Damrau/Tanck, Praxiskomment... / 3. Prozessuales/Beweislast
 

Rz. 5

Da die Testierfähigkeit in der Regel erst nach dem Tode des Erblassers angezweifelt wird, besteht die generelle Schwierigkeit neuropsychiatrischer Begutachtungen über die Testierfähigkeit darin, anhand der vorhandenen Unterlagen und aufgrund unterschiedlicher Interessenlage oft sehr unterschiedlicher Zeugenaussagen den wahren Zustand des Erblassers zum Zeitpunkt der Testamentserrichtung zu bestimmen. Insoweit sind auch die zur Verfügung stehenden ärztlichen Unterlagen sehr oft nur wenig aussagekräftig, da sie keine oder nur sehr allgemein gehaltene Aussagen über den psychopathologischen Befund bzw. kognitive Beeinträchtigungen enthalten. Erschwert wird eine solche Begutachtung noch dadurch, dass nicht nur der Schweregrad der Beeinträchtigung, sondern auch deren Verlaufsdynamik, gerade bei Demenz, abzuschätzen ist, um die Testierfähigkeit bei der Abfassung des Testaments beurteilen zu können. Dabei sind v.a. Angaben zu den Bereichen zu berücksichtigen, die für eine erhebliche Beeinträchtigung der intellektuellen Leistungsfähigkeit sprechen, z.B.:

erhöhte Vergesslichkeit (im Alter sehr häufig)
Wortfindungsstörungen (Sonderfall: aphasische Störung nach Schlaganfall)
Rechenstörungen
Orientierungsstörung (Verlaufen, Heimweg nicht Finden)
Störungen in der Planung von komplexen Abläufen (z.B. von mehrschrittigen Handlungen wie Ankleiden).
 

Rz. 6

Daneben sind Hinweise auf Einschränkungen in alltäglichen Tätigkeiten, z.B. bei

der Körperhygiene (Waschen, Wasserlassen, Stuhlgang, Ankleiden etc.)
der Fähigkeit, sich selbst Essen oder ein heißes Getränk zuzubereiten
dem Erkennen von bekannten Personen (z.B. möglichen Erben)
dem Umgang mit häufig gebrauchten Geräten (Eierkocher, Radio, Fernseher, Telefon etc.)
der Fähigkeit, selbstständig Einkäufe zu tätigen, dem Umgang mit Geld (eigene Kontoführung etc.)

zu berücksichtigen.

Die Anzahl und der Umfang von Einschränkungen auf den oben genannten Gebieten sind ein wesentlicher Anhaltspunkt für die Schwere der kognitiven Störungen.

Da für die Bewertung der Testierfähigkeit im Zeitpunkt der Testamentserrichtung die Einschätzung des Schweregrades der Demenz wesentlich ist, muss auch die Verlaufsdynamik der zur Demenz führenden Erkrankung in die Beurteilung einbezogen werden.[9]

[9] Vgl. dazu genauer Wetterling/Neubauer/Neubauer, Psychiatrische Praxis 1996, S. 213–216 und dies., ZEV 1995, 46–50.

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