Zukunftsmacher: Impact-Start-ups, die wirken

Bluu: Fischzellen aus dem Bioreaktor


Zukunftsmacher: Bluu

Das Hamburger Start-up Bluu Seafood sorgt für Fisch ohne Fang: Es lässt Fischzellen in Bioreaktoren wachsen. Das könnte perspektivisch die Meere entlasten und unsere Ernährung nachhaltiger machen. Die Technologie ist ausgereift, der Knackpunkt ist die Skalierung.  

Fünf kurze Sätze umreißen, warum der Gründungsidee von Bluu Seafood Erfolg zu wünschen ist:

  • Der globale Fischkonsum steigt.
  • Die Meere sind überfischt.
  • Fische sind zunehmend mit Mikroplastik und Schwermetallen belastet.
  • Die Weltbevölkerung wächst.
  • Die planetaren Grenzen sind erreicht.

Wer sich mit der Zukunft nachhaltiger Ernährung beschäftigt, kommt an alternativen Proteinquellen nicht vorbei. Das ursprünglich als Ausgründung der Fraunhofer Gesellschaft in Lübeck gegründete und heute in Hamburg beheimatete Start-up Bluu Seafood setzt auf zellbasierten Fisch. Dafür entnimmt es Muskelzellen von toten Regenbogenforellen und Lachsen und vermehrt diese Zellen in Bioreaktoren. Prinzipiell lassen sich auf diese Weise unendlich viele Zellen produzieren, die im Nachgang zum Beispiel zu Fischstäbchen verarbeitet werden können. Das klingt nach Science-Fiction und erstmal auch nicht besonders lecker. Allerdings: In Zeiten von bis zur Unkenntlichkeit verarbeiteten Lebensmitteln – man denke nur an monatelang ungekühlt haltbare Fertiggerichte – sind aus Fischzellen kultivierte Fischzellen eine vergleichsweise natürliche Angelegenheit. Hinzu kommt, dass die Produktion umweltfreundlich, effizient, klimaschonend und potenziell deutlich tierleidärmer ist.

Steckbrief
Bluu GmbH, Hamburg

Gründer: Dr. Sebastian Rakers, Simon Fabich
Gründungsjahr: 2020
Teamgröße: 27
Investoren (Auswahl): Dr. Oetker, Landesbank Baden-Württemberg, Sonae/Sparkfood
Finanzierung: insgesamt > 23 Mio. Euro seit Gründung
Geschäftsidee: Produktion tierischer Fischzellen im Bioreaktor sowie der erforderlichen Nährmedien
Zielgruppe: Fokus auf Lebensmittel-, Skin- und Healthcareindustrie, perspektivisch weitere Anwendungsgebiete möglich

bluu.bio

Wie die Solarbranche vor 40 Jahren

„Dass man Zellen außerhalb des Lebewesens wachsen lassen kann, das gibt es schon seit mehreren Jahrzehnten, es ist eine etablierte und ausgereifte Technologie. Am Ende muss man die gleiche Umgebung schaffen, also eine Umgebung, in der sich diese Zellen wohlfühlen. Dazu gehören unter anderem die richtigen Nährstoffe oder auch die passende Temperatur – und dann kann man sie wachsen lassen“, erklärt Dr. Cornelius Lahme, Leiter Marketing & Communications von Bluu Seafood.

In Pharmakonzernen ist das längst an der Tagesordnung. Der feine, gewichtige Unterschied: Die Pharmazie benötigt für Medikamente nur geringe Mengen an kultivierten Zellen. Das Start-up-Team von Bluu Seafood will hingegen Nährmedien und Fischzellen in industriellem Maßstab produzieren. Das Unternehmen versteht sich dabei nicht als Lebensmittelmarke, sondern als Zulieferer für die Industrie. Die Vision: Fischzellen als Inhaltsstoff von Lebensmittelprodukten zu etablieren, etwa als Bestandteil von pflanzenbasierten Fischstäbchen. Ganz groß gedacht würde das der Menschheit unverseuchte, gesunde Fischprodukte bescheren und die industrielle Ausbeutung der Meere reduzieren.

