der Blockchain für das gesamte Finanzgewerbe ein. Dabei schildert sie beispielsweise die Opportunitäten für Finanztransaktionen und die Wertpapierabwicklung. Überdies werden einige beispielhafte digitale Währungen sowie die zugrundeliegenden Technologien beschrieben. Dem aufmerksamen Leser wird dabei schnell klar, dass die deutsche Kapitalmarktaufsicht mit diesem Bericht quasi Neuland beschreitet und – entgegen zahlreicher internationaler, deutlich kritischerer Stimmen – eben auch die Vorzüge und Chancen schildert, die sich durch ausgewählte Token und insbesondere die Blockchain-Technologie ergeben können. Gerade sogenannte Stable Coins, die sich durch eine deutlich geringere Schwankungsintensität – im Vergleich zu Bitcoin, Ethereum, Ripple und Co. – auszeichnen, werden positiv akzentuiert, da sie sich beispielsweise für schnelle und kostengünstige Transaktionsabwicklungen eignen.

Unternehmenskonsortien wollen sich vom Banksystem abkoppeln

Das bekannteste Unterfangen zur Entwicklung und Markteinführung eines Stable Coins trägt den Namen „Libra“ und wird, unter Federführung des US-amerikanischen Netzwerkunternehmens Facebook, von einem namhaften Verbund von Großkonzernen begleitet. Bei Gründung der Initiative zur Auflage der „Libra“ am 15. Oktober 2019 umfasste die „Libra-Association“ ursprünglich 21 Unternehmen, die Sie hier einsehen können - Libra Association Charter Press Release.

Zu den weiteren Mitgliedern des mittlerweile deutlich angewachsenen Unternehmensverbundes zählten zwischenzeitlich unter anderem auch namhafte Konzerne wie Mastercard, Visa, PayPal und eBay, die sich mittlerweile jedoch wieder aus der Vereinigung zurückgezogen haben.  All diese Unternehmen verfolgten ursprünglich eigene Interessen, um Finanztransaktionen – beispielsweise für die Bezahlung der eigenen Dienstleistungen im Internet – kostengünstig und schnell abwickeln zu können und dazu ein eigenständiges Zahlungsnetzwerk zu initiieren.

Die internationale Bedeutung solcher Vorhaben für den globalen Kapitalmarkt und die Finanzbranche sind schnell hergeleitet und werden nicht nur von der Bundesbank, sondern auch von vielen weiteren Kapitalmarktaufsichtsbehörden und Politikern, mit scheinbar unterschiedlichen Einschätzungen, beobachtet, denn eine Abkehr dieser global Player vom etablierten Bankensystem birgt zugleich Chancen und Risiken.

Bundesbank agiert diplomatischer als andere Regulierungsbehörden

Die Bundesbank äußert sich bisher eher diplomatisch bzw. mit mehr Weitblick als zahlreiche ihrer Pendants und beobachtet die derzeitigen Entwicklungen, laut eigener Aussage, sehr aufmerksam, jedoch mit positiver Grundeinschätzung. Da die Blockchain-Technologie nicht zwangsläufig mit der Emission einer Kryptowährung einhergehen muss, sondern auch davon losgelöst existieren kann, ist es nachvollziehbar, dass der Fokus der Bundesbank nicht zwangsläufig auf diversen Token, sondern vielmehr auf der Blockchain und deren Nutzungsmöglichkeiten liegt. Zentraler Aspekt einer jeden (technischen) Weiterentwicklung von Zahlungssystemen oder Ähnlichem muss jedoch immer die Sicherung der Effizienz und Funktionsfähigkeit des Zahlungsverkehrs sowie der Geldwert- und Finanzmarktstabilität sein.

