Videoreportage EIN BLICK

Vom Steuerberater zum Visionär

Am Ostermontag 2017 beschließt Johannes Lemminger, nicht länger als klassischer Steuerberater arbeiten zu wollen. Für die familiengeführte Kanzlei beginnt damit ein radikaler Wandel – durch ein tiefes Tal bis zu einem Arbeitsmodell, in dem neue Werte eine große Rolle spielen. Wie jetzt in der Kanzlei gearbeitet wird, zeigt die aktuelle Videoreportage "EIN BLICK".

 

Eine rot-schwarze Tischtenniskelle liegt quer auf einem gelben Ball. Was auf den ersten Blick wirkt wie eine Requisite für die Kamera, ist genau das nicht. Der schwarze Tisch, an dem Johannes und Sandra Lemminger zum Gespräch Platz genommen haben, ist tatsächlich eine Tischtennisplatte. Hinter ihnen hängen Dutzende weitere Schläger an der Wand. Auf jedem ist ein Mitglied des Teams zu sehen, eingefasst von gedeckten Farben. Noch bevor das Gespräch beginnt, erzählt dieser Raum, wie die Kanzlei heute wahrgenommen werden will: persönlich, spielerisch und sichtbar anders. 

Die Frage liegt beinahe so offensichtlich auf dem Tisch wie die Kelle: Wird hier auch gearbeitet? Johannes Lemminger kennt sie. "Ich bin der Typ: sowohl als auch. Nicht entweder oder", sagt Johannes Lemminger. Tischtennis könne "vor der Besprechung, während der Besprechung – je nachdem" gespielt werden. In seiner Kanzlei, sagt er, müsse es nicht entweder Arbeit oder Spiel heißen. Beides könne nebeneinander existieren. Doch die Tischtennisplatte, die hellen Räume und die lächelnden Gesichter an der Wand zeigen nur das vorläufige Ergebnis einer Geschichte, deren Anfang deutlich weniger leicht wirkt. 

Es ist Ostermontag, der 17. April 2017. Johannes Lemminger greift zu einem Sachbuch. Das klingt zunächst wenig spektakulär. Für den Steuerberater ist es das trotzdem. Bis dahin kennt er vor allem Gesetze und Fachliteratur. Seine Frau Sandra hatte ihm schon häufiger empfohlen, einmal etwas anderes zu lesen. Seine Reaktion: "Was will der mir denn sagen? Ich weiß doch eh schon alles." An diesem Ostermontag liest er dann doch. "WERTvoll in die Zukunft" von Andreas Nau – und er erkennt sich in der Geschichte eines Unternehmers wieder, der in seinem eigenen Hamsterrad feststeckt. 

Lemminger wird klar, dass er einen Beruf ausübt, den er so nicht mehr ausüben will. Nicht irgendwann, nicht nach einem behutsam vorbereiteten Veränderungsprozess, sondern am besten sofort. Er spricht von einem "180-Grad-Turn" und von seinem zweiten Geburtstag. Ein einzelnes Buch wird zum Auslöser für eine Entscheidung, die nicht nur sein eigenes Leben verändert, sondern die gesamte Kanzlei Lemminger & Lemminger in Achern. 

Der Dienstag nach dem Ostermontag 

Am nächsten Tag sitzt Johannes Lemminger in der Teamsitzung. Er kündigt an, dass er das, was er bisher gemacht hat, künftig nicht mehr tun werde. Dabei fließen Tränen. Für ihn selbst ist die Entscheidung eindeutig. Für die Menschen um ihn herum prallt sie auf eine andere Realität: auf Mitarbeiter:innen, Mandant:innen und auf seinen Bruder Philipp Lemminger, der erst wenige Monate zuvor als Partner in die Kanzlei eingestiegen ist. 

Johannes Lemminger trägt zu diesem Zeitpunkt einen wesentlichen Teil zur fachlichen Leistung und zum Umsatz der Kanzlei bei. Wenn er aus der operativen Steuerberatung aussteigt, muss ein anderer diese Verantwortung übernehmen. "Für mich war immer selbstverständlich, dass wir das irgendwie hinkriegen", erinnert sich Philipp Lemminger. Wie dieser Weg konkret aussehen sollte, wusste niemand. Plötzlich lag mehr fachliche Verantwortung auf seinen Schultern – zusätzlich zu jener, die er kurz zuvor bereits von seinem Vater übernommen hatte. 

