"Je mehr die Mandanten selbst verstehen, desto einfacher können wir mit ihnen kommunizieren"
Frau Schmid, beobachten Sie in Ihrer Kanzleipraxis, dass Mandanten häufiger mit Informationen oder vermeintlichen Lösungen von ChatGPT und anderen KI-Systemen zu Ihnen kommen?
Schmid: Wir merken es vor allem an den Anfragen, die uns erreichen. Viele E-Mails sind heute deutlich länger, detaillierter und die Fragen gehen stärker in die Tiefe. Man erkennt häufig, dass sich Mandanten vorher bereits mit einer KI beschäftigt oder die E-Mail mithilfe einer KI formuliert haben. Mit einer vermeintlich fertigen Lösung kommen sie dagegen eher selten zu uns. Es geht mehr um eine bessere Vorbereitung und ein tieferes Vorverständnis. Denn gleichzeitig ist das Vertrauen in die KI noch begrenzt. Viele Mandanten denken zwar, die KI-Antwort könnte ungefähr stimmen. Sie möchten es aber trotzdem noch einmal von uns bestätigt oder eingeordnet haben. Insbesondere bei konkreten steuerlichen Fragen besteht weiterhin eine große Unsicherheit – nicht zuletzt wegen der drohenden Strafen bei falschen steuerlichen Angaben.
Mit welchen Themen wenden sich Mandanten besonders häufig zunächst an eine KI, bevor sie sich bei Ihnen melden?
Müller: Typische Themen sind die Gründung einer GmbH, die Frage nach einer Holdingstruktur oder die steuerliche Behandlung eines betrieblichen Fahrzeugs. Auch beim Thema Homeoffice oder bei umsatzsteuerlichen Fragen wird häufig vorab recherchiert. Das betrifft beispielsweise Auslandssachverhalte und die Frage, ob auf einer Rechnung Umsatzsteuer ausgewiesen werden muss und welche Angaben erforderlich sind.
Schmid: Das zeigt sich dann auch in der Art der Fragen. Statt allgemein zu fragen, wie ein bestimmter Sachverhalt steuerlich behandelt wird, kommen Mandanten bereits mit einer konkreteren Annahme: Ist es richtig, dass ich in diesem Fall keine Umsatzsteuer ausweise und die Rechnung entsprechend formuliere? Die eigentliche Recherche hat also teilweise schon vor dem Gespräch stattgefunden.
Was bedeutet das für Ihre eigene Aufklärungsarbeit, die Sie über ihre Social-Media-Kanäle und in ihren Webinaren leisten?
Schmid: Wir lassen uns davon durchaus inspirieren. Die Fragen unserer Mandanten zeigen uns sehr deutlich, bei welchen Themen aktuell Unsicherheit oder Halbwissen besteht. Daraus leiten wir auch Themen für unsere Webinare ab. Ein Dauerbrenner ist beispielsweise die Frage, wann eine GmbH oder eine Holdingstruktur tatsächlich sinnvoll ist.
Müller: Ähnlich ist es bei Themen wie Altersvorsorge oder der Besteuerung von Influencern und insbesondere der Produktbesteuerung. Wenn wir feststellen, dass bestimmte Fragen wiederholt auftauchen, greifen wir sie gezielt auf. Statt denselben Sachverhalt immer wieder einzeln zu erklären, können wir ihn in einem Webinar grundsätzlich einordnen und gleichzeitig einen Austausch ermöglichen.
Ein Mandant kann häufig gar nicht beurteilen, ob die von einer KI genannte Zahl oder Regelung noch aktuell ist.
Sehen Sie in der aktuellen Entwicklung Parallelen zum Phänomen ‚Dr. Google‘ – und an welchen Stellen unterscheidet sich die heutige Situation?
Schmid: Die Parallelen sind auf jeden Fall vorhanden. Der entscheidende Unterschied ist für mich die deutlich niedrigere Hürde. Bei einer klassischen Google-Suche musste man verschiedene Treffer lesen, Informationen vergleichen und sich die passende Antwort selbst zusammensuchen. Eine KI liefert dagegen unmittelbar eine konkrete Antwort, die zudem so formuliert ist, als wäre sie individuell auf die eigene Situation zugeschnitten.
Müller: Hinzu kommt, dass die KI sehr überzeugend kommuniziert. Sie vermittelt schnell das Gefühl, das Problem verstanden zu haben und eine passende Lösung anbieten zu können. Genau darin liegt aber auch eine Schwierigkeit. Gerade im Steuerrecht ändern sich Rechtslagen, Grenzwerte und Regelungen regelmäßig. Eine KI könnte beispielsweise noch mit veralteten Grenzen für Kleinunternehmer argumentieren. Ein Steuerberater hingegen kennt die aktuelle Rechtslage. Ein Mandant kann häufig gar nicht beurteilen, ob die von einer KI genannte Zahl oder Regelung noch aktuell ist.