Die Initialzündung für eine Nutzung der Technologie für Lebensmittel habe 2013 stattgefunden, erzählt Cornelius Lahme. Damals stellten Forscher der Weltöffentlichkeit das erste aus Rinderzellen hergestellte Burger-Patty vor. „Seitdem sind hunderte Millionen, wenn nicht Milliarden Euro in diese Branche investiert worden. Es gibt circa 170 Start-ups weltweit, die sich auf unterschiedlicher Ebene mit Zellenkultivierung beschäftigen.“ Zur Wahrheit gehört: Nach dem frühen Investorenhype ist Ernüchterung eingekehrt, seit 2022 ist es für Start-ups mit Themen jenseits von Rüstung und KI generell schwieriger geworden, Geld zu bekommen.

Bluu Seafood Labor

Zwar ist das Verfahren längst nicht mehr so teuer wie noch vor zehn Jahren, um aber massenhaft Zellen züchten zu können, muss der Preis für die kostspielige Nährlösung weiter sinken. Kurzum: Der Knackpunkt ist die Skalierung. Die Situation, in der die Branche heute stecke, sei vergleichbar mit dem Stand der Solarzellenproduktion vor 40 Jahren, sagt Cornelius Lahme: Die Technologie sei da gewesen, sie habe funktioniert, ihr Nutzen lag auf der Hand, aber die Skalierung blieb lange die Herausforderung. „So ist das bei uns gerade auch.“

Es geht voran – auf niedrigem Niveau

Dabei ist die Entwicklung – wenn auch auf noch niedrigem Niveau – rasant: Bluu Seafood ist vor fünf Jahren mit Bioreaktoren mit einem Fassungsvermögen von ein bis drei Litern Nährflüssigkeit gestartet, 2025 war dann bereits ein 500-Liter-Reaktor im Einsatz, im Januar 2026 soll es mithilfe einer Scale-up-Anlage des niederländischen Unternehmens Cultivate at Scale ein 1.000-Liter-Reaktor sein. Die Zellen brauchen viel Platz, denn ihr Wachstum ist exponentiell. Im 1.000-Liter-Reaktor lassen sich derzeit nach acht bis neun Tagen Fischzellen im zweistelligen Kilobereich ernten.

Ein Bremsklotz ist die Regulierung. In der EU unterliegen zellbasierte Lebensmittel dem Novel-Food-Verfahren. Noch dürfen die Produkte von Bluu Seafood hierzulande nicht einmal offiziell verkostet werden. Andere Länder sind weiter, Bluu hat beispielsweise in Singapur eine Zulassung beantragt und wartet derzeit auf die Entscheidung. „Ich muss allerdings sagen: Selbst, wenn wir morgen eine Zulassung in Singapur hätten, würden wir noch nicht über die nötige Menge an Zellen verfügen, um den Markt zu besetzen. Andererseits ist das Level, auf dem wir jetzt sind, schon so hoch – davon konnten die Forschenden 2013 nur träumen“, sagt Cornelius Lahme.

„Die Technologie, Zellen außerhalb von Lebewesen wachsen zu lassen, ist einfach zu gut, als dass sie scheitern könnte.“
Dr. Cornelius Lahme

Immerhin: Das Thema Zellanbau gilt nicht mehr als Spinnerei oder Forschungsspielerei, sondern gewinnt eine immer breitere Öffentlichkeit. „Das ist für uns von enormer Bedeutung“, freut sich Lahme. Im September war Bluu Seafood in einer Dokumentation über Start-ups im ZDF zu sehen, im Dezember holte das Start-up den Deutschen Nachhaltigkeitspreis, 2024 den KfW Award Gründen für Hamburg und einen Finalistenplatz für den Deutschen Gründerpreis.

Bluu Seafood sei ein „mutiger Vorreiter mit großem Potenzial“ und könne mit seiner wissenschaftlich fundierten Technologie Teil eines systemischen Wandels werden, heißt es in der Begründung der Jury. Noch ist nicht abzusehen, wann Produkte von Bluu in unseren Supermarktregalen zu finden sein werden. Bis zum Marktdurchbruch wird es noch dauern. Außer Frage steht indes, dass die Kultivierung von Fischzellen eine hoch zukunftsfähige Technologie ist. Seit Neuestem identifiziert Bluu – das „Seafood“ soll künftig wegfallen – weitere Anwendungsgebiete für seine Zellen, um einen größeren Investorenkreis anzusprechen; denkbar wäre zum Beispiel der Einsatz als Inhaltsstoff für Hautpflegeprodukte. Cornelius Lahme jedenfalls ist überzeugt und überzeugend, wenn er sagt: „Die Technologie, Zellen außerhalb von Lebewesen wachsen zu lassen, ist einfach zu gut, als dass sie scheitern könnte.“

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