Das Hamburger Start-up ValueGrain betreibt Kreislaufwirtschaft wie aus dem Bilderbuch: Wo Bier gebraut wird, fällt Treber an, also ein Getreidebrei aus Gerste und Wasser. Und zwar in großen Mengen. Laut Tim Gräsing, Mitgründer und Geschäftsführer von ValueGrain, sind es weltweit insgesamt 40 Millionen Tonnen pro Jahr. In großen Brauereien können mehr als 30 Tonnen Treber pro Stunde entstehen – die irgendwohin müssen.
Steckbrief Gründer: Tim Gräsing und Janosch Thomsen |
Seit Jahrhunderten machen sich Menschen Gedanken darüber, wie sich der Treber sinnvoll weiterverwenden lässt. Klosterbrauereien zum Beispiel haben ihn traditionell zum Brotbacken verwendet, kleinere ländliche Brauereien geben den Treber an landwirtschaftliche Betriebe ab, die ihn wahlweise verfüttern oder in Biogasanlagen füllen. Gerade städtische Brauereien aber entsorgen ihren Bier-Treber meist über die Stadtwerke und zahlen dafür Geld. Aktuell gibt es einige Ideen, was sich aus dem nährstoffreichen Abfallprodukt machen ließe; Lebensmitteltechnologen befassen sich zum Beispiel damit, den Treber zu trocknen, um einzelne Inhaltsstoffe zu isolieren. Das ist aber in der Regel energieintensiv und deshalb teuer.
Der Treber muss vom Hof. Schnell.
ValueGrain geht einen anderen Weg: Als langjährige Geschäftspartner mit gut eineinhalb Jahrzehnten Brauereierfahrung wussten die Gründer Tim Gräsing und Janosch Thomsen: Brauereien wollen keine „hochkomplexen Over-Engineered-Konzepte“, sie wollen auch keine zusätzlichen riesengroßen Maschinen in ihren Hallen haben, sondern ein reibungsloses, unkompliziertes Verfahren, mit dem sie den Treber „schnell vom Hof“ bekommen. Wenn sie ihn auch noch kostenlos loswerden oder gegebenenfalls sogar einen geringen Betrag dafür erhalten: umso besser.
Nun kann man frischen Biertreber nicht gut direkt weiterverwenden, denn er enthält die Spelzen der Gerste. „Das ist wie beim Popcorn-Essen: Man hat immer irgendwas zwischen den Zähnen“, erzählt Tim Gräsing. Gespräche mit Experten vom Lebensmittelkonzern Dr. Oetker brachten die Erkenntnis: Wenn Biertreber zu einem massenprodukttauglichen Zusatzstoff werden soll, dann müssen diese Spelze weg. „Und so kamen wir darauf, den Treber so zu lassen, wie er ist, und einfach mechanisch zu verarbeiten“, sagt der ValueGrain-Gründer.
Was simpel klingt, ist mittlerweile ein patentiertes Verfahren, das den Treber direkt in den Brauereien in einer vergleichsweise kleinen Anlage in eine Art flüssiges Mehl verwandelt. Von der Konsistenz her müsse man es sich wie einen Brei oder eine dicke Tomatensuppe vorstellen, so Gräsing.
Mehlergänzung und Füllstoff für die Wurst
Dieser Brei – so die Vision des Start-ups – soll künftig als hochwertiger Zusatzstoff in Massenprodukten der Lebensmittelindustrie verarbeitet werden, genauer: in Großbäckereien und bei der Herstellung von Hybridfleisch oder Fleischersatz.
Die Hamburger haben gute Argumente: Ihr flüssiges Mehl enthält viele Vitamine und Proteine, zudem Ballast- und Mineralstoffe, es ist ein reines Naturprodukt ohne chemische Zusätze, es ist günstiger als Weizenmehl und nahezu geschmacksneutral. ValueGrain spricht von „Superfood-Potenzial“.
In Brötchen, Brot und Gebäck kann der Brei als Mehlergänzung, in Wurst- und Fleischwaren als Füllstoff dienen. Tests mit Sauerteigbroten und Schweinefleisch-Bratwürsten sind gut gelaufen. Für offizielle Anerkennung sorgten im Jahr 2025 Platz 1 im Wettbewerb „Startup-Days“ der Grünen Woche Berlin sowie der GfK Innovation Award. Auch viele Investoren sind vom Konzept überzeugt. Sie kommen übrigens – mit Ausnahme der Stadt Hamburg – allesamt aus der Wertschöpfungskette des Bierbrauens. Womit sich das Start-up nicht nur Geld, sondern auch Expertise und gute Netzwerkkontakte ins Unternehmen holt.
Türöffner Nummer eins? Der Preis!
Die Brauereien stünden der Geschäftsidee offen gegenüber, berichtet Tim Gräsing. Weil ValueGrain eine Mindestabnahmemenge garantiere, amortisiere sich die Anschaffung einer Treber-Upcycling-Anlage für die Brauereien in der Regel nach gut eineinhalb Jahren.
In der Lebensmittelindustrie ist die Überzeugungsarbeit mühsamer. Gerade die Backbranche ist nicht besonders innovationsgetrieben: „Das größte Problem ist, die richtigen Ansprechpartner zu identifizieren. Teilweise sind es die Großhändler, teilweise die Lieferanten; es dauert manchmal ein bisschen, ehe wir uns durch diesen Dschungel von Zuständigkeiten gewühlt haben.“
Türöffner für Gespräche ist dort der Preis des nährstoffreichen Zusatzstoffs. Auch das Nachhaltigkeitsargument zieht: Die Rohware schlägt in der Nachhaltigkeitsbilanz der Weiterverwerter mit sehr geringen CO₂-Emissionen zu Buche, denn die durchs Säen, Düngen, Ernten und Verarbeiten der Gerste entstehenden Emissionen werden dem Bierbrauen zugerechnet.
Durch den kreislaufwirtschaftlichen Ansatz schützt ValueGrain zudem landwirtschaftliche Böden und spart Energie und Wasser. Außerdem liefert das Start-up sein Produkt in einem Umkreis von maximal 50 Kilometern rund um die jeweilige Brauerei aus, womit der Zusatzstoff als „regional“ gelten kann. Hinzu kommt, dass sich die Abnehmer keine Sorgen wegen Lieferkettenproblemen oder Rohstoffknappheit machen müssen: Das Produkt steht zur Verfügung, immer und quasi vor der Haustür.
ValueGrain experimentiert für IKEA
Derzeit arbeitet ValueGrain an einem nachhaltigen Hotdog-Brötchen für IKEA. Solch ein Leuchtturmprojekt könnte Signalwirkung – zum Beispiel für Fast-Food-Ketten – haben. „Wir glauben an den Domino-Effekt. Wenn jemand damit arbeitet, dann ist der Grundstoff plötzlich auch sehr spannend für andere“, ist Gräsing überzeugt. Und noch etwas stimmt den Gründer optimistisch: „Die Rahmenbedingungen verändern sich immer mehr zu unseren Gunsten. Auch wenn Themen wie Resilienz, Wertschöpfungskette, Rohstoffverfügbarkeit und Nachhaltigkeit gesellschaftspolitisch eher rückläufig erscheinen, sind es doch Themen, die uns in die Karten spielen.
Das Start-up will sich nun mit Profis aus der Backbranche und im Sales verstärken. Das Ziel für 2026 ist klar: mehr Abnehmer für den gesunden Treber-Brei zu finden.