Schmid: Außerdem fehlt vielen Mandanten das Wissen darüber, welche Informationen für eine steuerlich belastbare Antwort überhaupt relevant sind. Sie wissen also teilweise gar nicht, welche Fragen sie stellen oder welche Besonderheiten ihres Falls sie der KI mitteilen müssten.
Wie verändert sich ein Beratungsgespräch, wenn Sie eine mitgebrachte KI-Antwort berücksichtigen müssen?
Müller: Wir müssen heutzutage mehr einordnen und widerlegen – übrigens auch im Zusammenhang mit Aussagen sogenannter Internetsteuerberater oder steuerlicher Inhalte aus Social Media. Das zeigt sich besonders gut am Beispiel der GmbH. Natürlich kann eine GmbH sinnvoll sein. Entscheidend sind aber immer die individuellen Verhältnisse. Wie hoch ist der Gewinn? Bestehen Haftungsrisiken? Wie viel Geld wird privat benötigt? Welche weiteren Ziele verfolgt der Mandant? Pauschale Aussagen wie "Ab 80.000 Euro Gewinn lohnt sich eine GmbH" helfen deshalb nur sehr begrenzt. Das kann in einem bestimmten Einzelfall zutreffen, lässt sich aber nicht verallgemeinern. In solchen Situationen entsteht im Beratungsgespräch mehr Diskussions- und Erklärungsbedarf.
Schmid: Auf der anderen Seite gibt es aber auch weiterhin viele Mandanten, die sich im Vorfeld kaum mit steuerlichen Themen beschäftigen und froh sind, wenn ihnen diese Arbeit komplett abgenommen wird.
Wenn Vertrauen vorhanden ist, entsteht keine Konkurrenzsituation zwischen Steuerberater und KI.
Wie sollten Steuerberater mit KI-informierten Mandanten kommunizieren, ohne deren Eigeninitiative abzuwerten?
Schmid: Wenn wir erklären, welche Teile einer Antwort stimmen, was möglicherweise veraltet ist und warum ein bestimmter Punkt im konkreten Fall anders zu bewerten ist, wird das in der Regel gut angenommen. Entscheidend ist aus unserer Sicht die bestehende Vertrauensbasis. Da viele Prozesse bei uns digital ablaufen, ist uns der persönliche Kontakt besonders wichtig. Wenn dieses Vertrauen vorhanden ist, entsteht keine Konkurrenzsituation zwischen Steuerberater und KI.
Müller: Die Branche wird ohnehin lernen müssen, mit KI umzugehen. Sie wird in immer mehr Bereichen eingesetzt und auch große Teile klassischer Tätigkeiten in Steuerkanzleien verändern. Standardisierte Prozesse wie Buchhaltung oder Lohnabrechnung werden zunehmend automatisiert. Auch wir setzen bereits KI-gestützte Lösungen ein. Umso wichtiger wird aus unserer Sicht der persönliche Kontakt zum Mandanten. Je stärker Standardprozesse automatisiert werden und Informationen jederzeit über KI verfügbar sind, desto wichtiger werden Vertrauen, individuelle Einordnung und persönliche Beratung.
Werden KI-Chats die persönliche Steuerberatung langfristig erschweren oder verbessern? Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?
Müller: Für uns ist KI eher eine Hilfe. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass sie in Kanzleien, die dem Thema grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen, die Beratung zunächst erschwert. Dort kann schnell das Gefühl entstehen, die KI sei ein Gegner oder Mandanten sollten sich besser gar nicht selbst damit beschäftigen. Wir sehen das anders. Wenn sich Mandanten vorab informieren, können wir gemeinsam prüfen, welche Aussagen stimmen und welche Aspekte auf ihre konkrete Situation zutreffen. Dadurch lassen sich im Beratungsgespräch ganz andere Themen angehen, als wenn zunächst grundlegende steuerliche Zusammenhänge erklärt werden müssen.
Schmid: Die KI kann außerdem bereits wichtige Eckpunkte eines Sachverhalts abfragen. Ein Mandant kommt dann beispielsweise nicht nur mit der Aussage, dass er über eine GmbH nachdenkt, sondern kann seinen Gewinn, seine Ziele und bestimmte Rahmenbedingungen bereits benennen. Das kann eine Beratung tatsächlich effizienter machen.
… und wie steht es um das gefährliche Halbwissen durch "Dr. KI"?
Müller: Natürlich kann KI auch Halbwissen produzieren. Für uns überwiegen trotzdem die Vorteile. Je mehr die Mandanten selbst verstehen, desto einfacher können wir mit ihnen kommunizieren und desto gezielter in die Beratung einsteigen. Deshalb sehen wir KI nicht als Gegner, sondern als Entwicklung, mit der auch die Steuerberatung lernen muss umzugehen.
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