Ein paar Räume weiter sitzt Philipp Lemminger heute in einem hohen, hellen Sessel. Hinter ihm fällt Tageslicht durch große Holzfenster; draußen ist dichtes Grün zu sehen. Die Ruhe dieses Ortes passt wenig zu der Unruhe, von der er erzählt. "Wir würden heute nicht da stehen, wo wir heute stehen, wenn Johannes diesen Schritt nicht so gemacht hätte", sagt Philipp Lemminger. Damals fühlt sich das deutlich weniger eindeutig an. Er sei manchmal morgens mit einem flauen Gefühl aufgewacht. Und es habe Momente gegeben, in denen er sich fragte: "Was habe ich mir da aufgehalst?" 

Zwei Jahre im "Tal der Tränen" 

Die Veränderung bleibt nicht bei einer neuen Rollenverteilung. Johannes Lemminger trägt seine persönliche Entwicklung nun bewusst in die Kanzlei: Persönlichkeitsentwicklung wird Teil des Arbeitsalltags, Gefühle und private Belastungen dürfen angesprochen werden, Mitarbeitende bekommen Raum, ihre eigenen Stärken einzubringen. Auch bei Neueinstellungen zählt fortan nicht mehr nur die fachliche Qualifikation, sondern ebenso, ob jemand zur Haltung und Arbeitsweise der Kanzlei passt – für manche aus dem bisherigen Team ist dieser Bruch mit der klassischen Kanzleiwelt zu groß. Zwischen 2017 und Ende 2019 erlebt die Kanzlei eine extreme personelle Fluktuation. Langjährige Mitarbeiter:innen wollen oder können den neuen Weg nicht mitgehen. Neue werden eingestellt, einige zu schnell, wie Johannes Lemminger heute findet, und verlassen die Kanzlei nach kurzer Zeit wieder. Zeitweise fehlt in der Lohnbuchhaltung von einem Tag auf den anderen das Personal. Mandant:innen fragen angesichts immer neuer Ansprechpartner:innen, wie lange sie diesen Wandel noch mitmachen sollen. 

Auch finanziell steigt der Druck. Sandra Lemminger beschreibt diese Zeit nicht als inspirierende Transformationsreise, sondern als Phase, in der die Familie häufig nur noch funktioniert. Sie sei mit einem Kloß im Hals in die Kanzlei gekommen und habe sich gefragt, welche Hiobsbotschaft an diesem Tag warten würde. Zukunftspläne oder große Visionen spielen zeitweise kaum eine Rolle. Es geht darum, das nächste Feuer zu löschen. 

Johannes und Sandra Lemminger nennen diese beiden Jahre das "Tal der Tränen".  

"Wir hatten von 2017 bis Ende 2019 ein Tal der Tränen", sagt Johannes Lemminger. "Hättest du mir das im Vorfeld gesagt, dann hätte ich mich vielleicht anders entschieden." Ein Zurück kommt dennoch nicht infrage. "Zurück war kein Weg", sagt Sandra Lemminger. "Diese Schwere, die da im Raum lag, wollte und konnte keiner von uns mehr aushalten." Und noch deutlicher: "Zurück hätte ich nie gewollt. Um alles in der Welt wäre das nicht gegangen. Das war zu schwer damals." 

Arbeiten an der Kanzlei statt nur in der Kanzlei 

Der radikale Ausstieg aus dem Fachlichen vollzieht sich langsamer als die ursprüngliche Ankündigung. Seinen letzten Jahresabschluss erstellt Johannes Lemminger nach eigener Aussage erst 2020. Schritt für Schritt findet er eine neue Rolle: zunächst als Unternehmer, später als Kanzleientwickler und heute, wie er selbst sagt, als Visionär. Während Philipp Lemminger die fachliche Verantwortung übernimmt, arbeitet Johannes Lemminger an Personalfragen, Strukturen, Angeboten und an der Frage, wie die Kanzlei künftig funktionieren soll. 