Details bei der Ausgestaltung eines Stable Coins sind entscheidend, um Risiken zu beherrschen

Sogenannte Stable Coins weisen in der Regel eine Art Besicherung auf und sind an eine einzelne Währung bzw. einen Währungskorb oder anderweitige Assets gekoppelt. Diese Sicherheit soll die Schwankungsintensität im Vergleich zu anderen Kryptowährungen verringern. Der Gegenwert eines Stable Coins wird demnach vom Initiator in den besichernden Assets angelegt, ohne jedoch eine rechtsverbindliche Rücktauschverpflichtung einzugehen – was jedoch wiederum ein Risiko der Nutzer zur Folge hat. Die Art der Ausgestaltung der Sicherungsleistungen sowie die ausbleibende Zusage, die Assets wieder in die ursprüngliche (Krypto-)Währung zu transferieren, bringen zudem weitere Risiken mit sich, die zu einer grundsätzlichen Verfehlung der ursprünglichen Ziele eines Stable Coins – nämlich eben der sicheren Anlage in einer digitalen Währung –  führen können. Stable Coins können demnach sehr unterschiedlich aufgebaut sein und Anwender oder Interessenten sollten sich genau über die Art der Besicherung informieren, um die daraus entstehenden Chancen und Risiken beurteilen zu können.

Besonderes Potenzial in Entwicklungsländern

Genau diese individuellen Ausprägungsmerkmale von (Stable) Coins und deren Komplexität bewirken eine stark eingeschränkte Aussagekraft über zukünftige, potenzielle Anwendungsmöglichkeiten. In Entwicklungsländern sind die Potenziale eindeutig größer, als in wirtschaftlich hochentwickelten Regionen. In unterentwickelten Gebieten sind Mobiltelefone und der Zugang zum Internet teilweise stärker verbreitet als Privatkonten und somit bieten digitale Währungen in solchen Regionen den Zugang zu Geldfunktionen, wie beispielsweise der Wertaufbewahrung oder der eines Tauschmittels, die den Einwohnern dort sonst vorenthalten blieben, da kein Zugang zu (Zentral-)Banksystemen besteht. Letztendlich hängt die Akzeptanz eines jeden digitalen Stable Coins von seinem initiierenden Konsortium, dessen Vertrauenswürdigkeit sowie den (wirtschaftlichen) Interessen und den Ausgestaltungsmerkmalen ab.

Digitale vs. traditionelle Geschäftsmodelle

Insbesondere aufgrund ihrer „Association“ ist die „Libra“ auf internationaler Ebene, jedoch insbesondere in den USA, zunehmender Kritik ausgesetzt. Die Zielsetzung der „Libra“, die mit den Interessen von Facebook und den weiteren Mitgliedern der „Association“ einhergeht, liegt in einem digitalen Zahlungsnetzwerk, das insbesondere in sozialen Netzwerken Anwendung finden soll. Da hinter der „Libra“ im Gegensatz zu vielen anderweitigen Kryptowährungen eben internationale Großkonzerne stehen, besteht zumindest die Möglichkeit, dass außenstehende Unternehmen, die traditionelle Geschäftszwecke verfolgen, in Bedrängnis geraten. Gleiches gilt für Finanzkonzerne, die ihre Geschäftsmodelle nicht im digitalen, sondern im traditionellen Finanzsystem etabliert haben und nicht Teil der „Libra-Association“ sind. Genau diese Entwicklungsmöglichkeiten lassen Politiker und Währungshüter aufhorchen und den Beitrag der Bundesbank in einem besonderen Kontext erscheinen.

Kritik des US-Senats sowie des Kongresses an den Plänen von Facebook nimmt zu

Hinsichtlich der „Libra“ ist der „Libra-Association“ eine Transaktionshoheit bei der Validierung von Zahlungsvorgängen oder Anpassungen von Codes in der Blockchain vorbehalten. Dieser Aspekt sowie die Bekanntheit der Mitgliedsunternehmen bewirkt eine gewisse Angreifbarkeit und löst zahlreiche Diskussionen aus, die sogar in Forderungen des Verbots der „Libra“ münden.

Die Bedenken führten soweit, dass sowohl Libra-Chef David Marcus als auch der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Facebook, Marc Zuckerberg, vom US-Senat bzw. dem Kongress einbestellt wurden, um dort zu zahlreichen kritischen Fragen Stellung zu beziehen.  Insbesondere Zuckerberg argumentierte, dass ein US-Unternehmen einem chinesischen Konkurrenten vorzuziehen sei, um eine derartige Planung umzusetzen, denn damit könne die global führende Position der USA im Finanzsystem sowie die Bedeutung des US-Dollar weiter erhalten bzw. gestärkt werden.

