Klimakrise und KI: Nachhaltigkeitsprofis müssen neu priorisieren
Nach welchen Kriterien sollen Nachhaltigkeitsverantwortliche eines Unternehmens entscheiden, in welche Richtung die Strategie gehen soll? Klimarisiken wirken sich immer stärker auf Investitionsentscheidungen aus, regulatorische Anforderungen werden komplexer und von Land zu Land unterschiedlicher. Zudem hält – wie in allen Bereichen – Künstliche Intelligenz Einzug in die Nachhaltigkeitsanalyse. Diese drei Entwicklungen greifen bereits stark ineinander. Wie stark, zeigt eine neue Studie von Clarity AI.
Klimarisiken sind kein Zukunftsszenario mehr
Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen (55 Prozent) gibt an, dass extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen, Waldbrände oder Hitzewellen ihre Investmententscheidungen bereits beeinflussen. Klimarisiken finden nicht nur in Nachhaltigkeitsberichten statt. Sie haben bereits jetzt einen direkten Einfluss auf Kapitalzugang, Bewertungen und strategische Entscheidungen.
Dabei werden die Klimarisiken von Investoren mittlerweile deutlich breiter bewertet als noch vor wenigen Jahren. Die größte Sorge bleibt das Übergangrisiko wie etwa Regulierungen, CO2-Preise oder technologische Veränderungen. Fast ebenso relevant sind inzwischen aber physische Risiken wie die oben genannten Extremwetterereignisse. Dahinter nennen rund ein Viertel der befragten Unternehmen den Biodiversitätsverlust als zentrale Bedrohung für ihre Portfolios. Energiesicherheit (25 Prozent) und Klimaklagen (elf Prozent) werden ebenfalls als Bedrohung angesehen.
Kaum ein Drittel vollständig Ready für Offenlegungspflichten
Ein weiteres Sorgenkind der Unternehmer: neue Offenlegungspflichten. Der Druck wächst, doch viele Marktakteure fühlen sich darauf nur unzureichend vorbereitet. Laut Studie sehen sich lediglich 29 Prozent der Investoren vollständig bereit für die kommenden ESG-Regulierungen. Besonders problematisch: Fast alle (89 Prozent) erwarten, dass uneinheitliche ESG-Vorgaben zwischen Regionen globale Strategien erschweren. Dabei spricht die Studie von „Fragmentation von Nachhaltigkeits-Regulierungen“. Das heißt für Nachhaltigkeitsverantwortliche konkret: Vergleichbarkeit, saubere Datenstrukturen und konsistente Prozesse werden zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
Dauerhafte Nachfrage nach nachhaltigen Produkten bleibt
Wie wirken sich die globalen Veränderungen auf das Kaufverhalten der Kundschaft aus? Knapp über die Hälfte der Investoren erwarten eine steigende Nachfrage nach nachhaltigen Finanzprodukten, weitere 40 Prozent gehen von einem gleichbleibenden Niveau aus. Laut Studie ist dabei die zentrale Erkenntnis: kein explosionsartiges Wachstum, sondern eine dauerhafte Relevanz. Nachhaltige Produkte wird es immer mehr geben, parallel dazu steigen aber die Anforderungen an den Nachweis von Performance, Wirkung und Glaubwürdigkeit deutlich an.
Greenhushing: Unternehmen halten sich bei der Kommunikation zurück
Immer öfter hört man den Begriff Greenhushing. Darunter wird die bewusste Zurückhaltung von Unternehmen bei der öffentlichen Kommunikation über ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten verstanden. Dabei geht es nicht um übertriebene oder gar irreführende Aussagen wie etwa beim Greenwashing, sondern darum, Fortschritte, Ziele oder Maßnahmen nur noch sehr vorsichtig oder gar nicht mehr zu kommunizieren. Auslöser dafür sind unter anderem strenge regulatorische Vorgaben, zunehmend rechtliche Risiken und eine kritischere Öffentlichkeit.
Das beobachteten auch die Studienautor:innen. Clarity AI spricht von einer Verschiebung hin zu vorsichtigerem Messaging.
KI: Ja, aber erst muss Vertrauen geschaffen werden
Besonders deutlich wird in der Studie von Clarity AI, wie wichtig der Einsatz von Künstlicher Intelligenz bereits in den Unternehmen ist. 58 Prozent der befragten Investoren nutzen KI bereits oder planen die Einführung innerhalb des kommenden Jahres. Am häufigsten kommt KI bereits in der Datensammlung und -verarbeitung zum Einsatz, nämlich bei 67 Prozent der Unternehmen. Auch Recherche (49 Prozent) macht einen großen Anteil des KI-Einsatzes aus, ESG-Reporting wird in 18 Prozent der Unternehmen durch KI unterstützt.
Der technologische Fortschritt hat eine klare Voraussetzung. Vertrauen. 67 Prozent der Befragten nennen diesbezüglich die Genauigkeit von KI-Ergebnissen als ihre größte Sorge. Die Studie betont: „Vertrauen und Transparent sind entscheidend für eine breitere Nutzung von Künstlicher Intelligenz in der Nachhaltigkeitsanalyse.“ Bedeutet für Nachhaltigkeitsverantwortliche: KI kann Prozesse beschleunigen und Komplexität reduzieren, ersetzt aber nicht eine fachliche Bewertung, Governance und weitere Prüfungen.
Früh investieren, um Marktposition zu stärken
Die Klimakrise beeinflusst bereits jetzt finanzielle Entscheidungen direkt. Und regulatorische Anforderungen verlangen nach belastbaren Daten. Um beides bewältigen zu können, wird Künstliche Intelligenz zu einem immer zentraleren Werkzeug. Die Studie verweist darauf, dass früh genug in Datenqualität, transparente Prozesse und kompetenten KI-Einsatz investiert werden sollte. Dies würde nicht nur die eigene Berichterstattung, sondern auch die strategische Position des Unternehmens im Markt stärken.
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