Diese Aufteilung ist keine bloße Notlösung. Philipp Lemminger erlebt sie inzwischen als Entlastung. Er kann sich auf steuerliche Beratung, Mandatsgespräche und fachliche Entscheidungen konzentrieren. Johannes und Sandra Lemminger bereiten viele Teamsitzungen und Entwicklungsthemen vor. "Es gibt ganz oft Teamsitzungen, bei denen Johannes und Sandra das meiste machen", erzählt Philipp Lemminger. "Dann komme ich in die Teamsitzung und höre manche Dinge tatsächlich zum ersten Mal. Aber da habe ich vollstes Vertrauen." 

Der Wandel der Kanzlei ist auch räumlich sichtbar. Beim Rundgang wechseln sich offene Arbeitsflächen mit kleinen Rückzugsorten ab. Viel Holz, große Fenster und Pflanzen nehmen den Räumen die typische Bürostrenge. Unter einem Fenster liegt ein langes, mit weißem Fell bedecktes Sitzpolster; davor stehen helle Sessel und ein niedriger runder Tisch. Ein anderer Raum erinnert mit roten Vorhängen, passender Sofaecke und großem Bildschirm an ein kleines Kino. Erst auf den zweiten Blick tauchen zwischen all dem wieder Schreibtische, Monitore und Akten auf. Aus der klassischen Kanzlei mit kleinen Büros ist ein Arbeitsort entstanden, der bewusst Wärme ausstrahlen soll. Mitarbeiter:innen werden in die Planung einbezogen. Nicht alle sind sofort begeistert. Brigit Schäck, Lohnbuchhalterin, erinnert sich an Bedenken gegenüber dem Großraumbüro. Erst durch Besichtigungen und die Beteiligung am Prozess sei die anfängliche Sorge gewichen. 

Mehr als eine ungewöhnliche Kulisse 

Die Gestaltung soll nicht bloß hübsch aussehen. Sie verschiebt das vertraute Bild einer Steuerkanzlei und macht damit ein Prinzip sichtbar, das Johannes Lemminger immer wieder betont: nicht entweder oder, sondern sowohl als auch. Konzentrierte Arbeit und Spiel, Professionalität und Persönlichkeit sollen sich nicht ausschließen. Die ungewöhnliche Kulisse ist damit auch ein Versprechen. Ob es eingelöst wird, zeigt sich allerdings nicht an einem Kinoraum oder einer Tischtennisplatte, sondern im Arbeitsalltag. 

Steuerberater Simon Gaiser beschreibt, was das für seine Arbeit bedeutet. Er könne gegenüber Mandant:innen offen sagen, wenn er etwas zum ersten Mal mache. Er müsse nicht den perfekten Steuerberater darstellen, der im Anzug auf jede Frage sofort eine Antwort hat. Fehler seien erlaubt, solange man aus ihnen lernt. Für Gaiser ist das natürlicher, als ein Bild zu verkaufen, das mit der eigenen Erfahrung nicht übereinstimmt. 

Das kann nur funktionieren, wenn die Mandant:innen zu dieser Haltung passen. Der Internetauftritt, ein Podcast und das Buch der Kanzlei dienen deshalb auch als Filter. Wer eine streng traditionelle Steuerberatung erwartet, wird Lemminger & Lemminger womöglich gar nicht erst anfragen. Auch einige langjährige Mandant:innen mussten sich an die neue Erscheinung gewöhnen. Philipp Lemminger findet das in Ordnung. Ob jemand einen Anzug trägt, sage nichts über die Qualität der Arbeit aus – sehr wohl aber darüber, in welchem Umfeld sich jemand wohlfühlt. "Ob ich hier im Pulli, im T-Shirt oder was auch immer sitze, hat keinerlei Wertung meiner oder unserer Arbeit." sagt Philipp Lemminger. "Entscheidend ist, dass ich mich beim Arbeiten wohlfühle." 

Wenn aus einer Stärke eine neue Aufgabe wird 

"Miteinander füreinander" lautet der Slogan der Kanzlei. "Die Wertschätzung wird sehr großgeschrieben, aber auch gelebt", sagt Lohnbuchhalterin Margarete Schmidt. "Also nicht nur auf dem Papier, sondern wirklich gelebt." Wie konkret das werden kann, zeigt die Geschichte ihrer Kollegin Brigit Schäck. In einem Feedbackgespräch kommt zur Sprache, dass Schäck leidenschaftlich gerne kocht. Johannes schlägt vor, diese Begeisterung in die Kanzlei zu holen. Seitdem kocht die Lohnbuchhalterin an mehreren Tagen für das Team. Was zunächst danach klingt, als würde eine private Aufgabe zusätzlich in den Job rutschen, empfindet Schäck selbst als Chance: Zu Hause koche sie für zwei Personen, hier für rund 30. Darin gehe sie auf. 