Die Abgeordneten forderten jedoch, die Digitalwährung nicht einzuführen und die Pläne von Facebook wurden gar als „verrückt“ bezeichnet. Insbesondere die bisherigen Datenschutzskandale, die Facebook bereits ereilten, würden schließlich belegen, dass dieses Unternehmen nicht geeignet sei, ein (digitales) Währungsmonopol zu beherrschen. Diesbezüglich könnte die Stärkung der US-amerikanischen Rolle im globalen Finanzsystem, ausgerechnet durch das skandalbehaftete Facebook, ein klassisches Eigentor von Zuckerberg gewesen sein.

Bundesregierung äußert sich kritischer als Bundesbank

Aus Deutschland äußerte sich u.a. Bundesfinanzminister Olaf Scholz deutlich kritischer als die Bundesbank, da die „Libra“ den Euro und die Währungsregion in Gefahr bringen könne. Facebook verkündete bereits diplomatisch, die „Libra“ erst einzuführen, wenn sämtliche regulatorische Bedenken beigelegt seien.

Doch eben diese rechtlichen bzw. politischen Bedenken gegen die „Libra“ können als Gründe für den Austritt der bereits genannten Unternehmen aus der „Libra-Association“ interpretiert werden. Die ursprünglich gegründete Unternehmensvereinigung scheint demnach kein einheitliches Ziel mehr zu verfolgen und – zumindest teilweise – an der Möglichkeit, der tatsächlichen Einführung der „Libra“, zu zweifeln. Es bleibt der Eindruck, dass die ausgeschiedenen Mitgliedsunternehmen die Umsetzung ihrer wirtschaftlichen Interessen nicht mehr gewahrt sehen.

Makroökonomische Effekte durch Stable Coins

Ob oder wann Facebook & Co. die „Libra“ oder einen anderweitigen Stable Coin erstmalig für digitale Zahlungsvorgänge anbieten und wie sich deren Akzeptanz entwickelt, bleibt abzuwarten und muss immer stärker in Frage gestellt werden. Facebook und die angeschlossenen Unternehmen werden ihre Planung gänzlich neu fassen müssen, um den Auflagen zu entsprechen. Schließlich waren es die Herren Marcus und Zuckerberg, die aufrichtig bekundeten, die Umsetzung erst zu vollenden, wenn alle Bedenken beigelegt sind. Doch den Widerstand zu überwinden, erscheint immer herausfordernder, denn mittlerweile existieren in den USA Gesetzesvorlagen, die folgendes besagen: Stable Coins, die mit Wertpapieren, Fiat- oder anderen Kryptowährungen (die wiederum mittels anderer Fiat-Währungen hinterlegt sind) besichert sind, werden wie Wertpapiere reguliert und beaufsichtigt. Dieser Ansatz resultiert aus den grundsätzlichen Bedenken einer Verunsicherung der Finanzstabilität bzw. unbeabsichtigter makroökonomischer Effekte, die sich von einer derartigen Kryptowährung auf das analoge Geld- und Finanzsystem ausbreiten könnten. Das bisherige Währungsmonopol könnte somit ins Ungleichgewicht geraten, wenn zahlreiche Anwender eines Stable Coins diese schnell oder zeitgleich veräußern und somit eine Abwärtsspirale der Kurse bzw. der den Bewertungen zugrundeliegenden Sicherheiten auslösen, da diese ebenfalls schnellstmöglich verwertet werden müssten.

Grundgedanke der Dezentralität einer Kryptowährung

Die Gründung einer digitalen Währung – sei sie noch so sicher – durch ein Unternehmenskonsortium mit ausschließlich eigenen wirtschaftlichen Interessen und dessen Vorbehalt des Transaktionsmonopols, erscheint derzeit zumindest schwer vorstellbar. Der Grundgedanke von Kryptowährungen beruht auf der Dezentralität, welche mit der Verfolgung solch wirtschaftlicher Ziele einer oder mehrerer zentraler Instanzen konterkariert wird.


Diese Informationen könnten Sie auch interessieren:

Weshalb die Aktionärsquote in Deutschland dermaßen gering ist – Teil 1

Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Finance