Office Managerin Ellen Eberle bringt ihre Ausbildung im Yoga ein und bietet kurze morgendliche Einheiten oder Kurse für Kolleg:innen an. Andere Mitarbeiter:innen beschäftigen sich mit emotionaler Intelligenz oder übernehmen Projekte jenseits ihrer klassischen Stellenbeschreibung. Dahinter steht der Versuch, Menschen nicht auf ihre fachliche Funktion zu reduzieren. Die Kanzlei gibt Raum und Verantwortung – behält aber auch das Recht, eine Idee abzulehnen. Nicht aus jedem Hobby muss ein neues Angebot werden. 

Ein Leben statt zwei? 

Die vielleicht weitreichendste Idee der Lemmingers betrifft die Trennung von Arbeit und Privatleben. Johannes Lemminger hält sie für künstlich. Ein Mensch sei nicht bis zum Feierabend geschäftlich und danach privat. Gefühle sollen deshalb in der Kanzlei nicht an der Tür abgegeben werden. Wer eine private Belastung erlebt, muss keine Details erzählen, soll aber sagen dürfen, dass gerade nicht alles leicht ist. Arbeitszeiten und Homeoffice können dann angepasst werden. 

Das klingt fürsorglich, ist aber nicht für jeden Menschen automatisch attraktiv. Nicht alle wollen persönliche Themen am Arbeitsplatz teilen. Nicht alle möchten, dass Beruf und Privatleben ineinander übergehen. Auch das akzeptieren Johannes und Sandra Lemminger: "Wenn man lieber seinen Job macht und im stillen Kämmerchen arbeitet, dann passt man halt hier nicht", sagt sie. "Aber in einer anderen Kanzlei vielleicht perfekt. Jeder darf das selbst entscheiden." 

Ihre Kanzlei soll kein Modell sein, das allen gefallen muss. 

Und auch Leichtigkeit schützt nicht vor Überlastung. Johannes Lemminger spricht von Tagen mit 15 Arbeitsstunden und davon, dass positiver Stress ebenfalls Stress bleibt. Begeisterung kann Energie geben – sie kann aber auch dazu führen, notwendige Pausen zu übersehen. Deshalb gehört zum neuen Selbstverständnis auch, Entscheidungen zu korrigieren und eine Stellschraube wieder zurückzudrehen, wenn eine Idee im Alltag nicht funktioniert. 

Veränderung ohne Schlusspunkt 

Die Geschichte von Lemminger & Lemminger ist keine Anleitung dafür, wie jede Steuerkanzlei aussehen sollte. Sie zeigt vielmehr, was passieren kann, wenn ein Inhaber nicht nur Prozesse, Räume oder Stellenanzeigen verändert, sondern zunächst seine eigene Rolle infrage stellt. Der Preis dafür war hoch: Unsicherheit, finanzielle Belastung, personelle Brüche und zusätzliche Verantwortung für andere. Dass die Kanzlei heute leichter wirkt, bedeutet nicht, dass ihr Weg leicht war. 

 

Weitere Folgen aus der Reportagereihe "EIN BLICK":

 

Über die Reportagereihe "EIN BLICK"

Steuerkanzleien befinden sich in einer spannenden Zeit. Neben dem Alltagsgeschäft gilt es, zahlreiche zusätzlich Herausforderungen zu bewältigen: Marketing, Fachkräftemangel, Digitalisierung, Zukunftsfähigleit - um hier einige zu nennen. Doch zu den zahlreichen Herausforderungen gibt es immer noch mehr Ideen für gute Lösungen. Welche sind die besten Ideen und was können andere Kanzleien daraus lernen? Wir machen uns mit Kamera auf die Suche!  Kontakt & Anfragen


0 Kommentare
Sie haben noch keinen Text eingegeben.
Noch keine Kommentare - teilen Sie Ihre Sicht und starten Sie die Diskussion